Völlig verrückt – oder richtige Helden?


Zwei Jubiläen prägen das Motorsport-Jahr 2009

0

«Aus diesem Auto kann man ja regelrecht herausfallen. Diese Kerle damals müssen völlig verrückt gewesen sein.» Kunstpause. «Oder Helden, richtige Helden.» Der das sagt, ist 24 Jahre alt und absolviert soeben einen seiner vielen PR-(Pflicht-)Termine als amtierender Formel-1-Weltmeister.

Silberpfeile Reims 1954

Lewis Hamilton hat Karriere gemacht im Zeitalter von ABS und Airbag, von Navi und Notebook. Nun sitzt er in einem jener Fahrzeuge, die zwischen 1934 und 1955 Motorsport-Geschichte geschrieben haben und aus einem ganz anderen Zeitalter zu kommen scheinen. «Silberpfeile» nannte man sie, wegen der aluminiumfarbenen Karosserie. Aufrecht und im rechten Winkel saßen die Abenteurer jener Tage im Fahrzeug. «Schutz» bot allenfalls ein dunkles Loch auf beiden Seiten. Muskelkraft statt elektronischer Lenkhilfe, und dass da eine Pedalerie ist, mag man allenfalls aus deren metallischem Kleppern und Scheppern schließen. «Welch ein Unterschied zu unserer Zeit, in der die Fahrer quasi flach eingepresst in den Boliden liegen und nur ein bunter Helm mit dunklem Visier von außen zu sehen ist.»

Audi-Studie Bernd Rosemeyer 2005

Einer jener Helden, von denen Lewis Hamilton fast andächtig spricht, wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden, am 14. Oktober.

Er starb mit nur 28 Jahren im Rennwagen, das trug fast zwangsläufig zur Legendenbildung bei.

Mehrere Weltrekorde hatte Bernd Rosemeyer bereits aufgestellt. Beim Versuch, die am 28. Januar 1938 von Rudolf Carraciola erreichte Rekordmarke von 432,692 km/h am selben Tag zu übertreffen, wurde sein «Auto Union Typ R» (Rekordwagen) bei Tempo 440 auf der Autobahn Frankfurt-Darmstadt (heute A5) von Seitenwind erfasst und überschlug sich mehrere Male. Bernd Rosemeyer war auf der Stelle tot.

Ein Mann, dessen Biographie perfekt ins Ideal des Nationalsozialismus passte und von den Machthabern entsprechend instrumentalisiert und inszeniert wurde – ohne dass er selbst aktiv Dienst in der SS geleistet hätte. Rosemeyer selbst sah sich als Rennfahrer aus Passion, ohne ideologisch verblendet zu sein. Die Ehrungen durch das Schreckensregime wurden ihm allein wegen seiner Erfolge zuteil.

Bernd Rosemeyer 1936

Auch die Silberpfeile, in denen Lewis Hamilton respektvoll und staunend Platz nimmt, feiern in diesem Jahr Geburtstag – ihren 75.

Die trocken-nüchternen Buchstaben- und Zahlenkombinationen W25, W125, W154 und W196 stehen von 1934 bis zum Formel-1-Rückzug der Stuttgarter 1955 für Fahrzeuge als Zeugen höchster Ingenieurskunst. Ein Zahlenbeispiel: Der W125 schöpfte 1937 aus den 5,7-Liter-Hubraum seines Achtzylindermotors 600 PS, was (ohne jegliche Sicherheitsvorkehrung!) eine Höchstgeschwindigkeit von 320 km/h erlaubte. Und nach dem Krieg meldete sich Mercedes mit dem W196, einem «nur» 256 PS starken Achtzylinder, in der Formel 1 zurück.

Und heute? Optisch wie technisch sind die Fahrzeuge der «Generation Hamilton» völlig andere. Übernommen haben sie freilich den Namen, der sogar eine langjährige Formel-1-Abstinenz von Mercedes überdauerte. Die Rennwagen sind Silberpfeile. Damals wie heute.

Lewis Hamilton im Silberpfeil

Weitersagen

Schreiben Sie einen Kommentar