Raketen-Bruno


Brutal aber gerecht

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Unter Motorsport stellen sich viele Rennsport-Begeisterte in erster Linie Rundstrecken-Rennen in den Formel-Klassen, in der Langstrecken-Szene mit Le Mans als Höhepunkt oder mit Tourenwagen und GT-Boliden vor. Motorsport kann aber auch ganz anders sein: reduziert auf den in einem kleinen engen, rappelnden, nach vorn schießenden leichten Käfig.

Fokussiert auf jeden Meter einer in der Regel 1,5 bis zwei Kilometer langen Strecke durch ein Waldstück. Vorbei an doppelten Leitplanken, an einem Wall ausgedienter, befestigter Autoreifen. Die Leute am Berg sind Einzelkämpfer gegen den Sekundenzeiger, eingepfercht in ihren Donnerbüchsen. Oft sehen sie nicht mehr als den Himmel, ein paar Fetzen Asphalt und vorbeihuschende Baumwipfel. Und müssen sich dabei jede Unebenheit, jeden Bremspunkt, jeden Einschlagwinkel jedes Mal detailliert vor Augen halten. 


Ein Mann,
der Bestzeiten am laufenden Band
pulverisiert

Einer der „Helden der Berge“ ist der Schweizer Bruno Ianniello, den alle nur „Raketen-Bruno“ nennen. Ein Mann, der mit einem schneeweißen Lancia Delta S4 Bestzeiten am laufenden Band pulverisiert. Nirgendwo in Deutschland kennt man Bruno besser als in dem kleinen Eifelort Wolsfeld an der Grenze zu Luxemburg. An Pfingsten steht der 500-Seelenort Kopf, wenn seit mehr als 50 Jahren der „Große Preis der Südeifel“ an zwei Tagen ausgetragen wird. Dort gehört Ianniello mittlerweile quasi zum Dorf.

Der Italo-Schweizer ist ein freundlicher älterer Herr, den man sich auch im eleganten Anzug an einem Bankschalter statt angegurtet im Rennoverall vorstellen kann. Der 58-jährige Unternehmer ist ein typischer Selfmademan. Anfang der 1990er Jahre begann Ianniello als interessierter Amateur mit dem Bergrennsport: in einem Fiat 128. Heute ist er Schweizer Serienmeister am Berg und eine Ikone des internationalen Bergrennsports mit Tourenwagen. „Was mich am Bergrennen so fasziniert, ist die Kombination von Präzision und Wucht. Der kleinste Fehler, die geringste Unachtsamkeit, kann dir den ganzen Lauf, das ganze Rennen, das ganze Jahr kaputt machen. Und du kannst die Schuld keinem anderen geben als nur dir selbst. Bergrennsport ist brutal, aber gerecht.“

Ianniellos Delta S4 war ein 1985 von Lancia gebautes Gruppe-B-Auto für die Rallye-WM. Das Geheimnis der 960 Kilo leichten Karbonflunder ist Zusammenspiel von Turbolader und Kompressor. Untenrum arbeitet nur der Kompressor. Im mittleren Drehzahlbereich schaltet sich der Lader dazu, der ganz oben nach Abkopplung des Kompressors alleine wirkt. In der Straßenversion leistet er 250 PS bei 6750 U/min. In der Rallyeversion sind es offiziell 480 PS bei 8400/min. Das Berggeschoss bringt es auf brutale, nur von wenigen Spezialisten beherrschbare 760 PS bei einem Drehmoment von 690 Newtonmetern. Die Kraft wird zu einem zentralen Planetengetriebe geleitet, welches sie variabel von 25 bis 75 Prozent an der Vorderachse und 40 bis 60 Prozent an der Hinterachse verteilt.

 

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