Mit Lust und Laune ins Milliardengrab


Beispiel Spa-Francorchamps: Wie sich Rennstrecken-Betreiber für einen Auftritt der Formel 1 bereitwillig die Daumenschrauben anlegen lassen

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Die «Abbaye de Stavelot» in den belgischen Ardennen ist ein beschaulicher Ort der Ruhe, Einkehr und Besinnlichkeit. Gelegen in einer waldreichen, hügeligen und größtenteils fast unzugänglichen Region in Europas Mitte, die zu den unseligen Zeiten des Zweiten Weltkriegs teils unbarmherzige Schlachten gesehen hat. Die Überreste der Abteikirche aus dem 11. Jahrhundert gehören zu den größten archäologischen Kostbarkeiten Walloniens. Der Alltag in der Abtei umfasst heute aber auch viele Ausstellungen mit ständig wechselnden Themen. Sicherlich ungewöhnlich für einen Ort klerikaler Besinnung, aber wenig verwunderlich, wenn man die Lage zwischen den Städten Malmedy, Stavelot und Spa bedenkt, ist das in der Abtei untergebrachte Museum der Rennstrecke von Spa-Francorchamps, dem Schauplatz des «Großen Preises von Belgien» der Formel 1.

(c)PS-Photo-B.Schoke-für KÜS-Spa-Nacht Bus-Stop-Schikane Ausfhrt6247

Die Ardennen-Achterbahn mit ihren weltbekannten Passagen wie «Blanchimont», «Eau Rouge» oder «La Source» gehört ganz sicher zu den schwierigsten und fahrerisch anspruchsvollsten Rennstrecken auf der ganzen Welt. Michael Schumacher hat sie einmal in einem Anflug von Pathos als «mein Wohnzimmer» bezeichnet. In den majestätischen, hohen Kellergewölben der Abtei erzählt dieses Museum die einzigartige Geschichte von Spa-Francorchamps. Immer wieder neue Rennfahrzeuge aus verschiedenen Epochen, noch nie veröffentlichtes Bildmaterial, und der persönliche Werdegang von Pionieren des Motorsports lassen das Museum in der Abtei von Stavelot zu einer wahren «Pilgerreise» in die Vergangenheit des Automobilsports werden.

Dieses aufgeschlagene Bilderbuch der Ardennen-Rennstrecke zeigt aber auch die immensen Schwierigkeiten und Anstrengungen, die die Betreiber einer solchen Anlage mit ihren riesigen Natur-Tribünen, Parkplätzen, Zufahrten und der dazu gehörenden Infrastruktur einer ganzen Region bewältigen müssen, um dauerhaft überleben zu können. Nicht immer in den vergangenen Jahren gehörte Spa zu den Schauplätzen der Formel-1-Weltmeisterschaft, nach mehreren Pausen wegen kommerzieller Probleme kehrte der Kurs erst vor zwei Jahren wieder in den Kreis der Formel-Austragungsstätten zurück. Seitdem wird wieder um WM-Punkte gefahren in den Ardennen: Am 30. August gastierte der «Circus Ecclestone» auch in diesem Jahr wieder in «Schumis Wohnzimmer».

In Zeiten künstlicher Retortenkurse wie etwa Bahrain, Schanghai oder Malaysia haben es die Natur-Rennstrecken des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts schwer, sich zu behaupten. Bei allem Reiz, allem Charme, den sie ausstrahlen, sind sie doch in der Regel aus Sicht der dominierenden Marketing-Gesichtspunkte einfach schlechter positio-niert. Weil das so ist, weil Bewerber wie Spa schlechtere Karten haben und man mit Kursen wie in Belgien weniger Geld verdienen kann, müssen sich die Betreiber solcher jahrzehntealter Kultstätten des Motorsports den Gegebenheiten anpassen. Das heißt in der Regel aber auch, ein mitunter unüberschaubares finanzielles Risiko einzugehen und ein Stück weit auch etwas von der eigenen Identität aufzugeben.

