Diesel im Blut


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„Ehrlich gesagt, ich find ihn blöd!“ Sprach eine meiner Tanten anlässlich eines Fernsehauftritts von Gunter Gabriel. Das war 1976, da hatte der damals 34-Jährige gerade mal wieder die Shows und Charts aufgemischt: „Komm unter meine Decke“ – das passte so überhaupt nicht in den öligen Wohlklang, den zuhauf gelockte Sänger wie Ideal(schwieger)-söhne verbreiteten, in Anzügen, die bunter und enger kaum sein konnten. Ich war gerade 10 Jahre alt geworden und fand Gunter Gabriel richtig lässig und cool.

Freilich: Die Tante stand nicht allein mit ihrer Meinung. Gunter Gabriel hat polarisiert. Man mochte ihn oder konnte ihn nicht ab, dazwischen gab’s nichts. Egal, wie man ihn fand, einige große Verdienste des „deutschen Johnny Cash“ kann niemand leugnen. Erstens: In der erwähnten heilen Show-Welt hat er Lieder über die gar nicht heile Wirklichkeit gesungen.

„Er ist ein Kerl, ein ganzer Mann, und sein Zuhause ist die Autobahn.“

Der Typ klang, als habe er Diesel im Blut. Und wer sich nur eine Viertelstunde mit einem Berufskraftfahrer unterhält, erfährt, wie viel Wahrheit in diesem Lied steckt. Und: „Hey Boss, ich brauch mehr Geld.“ Vom vielgelobten Wirtschaftswunder hatten offenbar schon in den Siebzigern nicht alle profitiert. Nicht umsonst erschienen seine Lieder damals bei einem Label, das sich im Untertitel „der andere song“ nannte.

Die ganz und gar nicht heile Welt, das ist oft genug auch seine eigene gewesen. Und hier sei das zweite große Verdienst ausdrücklich erwähnt: Diese Welt hat Gunter Gabriel nie geschönt, nie verschwiegen. Geld verprasst, windigen Beratern aufgesessen, Beziehungen in den Sand gesetzt, schließlich ganz unten angekommen. Und was macht er, sich damals schon dem Rentenalter nähernd? Hält in einer TV-Show seine Handynummer in die Kameras, sagt:

„Für 1.000 Euro spiele ich bei Ihnen im Wohnzimmer, einfach nur anrufen.“

Sagt’s nicht nur, sondern macht’s und hat fortan wieder einen vollen Terminkalender. Und klang tatsächlich besser, je älter er wurde. Auf sein Programm wirkte sich das gelebte Leben positiv aus.

Zu seinem 75. Geburtstag am 11. Juni 2017 wurde Gunter Gabriel in vielen Medien ausführlich gewürdigt. Da litt er schon unter den Folgen eines Treppensturzes, den er sich am Abend zuvor zugezogen hatte – vor jenem Geburtstag, in den er eigentlich hatte hineinfeiern wollen. Sein Tod kam völlig überraschend, obwohl er in den letzten Jahren immer auch über die Gedanken an sein Lebensende gesprochen hatte. Ganz offen, klar und nachdenklich – völlig im Gegensatz zum Polterimage, das ihn sonst treu begleitete.

Offen, klar und nachdenklich kann man übrigens auch „Komm unter meine Decke“ finden, nur oberflächlich ein Macho-Song übers Anbaggern. Genau gehört, enthält er eine simple Aussage: Wirklich baggern kann man nicht mit dem, was man hat. Nur mit dem, was man ist. Das ist nicht blöd. Das ist einfach nur wahr. Womit das dritte große Verdienst zu nennen ist: Gunter Gabriel hat Country in Deutschland populär gemacht, englische Originale nicht gecovert, sondern hervorragend in deutscher Sprache gesungen. Und er hat diese Popularität für das ganze Genre bis zu seinem Tod gehalten.

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