50 Jahre ZDF-Hitparade – eine mediale Zeitreise


Hier ist Berlin

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„Hier ist Berrrrrrlin!“ Am 18. Januar 1969 konnte noch niemand wissen, dass mit diesem Auftakt eine Kultsendung gestartet war. Der Moderator war mustergültig spießig gekleidet und sprach in einem Tempo, als wolle er defekte Staubsauger unter die Leute bringen. Das Sendekonzept wirkte altbacken: Deutsche Liedtexte und Publikumsabstimmung für die Folgesendungen per Postkarte.
50 Jahre später ist das längst Kult: Viele Auftritte von damals sind auf YouTube aufzufinden und haben Fans, die zu Zeiten der Sendetermine noch gar nicht geboren waren. Aber was war das Besondere an der ZDF-Hitparade?
Moderator Dieter Thomas Heck hatte eine solche Sendung überhaupt erst angeregt. Englisch war die angesagte Sprache für alles, was ein Publikum haben wollte – Heck lag an einem Gegengewicht dazu in deutscher Sprache. Bis Ende der 70er währte die Blütezeit der Sendung. Schon ein einmaliger Auftritt – auch wenn die Publikumsstimmen für Folgeauftritte nicht ausreichten – genügte, um die Verkaufszahlen deutlich nach oben zu treiben. Flog aber eine Schummelei auf, gab es kein Pardon, dann hieß es: Für die nächste Sendung disqualifiziert. Und Halbplayback war Pflicht. Wer auftrat, hatte selbst zu singen. Das handhabte Regisseur Truck Branss besonders streng. Lippenbewegungen zu Vollplayback, damals durchaus üblich, hatte in der ZDF-Hitparade nichts zu suchen. Eine Ausnahme gab es 1978: „Du, die Wanne ist voll“ war von Dieter Hallervorden und Helga Feddersen nicht live zu vollbringen. Ulknudeln können nicht auch noch ein Mikro halten. Publikumsproteste bewirkten seinerzeit, dass die zwei Topstars in Sachen Klamauk vom Live-Singen befreit wurden und auftreten durften.
Zurück ins Jahr 1969. Tatsächlich war schon die Pilotsendung auf der Höhe der Zeit. Unter den Mitwirkenden waren je zwei Schwedinnen (Anna-Lena, Siw Malmkvist) und Briten (Chris Andrews, Graham Bonney), Manuelas Markenzeichen war ohnehin die dem Amerikanischen entlehnte beat-orientierte Aussprache, und Renate Kern ging als Kumpeltyp durch – mit einer für weibliche Verhältnisse ausgesprochen tiefen und dadurch unverwechselbaren Stimme. Und Bonney pries mit „Wähle 333“ die Vorzüge eines Fernsprechapparats – denn ein Telefon stand damals noch längst nicht in jedem Haushalt.
Dann wurde das Auswahlverfahren geändert und verdrängte die Neue Deutsche Welle das, was bis dato in deutscher Sprache ein großes Publikum sicher hatte, nicht zuletzt wegen der ZDF-Hitparade. Dieter Thomas Heck blieb noch bis 1984 am Mikro. Moderatorenwechsel und Modernisierungen änderten nichts daran: Den Kultstatus der 60er und 70er erreichte die Sendung im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens nicht mehr.

Fotos picture alliance

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