Martin Semmelrogge


Schräger Mime. Schräge Autos

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Wir haben uns mit ihm auf Mallorca verabredet, in Campos, einer kleinen Gemeinde im Südwesten der Ferieninsel. Martin Semmelrogge empfängt uns auf seiner Finca, ein bescheidenes Häuschen mit Turm, Swimming-Pool, und einem Schuppen, der jeden Moment einzustürzen droht. Wir sollen bitte keine Fotos machen von der Finca, zumindest nicht von außen. „Die Leute sollen nicht wissen, wo ich wohne, sonst rennen die mir hier die Bude ein!“

Semmelrogge ist schon seit mehr als zwanzig Jahren auf Mallorca heimisch, lebt hier in sicherer Distanz von den Touristen-Zentren, in seinem »Semmelland«. Fühlt sich an wie Kalifornien hier, meint er, dort habe er schließlich eine Zeit lang gelebt, sagt einer, der bei den Hollywood-Filmemachern als einer der wenigen deutschen Schauspieler mehrfach auf Besetzungslisten stand. Semmelrogge gilt zurecht als besonders vielschichtiger Künstler, als einer, der Kino- und Theatergeschichte geschrieben hat wie kaum ein zweiter seines Genres. Ein Antiheld, in seinen Rollen, oft auch im privaten Leben. Schauspieler mit Herz und Fanatiker für alles, was schnell ist und möglichst viel Wirbel macht.
„Der hängt hinten schon wieder runter, muss mal nach der Luftfederung schauen“, meint er, als er uns auf dem Gelände zu einem seiner schnellen Schätzchen führt, eine Mercedes E-Klasse, AMG, 347 PS, himmelblau. „Der hat keinen Turbo, das ist noch ein Sauger“, schwärmt Semmelrogge. Ob man den auf Mallorca auch mal ausfahren könne, fragen wir schmunzelnd. „Ich habe da meine Strecken, klar.“
Martin Semmelrogge teilt sich seine Finca mit Freundin Regine, Hundemischling Elvis und ein paar Youngtimern, alles Fahrzeuge, die ihn in den vergangenen Jahren begleitet haben, überwiegend Mercedes, seine Lieblingsmarke. Sein bestes Stück steht in dem baufälligen Schuppen, ein SL aus den Neunziger Jahren, auch ein AMG, 6 Liter, mehr als 400 PS. Den damals superteuren 12-Zylinder hatte Semmelrogge vor ein paar Jahren einem Rentner von der Insel abgeschwatzt, ein Schnäppchenkauf. Er nennt sie seine »Luden-Karre«, das Teil laufe »wie die Sau« quasi. Die Probefahrt habe damals von Mallorca zur Berlinale, den berühmten Filmfestspielen, stattgefunden, mitten im Winter, mit Stoffdach. „Wenn der das durchhält, dann nehm ich den. Und der hat durchgehalten!“
Die Begeisterung für altes Blech habe Semmelrogge von Vater Willy geerbt, auch Schauspieler – und Theaterregisseur, in den Siebzigern bekannt als »Tatort«-Ermittler. Willy habe damals einen BMW 1800 TI gehabt von 1969. Mit dem Auto sei Martin hin und wieder ausgebüchst, über die Berliner Stadtautobahn gejagt, bis er irgendwann mal geschnappt wurde.

DIE VORSTADTKROKODILE

Das Boot 1981

Leidenschaftlich, vielseitig, unangepasst, unverwechselbar. Und auch als Bösewicht irgendwie sympathisch. Scheint so, als habe sich Martin Semmelrogge in seinen Filmen oft selbst gespielt. Für seine wichtigste Rolle als schelmischer Wachoffizier im Anti-Kriegsfilm-Klassiker „Das Boot“ von 1981, seinerzeit die bis dahin teuerste deutsche Kino-Produktion (Regie: Wolfgang Petersen), sei er gar nicht vorgesehen gewesen, erzählt er. Dass er mitspielen durfte, war ein Glücksfall. Mit dem Erfolg habe keiner gerechnet, auch er nicht. Bei der Filmpremiere in Amerika hatte man sich auf vernichtende Kritik eingestellt. Für ihn, sagt Semmelrogge, habe sich an diesem Tag quasi die Karriere entschieden. „Da kommen ausgerechnet die Deutschen mit einem pompösen Antikriegsfilm nach Hollywood. Wir waren uns sicher: die nehmen uns bei der Premiere auseinander“, erinnert sich Semmelrogge. Nach Ende des Films sei es im Saal mucksmäuschenstill gewesen. Auf einmal seien alle aufgesprungen und es gab standing ovations. „Da hab ich zum ersten Mal gemerkt, was so ein Film tatsächlich bewegen kann.“
Semmelrogge sagt von sich, er gehöre zu denen, die in ihren Filmen zwar allzu oft verlieren würden, sich aber dennoch als Gewinner fühlen. Das ziehe sich auch durch sein privates Leben, mit all den Eskapaden. Als Erzkomödiant und Tragiker zugleich sei er auch mit Ende 60 nach wie vor gefragt. „Der König von Palma“ und diverse Bühnen-Engagements sind die aktuellen Projekte, die Offerten gehen nicht aus. Es gebe nach dem Applaus noch mal eine Zugabe und die falle zum Glück ziemlich fett aus. „Ich will abtreten, wenns noch würdevoll ist, aber ich bin zum Glück noch superfit für mein Alter“, sagt er, während er aus dem Verschlag seine alte Harley-Davidson hervorrollt. Für die »Lady« hat er sich extra in Schale geschmissen. Die Harley begleite ihn schon sein halbes Leben, seine Freundin mit der rauen Stimme. Auch eine, die niemals schlapp mache und meistens auf der Überholspur unterwegs sei. Die wichtigsten Filme fahren quasi immer mit. Ein befreundeter Künstler hat die Plakatmotive stilsicher auf dem Tank verewigt: die Straßen von Berlin, Schindlers Liste, Bang Boom Bang. Damit die Kunst nicht leidet, hat Semmelrogge das Bike seit rund 20 Jahren nicht mehr gewaschen.
Der sympathische Antiheld cruist mit uns noch ein wenig durch den Südwesten Mallorcas. Und wir erfahren: Man kann das ulkige Gespann sogar buchen.
Wenn er Zeit findet, bietet Martin Semmelrogge geführte Harley-Touren an. Stories aus seinem turbulenten Leben inklusive.

Fotos Thorsten Link, picture alliance/ United Archives/kpa, WDR

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