Ostner: Himmelblauer Hingucker


Rarität aus Dresden

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Insidern reicht die Buchstabenkombination OD. Doch wer kein eingefleischter Oldtimerfreund ist, wird selbst mit dem vollen Namen »Ostner Dresden« nichts anfangen können. Willy Ostner war einer von Hunderten wagemutiger Unternehmer, die sich im Vorkriegsdeutschland im Bau von Motorrädern versuchten. 1921 gründete er eine Fahrzeugfabrik in Dresden, bis 1936 baute er O.D.-Motorräder. 

„Es gibt keine verlässlichen Angaben, wie viele OD insgesamt gebaut worden sind“, erläutert Jens Weißleder aus Crimmitschau bei Zwickau. „Aber Schätzungen haben ergeben, dass es wohl nicht mehr als 1.000 Stück gewesen sind.“ Entsprechend selten ist die große Ostner Dresden T100 mit ihren 996 ccm Hubraum – sicher weniger als 100 Exemplare dürften es in den drei Jahren ihrer Bauzeit gewesen sein. Eine davon – Baujahr 1928 – gehört Jens Weißleder. Eine mächtige Maschine in einer – damals wie heute – ungewöhnlichen himmelblauen Lackierung. Die aktuelle Zahl der T100 dürfte bei maximal zehn liegen. 

MAG (Motosacoche Acacias Genève) aus der Schweiz lieferte den Antrieb. Das Aggregat hat eine IOE-Ventilsteuerung, bei der das Einlassventil über dem Auslassventil platziert ist (IOE =  Inlet over Exhaust englisch für »Einlass über Auslass«). 

Die Einlassventile werden von der Nockenwelle von oben angesteuert, die Auslassventile neben den Zylindern von unten. Dieses früher weit verbreitete Prinzip hat sich jedoch wegen des nicht optimal geformten Brennraums sowie einer nur beschränkten Verdichtung nicht durchgesetzt. 

Die Leistung des Motors liegt bei 22 PS bei 3.300 Umdrehungen pro Minute, womit sich laut Ostner-Prospekt eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h erzielen lässt. „Das ist bei diesem Fahrwerk ausreichend, da die T100 eine Kurvenlage wie ein Dixi-Klo hat,“ meint Jens Weißleder. Der Verbrauch wird mit ca. 5,5 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer und 1 Liter Öl auf 300 Kilometer angegeben. 

Zwei Ketten sorgen für die Kraftübertragung vom Motor zum Getriebe und vom Getriebe zum Hinterrad. Ostner legte großen Wert auf die Feststellung, dass nicht nur die vordere Kette gekapselt sei, sondern auch „die hintere Kette ebenfalls reichlich abgedeckt“ ist. Vier elektrisch beleuchtete Armaturen im Tank fallen sofort ins Auge: Zwei Tankinhaltsanzeigen in Litern, eine 8-Tage-Uhr und ein Tachometer bis 140 km/h.

Doch wie kommt man an eine solche Rarität? Die OD von Jens Weißleder wurde in die Schweiz ausgeliefert. Dort diente sie, als Gespann, dazu, Holz zu transportieren.
„Ein Oldtimer-Freund aus meiner unmittelbaren Umgebung hatte eine Rennmaschine mit einem D50 MAG-Motor, was sich bis in die Schweiz herum gesprochen hatte. Die Schweizer wollten unbedingt diese Rennmaschine mit dem in der Schweiz gebauten Rennmotor kaufen – unmöglich zu DDR-Zeiten. Dann kam die Wende, und kurze Zeit später wurde getauscht: Rennmaschine gegen Ostner Dresden.“ Jens Weißleder kannte die OD zwar, sie war für ihn und seine Frau Sina ein schön anzusehendes, aber halt auch unerreichbares Stück Motorradgeschichte. Der Kollege wollte sie nie verkaufen. Familie Weißleder wusste auch, dass Ostner-Motorräder nicht für kleines Geld zu bekommen waren – und eine 1.000er erst recht nicht. „Irgendwann stand sie dann doch zum Verkauf. „Wir haben sie bekommen!“ Nun ist die Ostner wieder da, wo sie herkommt und zwar in Sachsen.  Und auch wieder da, wo sie hingehört: auf der Straße. Als Hingucker bei Oldtimertreffen. 

Fotos privat

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