Im Temporausch —


Rosemeyer vs. Caracciola (Teil 1)

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Woher kommt das unbändige Verlangen, der „schnellste Mensch der Welt“ zu sein? Welchen Ursprung hat dieser Kult, der die Menschen seit der Frühzeit des Automobils in Atem hält, bis in die Neuzeit? Warum fasziniert es so, wenn Rennpiloten, den Tod im Nacken, ihr Leben aufs Spiel setzen für die wilde Hatz nach dem Geschwindigkeitsrekord, der immer auch von erbitterten Duellen geprägt war? Wimpernschläge der Zeitgeschichte.

unbekümmert, todesmutig, unverletzlich.

Die 1930er-Jahre. Zwei »Großmächte« stehen sich gegenüber. Die Duelle der damals noch jungen Auto Union und der traditionsreichen Mercedes-Benz AG dominieren das Geschehen auf den internationalen Rennstrecken. Die waghalsigen Piloten in ihren Silberpfeilen werden vom Publikum wie Helden verehrt. Die Fahrer gehen für Titel und Ruhm an physische und physikalische Grenzen.
Die Duelle gewinnen an Schärfe, als Bernd Rosemeyer bei der Auto Union das Steuer übernimmt. Der frühere Motorrad-Rennsportler wirkt unbekümmert, todesmutig, unverletzlich. So passt er natürlich auch perfekt in die Ideologie des NS-Regimes. Rosemeyer wird vollends zum Star und Symbol der Jugend, als er die schöne und berühmte Fliegerheldin Elly Beinhorn heiratet. Fortan ist das Jet-Set-Paar in Illustrierten, Wochenschauen, in der Werbung allgegenwärtig. Rosemeyer ist ein Star, dessen Größe kaum ein Rennfahrer nach ihm erreichen sollte.
In Diensten der Auto Union soll Rosemeyer Mitte der 1930er-Jahre schließlich dem Mercedes-Werksfahrer und Europameister Rudolf Caracciola den Rang streitig machen. Im sächsischen Zwickau, Sitz der Auto Union, setzt man große Hoffnungen auf das Fahrertalent. Ein Glücksfall für den Rennsport, dieser Draufgänger aus dem Emsland.


1934 sichert sich Mercedes mit Star Rudolf Caracciola die Bestmarke über die fünf fliegenden Kilometer. Auf der Berliner Avus fährt er den fabelhaften Schnitt von mehr als 300 km/h.

vernichtende Niederlagen

1937 schlägt die Stunde des Bernd Rosemeyer. Er fügt dem Rivalen Mercedes im Alleingang beinahe vernichtende Niederlagen zu, stellt eine Flut internationaler Klassenrekorde auf. In der sogenannten Klasse B für Fahrzeuge zwischen 5.000 und 8.000 ccm gelingt es ihm als erstem Menschen, schneller als 400 km/h zu sein, auf einer öffentlichen Straße: 406,3 Kilometer erreicht er am 25. Oktober 1937.
Am 28. Januar 1938 steht viel auf dem Spiel, kurz vor Beginn der Berliner Automesse, einem Prestigeprojekt, zu dem die Weltpresse erwartet wird. Um 8 Uhr früh steigt Rudolf Caracciola in den Mercedes-Stromlinienwagen, ein Monstrum mit 736 PS. Es ist bitterkalt, aber windstill. Es gilt an dem Tag, Rosemeyers Weltrekord von 406,3 km/h zu knacken. Alles läuft nach Plan. Caracciola erreicht schließlich 432,7 Kilometer »fliegende Meile«.

„Lass doch den Scheiß“

Etwa zwei Stunden später macht sich die Auto Union bereit. Das Zelt, das als Basislager dient, flattert verdächtig, Wind ist aufgekommen. Rosemeyer startet zur ersten Messfahrt: 429 km/h erreicht er, seinen persönlicher Bestwert. Aber nicht genug, um Mercedes den Rekord abzujagen. Das Auto kommt noch einmal ins Zelt. Der Wind wird böiger. Ein Abbruch? „Lass doch den Scheiß“, soll man Rosemeyer zugerufen haben, aber der will »sich noch mal rantasten«, angeblich seine letzten Worte. Um 11:47 Uhr geschieht, bei Kilometer 9,2 das Unfassbare. Der Auto- Union-Stromlinienwagen gerät auf der nur acht Meter breiten Spur außer Kontrolle, stellt sich quer, überschlägt sich auf einer Strecke von mehr als 900 Metern. Das Wrack landet krachend an einer Brückenböschung. Rosemeyer ist sofort tot.

Verschwörungstheorien
machen sich breit

Kopflose Automanager hätten den Fahrerhelden auf dem Gewissen, ihn trotz starken Windes in den Tod gehetzt. An einer lückenlosen Aufklärung des Unfalls ist die Auto Union scheinbar nicht interessiert. Das Wrack wird vernichtet, bevor es umfassend untersucht werden kann. So bleibt es bei der Theorie, dass es ein Windstoß war, der Rosemeyer von der Strecke trug.
Die Nation ist im Schockzustand. Der junge Rekordfahrer, gefallen wie ein Soldat für Deutschlands Ehre und die Entwicklung der deutschen Technik, trauert der Automobilclub. Die Beerdigung auf dem Waldfriedhof in Berlin Dahlem gleicht einem Staatsakt. Weggefährten und Rivalen erweisen dem Rennfahrer die letzte Ehre. Was aber hat diesen Unfall verursacht? Antworten auf solche Fragen gehen in der pompösen Inszenierung unter.
Caracciolas Wert vom 28. Januar 1938 bleibt als Weltrekord für fast 80 Jahre unerreicht.

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