Denn die Praktiken von Formel-1-Boss Bernie Ecclestone und dessen immer umfangreicher werdender Forderungen-Katalog an die Streckenbetreiber sind bekannt.

Es sind vertragliche «Daumenschrauben», damit diese ihren Platz im internationalen Rennkalender behalten können.

Werden diese nicht anstandslos erfüllt – wie etwa im Fall der britischen Rennstrecke Silverstone – fliegt das Rennen unerbittlich aus dem Kalender. Tradition hin oder her: Lieber wird die nächste Retortenschüssel in einer Millionen-Metropole oder in der Wüste aus dem Boden gestampft. Das Beispiel Silverstone ist bekannt, Donington löst ab dem kommenden Jahr den Traditionsort für den Großen Preis von Großbritannien ab.

Spa-Tag-Eau Rouge-Markenpokal-Rennen

Dem Beispiel anderer Rennstrecken folgend, wurden zur F1-Rückkehr vor zwei Jahren auch an und rund um die belgische Rennstrecke großzügige und kostenintensive Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen vorgenommen: Ein neues Boxengebäude, ein großzügiger dimensioniertes Fahrerlager, bessere Verkehrsanbindungen und mehr Komfort für die Zuschauer, die sich größtenteils aus Camping- und Natur-Enthusiasten unter den Motorsport-Freunden rekrutieren. Spa hat in den vergangenen Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag investiert, um kein Opfer der Ecclestone’schen Expansionsstrategie zu werden. Ihre Charakteristik hat sich die «Achterbahn» in den Ardennen dennoch behalten. Denn trotz etlicher anderer Rennserien, die zwischen «Eau rouge» und «La source» gastieren, zieht die Königsklasse immer noch am meisten. Auch wenn man mit der Formel 1 längst kein Geld mehr verdienen kann, so ist sie doch ein ungeheurer Werbefaktor, der die eigene Verhandlungsposition bei anderen Veranstaltungen erheblich stärkt.

Den Ausrichtern eines Formel-1-Rennens bleiben zur Refinanzierung ihrer gewaltigen Ausgaben nur die Ticketeinnahmen. Werbe- und Vermarktungseinnahmen gehen komplett an Bernie Ecclestones Formula One Management (FOM) und werden zum Teil wieder an die Teams ausgeschüttet. Eine Erhöhung der Eintrittspreise kann so gut wie gar nicht die Summe für die Anmietung des Fahrerfeldes, die bei geschätzten 16 Millionen Euro liegt, begradigen. Zudem hat sich Ecclestone angeblich eine jährliche Steigerungsrate von zehn Prozent vertraglich garantieren lassen.

Die Investitionen haben sich offensichtlich zumindest im Ansatz gelohnt. So melden die Betreiber der Rennstrecke in diesem Jahr trotz wirtschaftlicher Krise und weltweiter Rezession einen prall gefüllten Terminkalender von Frühling bis Mitte November des Jahres. «Wir hatten seit Langem nicht mehr eine so starke Nachfrage, die das vorhandene Angebot auf der Hauptstrecke bei Weitem überschreitet», erklärt Spa-Pressesprecher Luc Willems gegenüber dem KÜS magazin. Das hat aber in erster Linie damit zu tun, dass man sich auch außerhalb der bisher bekannten Geschäftsfelder tummelt. Längst ist Spa-Francorchamps mehr als nur eine Rennstrecke in einem wild zerklüfteten Teil Mitteleuropas, in dem einmal unbezwingbare Gallier hausten, geworden. Fortschrittliche Meeting- und Eventplaner haben das Areal der weltberühmten Rennstrecke längst für andere, wenn auch größtenteils noch themenverwandte Komplexe, entdeckt. Die Safety Academy des «Royal Automobile Club of Belgium», also des Königlich belgischen Automobilclubs, hat in Spa eine Sicherheitsfahrschule installiert. Sie ist etwas abseits des eigentlichen Kurses gelegen, genauso wie eine Kartbahn, die Hobby-Rennsportler anziehen soll und sich durch familienfreundliche Preise auszeichnet. Wer selbst einmal den Rennsport erprobten Asphalt unter die Füße nehmen will, der kann dies inzwischen bei regelmäßigen Bustouren tun. Dabei arbeitet der Streckenbetreiber mit der ehemaligen Abtei von Stavelot zusammen.

