Der neue Nürburgring: Im Höllentempo rund um die Uhr


Mehr als 200 Millionen Euro wurden für die Zukunft der «schönsten Rennstrecke der Welt» verbaut – Erlebnisregion für die gesamte Familie

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Es geschah an einem Tag im Mai 1984: Fast acht Jahre nach dem fürchterlichen Feuer-Unfall Niki Laudas auf der 22,8 Kilometer langen Nordschleife des Nürburgrings wird die neue Grand-Prix-Strecke eröffnet. Von diesem Tag an gibt es quasi zwei Rennstrecken in der Eifel: Die alte, Ehrfurcht einflößende und Respekt gebietende Nordschleife aus dem Jahr 1927, die nicht mehr Formel 1-tauglich war und die neue, sichere, moderne Grand-Prix-Strecke. Genau ein viertel Jahrhundert sollte sie in dieser Form Bestand haben. Denn in diesem Jahr, 25 Jahre nach der Eröffnung des neuen Schauplatzes für «Schumi und seine Erben», darf am «Ring» schon wieder gefeiert werden. Wenn man es jedoch ganz genau nimmt, dann wurde bereits vor einem halben Jahr kräftig angestoßen: Denn ein halbes Jahr vor der geplanten Eröffnung wurde im November des vergangenen Jahres bereits Richtfest gefeiert. Richtfest nach altem Stil und Brauch für das Projekt Nürburgring 2009, für das rund 215 Millionen Euro investiert wurden.

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Das quasi in die Natur implantierte Denkmal des Motorsports ist damit nach einer Bauzeit von etwas mehr als eineinhalb Jahren fit für die Anforderungen der Zukunft. Quasi mit der Zielüberquerung des Siegers aus dem Formel 1-Jahr 2007 wurden die Triebwerke der ersten Bagger und Baumaschinen angeworfen. Große Herausforderungen innerhalb eines recht kleinen Zeitfensters warteten, doch die Baustelle in der Vulkaneifel wuchs mehr und mehr zu einer Plattform für zukünftige Events und neue Besucherströme. Wenn in diesem Jahr im Juni nach einem Jahr Nürburgring-Pause (gefahren wurde statt dessen in Hockenheim) Hamilton, Massa, Vettel und Co. wieder in der «Grünen Hölle» antreten werden, dann wird von den gewohnten Bedingungen der letzten Jahre rund um die Asphaltpiste nicht mehr viel übrig geblieben sein.

Die Gesellschafter der Nürburgring GmbH, das Land Rheinland-Pfalz (90 Prozent) und der Kreis Ahrweiler (zehn Prozent), haben im Umfeld der legendären Rennstrecke ein riesiges Freizeit- und Geschäftszentrum von den ersten Planungen bis zum Endstadium in die Tat umgesetzt. Die neue «Erlebnisregion Nürburgring» soll mit diversen Unterhaltungs- und Hallensportangeboten, einem Gastronomie-Zentrum sowie zwei neuen Hotels und einem Feriendorf nicht nur den konventionellen Freund von Motorsport-Veranstaltungen, sondern vollkommen neue
Besuchergruppen ansprechen.

Die Betreiber des Nürburgrings wollen in der Zukunft noch familienfreundlicher werden.

Das heißt vor allem auch, geeigneter sein für Familien, in deren Interesse der Motorsport nicht in vorderster Linie steht, sondern die eher das gemeinsame Mit- und Füreinander in der Freizeit suchen.

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Von den Projektkosten trägt die Nürburgring GmbH 135 Millionen Euro. Rund 80 Millionen Euro übernimmt der Projektinvestor, die Mediinvest aus Düsseldorf. Nürburgring-Chef Walter Kafitz und der rheinland-pfälzische Finanzminister Ingolf Deubel bekräftigten beim Richtfest, dass der Zeitplan eingehalten und beim Formel 1-Rennen am Ring im Juni dieses Jahres Eröffnung gefeiert werden kann. Das betrifft auch die Umsetzung des Feriendorf-Projekts in dem unweit des Nürburgring gelegenen kleinen Eifel-Dörfchen Drees. Nur zwei Kilometer von der Nordschleife und ein paar Hundert Meter vom «Gewerbepark Nürburgring» entfernt, wäre Drees nur eines von vielen kleinen, verträumten Flecken in der Eifel, gäbe es den «Ring» nicht. Doch mit der Ruhe und Beschaulichkeit dürfte es von diesem Jahr an in Drees endgültig vorbei sein. Die Mediinvest GmbH will rund 22 Millionen Euro in dieses Projekt investieren und die sollen sich möglichst schnell wieder auszahlen. In Drees sollen einmal rund 100 Häuser stehen. Das dafür vorgesehene knapp fünf Hektar große Areal ist etwa 100 Meter vom Ortsrand und knapp zwei Kilometer von der Nordschleife des Nürburgrings entfernt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Summen dieser Größenordnung in den vergangenen Jahren in die geschichtsträchtige Rennstrecke in der Eifel gesteckt worden sind. Mit Investitionen von etwa 100 Millionen Euro in Tribünen, Boxengebäude, ein neues Start-Ziel-Haus und die Mercedes-Arena stellte sich die Rennstrecke in den vergangenen Jahren immer wieder neu auf. Die Unabwägbarkeiten im Motorsport, ausgelöst durch den Honda-Rückzug aus der Formel 1, oder die Demissionen von Subaru, Suzuki, Mitsubishi und Kawasaki in anderen Rennserien, führen auch den Verantwortlichen in der Eifel vor Augen, dass ihr Konzept für die nächsten Jahre richtig ist. «Wir wollen unabhängiger von der Formel 1 werden, auch wenn sie als Benchmark nicht zu ersetzen ist», sagt Nürburgring-Geschäftsführer Dr. Walter Kafitz.

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Verdienen kann man mit dem Auftritt des «Zirkus Ecclestone» jedoch keinen Cent.

Der badische Konkurrent aus Hockenheim vermeldete 2008 ein dickes Minus von über fünf Millionen Euro. Dennoch soll am Imageträchtigen Spektakel mit fünf deutschen Fahrern und zwei deutschen Herstellern fest gehalten werden. Und Hermann Tomczyk, deutscher Vizepräsident des Weltmotorsport-Verbandes FIA fügt an: «Die Formel 1 in Deutschland zählt für mich, wie andere europäische Rennen übrigens auch, zu den elementaren Bestandteilen des Grand-Prix-Kalenders. Ganz einfach deshalb, weil die Formel 1 in Europa ihre Wurzeln hat und hier ihre Tradition begründet ist.»

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Auf den Baustellen rund um die «Grüne Hölle» wurde sechs Tage in der Woche im Dreischichtbetrieb gearbeitet. Der Nürburgring habe bereits Verträge mit Mietern in der Tasche, die Einnahmen von mehr als 40 Millionen Euro brächten, betont Kafitz. Die restlichen Investitionen der GmbH sollen über Eintrittsgelder und andere Einnahmen wieder reinkommen. Kafitz ging nach wie vor davon aus, dass die Zahl der Arbeitsplätze am Nürburgring von derzeit rund 600 auf mehr als 1.000 steigen wird. Die angestrebte Besucherzahl von 2,5 Millionen im Jahr – 500.000 mehr als bislang – will der Nürburgring frühestens 2010 erreichen.

«Wir wollen die Besucher, die jetzt schon kommen, anregen, länger am Nürburgring zu bleiben. Dann haben wir das Spiel eigentlich schon gewonnen», meinte Kafitz. Der Nürburgring fange nicht bei Null an –
er habe bereits eine «solide Besucherbasis».

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