Wenn der Vater mit dem Sohne …


Erfolgs-Beziehung im Motorsport zwischen Inspiration und Belastung

0

Vater und Sohn – ein komplexes, vielschichtiges, manchmal auch undurchdringliches Geflecht aus Beziehungen, Erwartungen, Enttäuschungen. Stoff für unzählige Filme, Bücher, Opern- und Theaterinszenierungen, aber auch für «Aufführungen im richtigen Leben», wie nicht wenige Beispiele beweisen. In «Liebe Deinen Vater» stehen Guillaume und G?rard Depardieu gemeinsam vor der Kamera. Jens Bisky schreibt über das oppositionelle Politiker-Leben seines Vaters Lothar. Und im Sport, im Motorsport beispielsweise? Wer definiert eigentlich das Wort und den Begriff Erfolg? Fängt Erfolgreichsein bei der Kreismeisterschaft an oder muss der Filius es mindestens bis zur Live-Übertragung bei «Premiere» gebracht haben, um als Erbe der väterlichen Gene bestehen zu können? Doch gerade im Motorsport tragen heute viele siegreiche Eleven den Namen großer Väter.

Nico Rosberg--Bild 1

Je spektakulärer die Rennserie, desto größer die Aufmerksamkeit, die ihr gebührt und geschenkt wird. Mehr Schlagzeilen – sportlicher oder klatschblattmäßiger Natur – als bei den Schönen und Reichen in der Formel 1 werden nirgendwo geschrieben. Weshalb die Nachfahren von Rennfahrern mit großem Namen dort mit ebensolchem Druck umgehen müssen. Denn: Je größer die Meriten des Vaters, umso größer die Erwartungshaltung beim Junior. Die Söhne von Jackie Stewart, Niki Lauda und Michael Andretti scheiterten bei ihren Versuchen in der Königsklasse. Lauda Junior Mattias darf heute immerhin noch im Tourenwagen-Rennsport seine Kreise drehen.

Gemessen an den Erfolgen ihrer Papas werden derzeit vor allem Nico Rosberg, Nelson Piquet jr. und Kazuki Nakajima. Der gebürtige Wiesbadener Nico (22), Sohn des 1982er-Weltmeisters Keke Rosberg, fährt inzwischen seine dritte Saison bei Williams. Sein ehemaliger Schulkamerad aus Monte Carlo, Nelson Piquet, Sohn des gleichnamigen dreifachen Formel-1-Weltmeisters, tritt im Team des zweifachen Champions Fernando Alonso bei Renault an. Sein Teamkollege Kazuki Nakajima, der in diesem Jahr in Malaysia erst sein zweites Formel-1-Rennen bestritt, fieberte zu Hause mit, wenn Vater Satoru einen seiner 74 Grand-Prix-Starts absolvierte.

In keiner anderen (Motor-)Sportart haben so viele Sprösslinge hoch dekorierter Fahrer versucht, in die Fußstapfen ihrer berühmten Erzeuger zu treten wie in der Formel 1. Am weitesten gebracht hat es mit Sicherheit Michael Schumachers erster großer Konkurrent, der Engländer Damon Hill. Der Sohn der englischen Rennfahrer-Legende Graham Hill brachte es im Jahr 1996 sogar zum Weltmeister-Titel. Nur ein Jahr später stand der Nachname eines Mannes ganz oben auf der Liste der Formel-1-Triumphatoren, der bis zu seinem spektakulären Tod Geschichte im Hause Ferrari geschrieben hatte. Jacques Villeneuve trat als Champion die Nachfolge seines charismatischen Vaters Gilles, nach dem die Grand-Prix-Strecke in Montreal benannt wurde, an.
Doch allein der berühmte Name bürgt nicht für gleichen Erfolg. Die Formel-1-Eleven der Größen früherer Jahre haben in der Regel die gleiche Schule von der Pike, sprich meistens vom Kart, an durchlaufen, wie der Herr Papa. Nico Rosberg, Sohn eines Finnen und einer Deutschen, gilt als das Paradebeispiel einer geradezu traumhaften Vater-Sohn-Beziehung, die – geht es nach dem Willen der Yellow Press – nur mit dem Weltmeister-Titel für den smarten, multilingualen Sonnyboy Nico, enden kann. «Papa hat mich nie dazu gedrängt, Rennfahrer zu werden, aber es kam geradezu zwangsläufig. Als er Weltmeister wurde, gab es mich zwar noch nicht. Aber ich wusste, dass er einmal der Beste war, und so wurde er früh mein erstes und größtes Vorbild», blickt Williams-Pilot Nico Rosberg auf seine Anfänge zurück.