Wer will, kann die Rennstrecke und ihre gesamte Infrastruktur während der Woche selbst ab 18 Uhr für Firmen-Aktivitäten mieten.

Sicherlich ein ganz besonderes «Schmankerl» für Geschäftsfreunde oder Betriebsangehörige zu Jubiläumsfeiern. Dazu wurde ein sogenanntes «After Six Konzept» erarbeitet, das sich gezielt an Agenturen und Eventplaner richtet.

Doch Spa ist bei seinen Überlebens-Bemühungen weiß Gott nicht alleine. Wie sehr mittlerweile sich ganze Sportnationen aus Prestige-Gründen dem Diktat des allgewaltigen kleinen Briten unterworfen haben, zeigt das aktuelle Beispiel Frankreich: Der ungeliebte Kurs von Magny-Cours ist «Big Bernie» längst ein Dorn im Auge, für dieses Jahr wurde er schon aus dem Kalender gestrichen. Die 2001 renovierte und umgebaute Alternative «Paul Ricard» ist bestenfalls ein moderner «Test and Track»-Bereich.

Jetzt gibt die «Grande Nation» klein bei und hat ein Projekt für eine Strecke rund 40 Kilometer nordwestlich von Paris vorgestellt.

Dort könnte bereits 2011 auf dem neuen 4,5 Kilometer langen Kurs ein Grand Prix stattfinden. Die vom französischen Star-Architekten Jean-Michel Wilmotte konzipierte neue Anlage, die 120.000 Zuschauern Platz bieten soll, liegt nahe an einer Autobahn und einer TGV-Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecke. Renault würde die neue Strecke angeblich als Versuchsgelände nutzen wollen, heißt es. Die Kosten sollen sich auf 112 Millionen Euro belaufen. Ohne Gewähr und mit viel «Luft nach oben» versteht sich. Eine neue Rennstrecke mit Fomel-1-Charakter, so haben diesbezügliche Studien ergeben, würde der betreffenden Region zwischen 1.500 und 2.500 permanente zusätzliche Arbeitsplätze bescheren. Die jährliche Wertschöpfung wird auf bis zu 50 Millionen Euro geschätzt. Diese Expertisen gehen allerdings davon aus, dass die neuen Strecken während des ganzen Jahres ausgelastet sind (etwa als Teststrecken der Pkw- und Reifenindustrie, bei Top-Events der Musik- und Showbusiness-Szene oder bei anderen Motorsport-Veranstaltungen). Das Formel-1-Wochenende selbst würde dagegen nur ein – in der Höhe schwer definierbarer – Kostenfaktor sein, der durch andere Veranstaltungen aufgefangen werden müsse.

Wem jedoch alle diese Summen und Zahlenspiele zu viel Kopfzerbrechen und Schwindelgefühle bereiten, für den haben wir zum Schluss eine überdenkenswerte Alternative anzubieten: Das Internetportal www.miet24.de bietet eine aufblasbare Formel-Rennstrecke an. In der Angebotsbeschreibung heißt es: «… ist ideal für Ihre kleinen Gäste zu jeder Gelegenheit. Die aufblasbare Rennstrecke (23 x 13 Meter) haben wir ruck, zuck auf Ihrem Gelände aufgebaut.»

Preise werden keine genannt, die gibt es auf Anfrage. Das Ganze wird aber wohl irgendwie bezahlbar sein. Und Parallel-Strukturen zur «richtigen» Formel-1-Welt gibt es auch bei der aufblasbaren Rennstrecke: Es ist viel heiße Luft drin …

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