Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger e.V.

Vigor-Balsam und die Freiheit, unterwegs zu sein


Nonkonformismus statt alltäglicher Hektik

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„Anstelle von Benzedrin hatten wir Vigor-Balsam. Anstelle des ländlichen Amerikas und des Mexikos der Fünfziger hatten wir die Ukraine. Aber es ging um dasselbe. Wir schnappten uns die Rucksäcke und waren on the road.“

Jack Kerouac:
Unterwegs

Rowohlt Taschenbuch Verlag (rororo)
9,99 Euro

 

 

 

 

Neugier als einziger Kompass, kein Termindruck, keine Hektik: Es wirkt schon wie „aus der Zeit gefallen“, wenn Ziemowit Szczerek junge Polen durch die Ukraine reisen lässt, ohne ein konkretes Ziel. Statt Benzedrin, üblich in den amerikanischen Aussteiger-Romanen, muss man sich an Vigor-Balsam berauschen. Der ist eigentlich als Medizin gedacht und in Apotheken zu haben. Statt eleganter Autos gibt es Marschrutkas, also die Sammeltaxis, die selbstverständlich zum Stadtbild gehören.

Hannes Wader

7 Lieder

(Universal Music)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und sogar ein Lada Samara als Polizeiwagen verströmt nicht jenen Respekt, den man vom Dienstauto eines Ordnungshüters erwarten kann.

Die Suche nach der „postsowjetischen Exotik“ führt dazu, dass die Reisenden ein Land im völligen Umbruch erleben. Ziemowit Szezerek, Jahrgang 1978, gehört zu den streitbaren Intellektuellen in Polen und hat sich schon in jungen Jahren einen Namen gemacht. Und wenn in „Mordor kommt und frisst uns auf“ dann noch über Kommunismus und Kapitalismus philsophiert wird, konkreter als in jeder Uni-Vorlesung, dann wird klar: Ziemowitz Szczerek führt eine literarische Tradition fort, die es nicht nur in Osteuropa gibt, wo Szczereks Helden das „Russige“ suchen.

In Jack Kerouacs „Unterwegs“, von dem „Mordor“ inspiriert ist, springen die Außenseiter, die die Normen der Gesellschaft kritisch beobachten, auf Güterzüge und Lkw auf, um weiterzukommen. Nicht zur Nachahmung empfohlen, aber Ausdruck eines konsequenten Nonkonformismus. In Deutschland denkt man bei dem Thema rasch an Hannes Wader. Dessen „Heute hier, morgen dort“ von 1972 ist längst bekannter als die amerikanische Vorlage „Indian Summer“ von Gary Bolstad und existiert sogar in einer französischen Fassung. Die Langspielplatte „7 Lieder“, auf der es erstmals erschien, hatte dem bekennend linken Querkopf Wader zunächst einigen Ärger eingebracht.

Ganze Generationen inspiriert

Unterwegssein als Form von Nonkonformismus: Diese drei Beispiele haben – teils früh, teils verspätet – ganz unterschiedliche Würdigungen erfahren. Szczereks Roman wurde bald nach Erscheinen vielfach ausgezeichnet, Jack Kerouac hat ganze Generationen von Autoren inspiriert. Und Hannes Wader, heuer 75 geworden und 2013 mit einem ECHO für sein Lebenswerk ausgezeichnet, wird auch die Konzerte seiner Abschiedstournee mit seinem Klassiker beginnen: „Heute hier, morgen dort“. Deren Konzerte waren übrigens im voraus komplett ausverkauft.

Ziemowit Szczerek     

Mordor kommt und frisst uns auf

Verlag Voland & Quist 20 Euro

 

 

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