Nico Rosberg--Bild2

Nico Rosberg

Auch Sam Michael, sein Technischer Direktor, ist der Meinung, dass «Nicos PS-freundliche Kinderstube ihm gut bekommen ist. Die väterliche Starthilfe hat unschätzbar viel gebracht.» Die Söhne berühmter Piloten, so Michael, hätten eine «komplett andere Einstellung zum Rennfahren als andere Talente. Als kleines Kind ist der Beruf des Vaters etwas ganz Normales für sie. Sie wachsen mit dieser Konstellation auf. Schon in den ersten Jahren des Begreifens lernen sie fast zwangsläufig, was man im Job des Vaters alles falsch oder richtig machen kann, und eignen sich das dann an.»

Zum «logischen» Weltmeister eines ebenso berühmten wie dominanten und dominierenden Vaters wurde der eigentlich sehr introvertierte und zurückhaltende Damon Hill. «Vater war wegen seines Berufes als Rennfahrer und seiner persönlichen Ausstrahlung der absolut dominierende Teil der Familie. Ich hatte gar keine andere Chance, als dem übermächtigen Patriarchen nachzueifern.» Hill, der sich völlig aus dem Rennsport-Geschehen zurückgezogen hat, gab nach seiner Karriere aber auch zu, dass «der Name des Vaters bei der Suche nach einem Rennstall und Testfahrten von ungeheurer Wichtigkeit war. Eine Rennfahrer-Karriere kostet sehr viel Geld, und ein Graham Hill wusste halt zu seiner Zeit, wo man die notwendigen Finanzen locker machen konnte, um den Sohn zu fördern.»

Nelson Piquet jr -- Bild 1 --

Der Schotte Jackie Stewart, der einst das geflügelte Wort von der «Grünen Hölle» am Nürburgring kreiert hatte, musste mit ansehen, wie sein Sohn Paul bei dessen Bemühungen, in die Fußstapfen des Vaters zu treten, scheiterte. «Manchmal ist der Druck für die Jungen einfach viel zu groß.» Kazuki Nakajima, so Stewart, habe es da mit Sicherheit einfacher. «Was er macht, kann nur richtig sein. Sein Vater Satoru hat es im Lotus in 74 Rennen auf zwei vierte Plätze als beste Ergebnisse gebracht.» Doch je eher sich die Jungen mit eigenen Erfolgen von den Alten «abnabeln», umso stressfreier ist es manchmal für die eigene Vater-Sohn-Beziehung. «Er hält sich da völlig raus», sagt Nico Rosberg heute und bekennt: «Je älter ich werde und je erfolgreicher, umso mehr lerne ich meinen Vater eigentlich kennen.»
Doch die Gene eines erfolgreichen Vaters müssen beim Filius nicht unbedingt in die Formel 1 führen, um die familiären Bande zu dokumentieren. Bestes Beispiel dafür sind der erste deutsche DTM-Champion aus dem Jahre 1986, der gebürtige Däne Kurt Thiim und sein Sohn Niki. Kurt, in Irrel in der Eifel heimisch geworden und mittlerweile in Luxemburg lebend, greift heute noch bei Langstreckenrennen ins Volant, während sein 18-jähriger Sprössling Titelanwärter beim Seat Leon Supercopa im Rahmen der Deutschen Tourenwagen-Masters (DTM) ist.

Nelson Piquet jr --Bild 2--

Nelson Piquet jr.

Den engsten Draht zueinander finden beide übrigens nicht auf der Rennstrecke, sondern bei einer viel entspannenderen und ruhigeren Sportart. Beim Angeln in der Sauer nämlich, einem kleinen Nebenflüsschen der Mosel. Und dass Vater und Sohn dabei nicht nur kaputte alte Schuhe aus dem Wasser ziehen, davon zeugt so mancher Pokal im Hause Thiim.

«Papa hat mich nie dazu gedrängt, Rennfahrer zu werden, aber es kam geradezu zwangsläufig.»

Weitersagen

Schreiben Sie einen Kommentar