Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger e.V.

110 Jahre Peking-Paris im Automobil


Ein Abenteuer, das jede Phantasie sprengt

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Vor 110 Jahren lassen sich unerschütterliche Befürworter des Automobils auf ein Abenteuer ein, zu dem alle heutigen Phantasien nicht ausreichen. Unsere Vorstellung von Straße ist völlig ungeeignet, da Straßen oder befestigte Wege größtenteils noch gar nicht vorhanden – geschweige denn gar nicht in Planung waren. Daher verdanken wir umso mehr diesen unerschrockenen Pionieren und Visionären für ihre Zuversicht in Peking zu starten und in Paris anzukommen.

Medienwirksam ruft am 31. Januar 1907 die Pariser Zeitung »Le Matin« dazu auf, dass sich unterschiedlichste Automobilhersteller in einer Vergleichsfahrt messen sollten. Grund zu diesem Aufruf war die Meinung von »Le Matin«, dass die Beweisführung für die viel gepriesene Zuverlässigkeit und Unabhängigkeit der Automobile noch ausstehe.

Als Startort wurde Paris genannt um dann nach ca. 10.000 Meilen (16.000 km) in Peking durch das Ziel zu fahren. Das änderte sinnvollerweise das Organisationsteam aufgrund von Erfahrungsberichte einiger Diplomaten aus Peking in die entgegengesetzte Richtung. Somit Start in Peking mit Ziel Paris. Mehr als 30 Anmeldungen inklusive einer Anzahlung von 2.000 Francs gehen innerhalb kürzester Zeit bei dem Organisationskomitee ein. Nach anfänglich großer Euphorie verlässt den Automobilhersteller und einem großen Anteil der Privat- bzw. „Berufsfahrern“ der Mut. Vermutlich aufgrund reiflicher Überlegungen und die voraussichtlich hohen Kosten. Daraufhin sagte das Komitee diese Fahrt offiziell ab. Letztlich bleiben fünf Automobile übrig, die trotzdem starten. Ein dreirädriger Contal, zwei DeDion-Bouton, ein Itala, der spätere etwas umstrittene Sieger und ein Spyker, unter den Umständen das eigentliche Siegerauto. Das zu erklären bedürfte einer weiteren umfangreichen Geschichte.

Vom Marseille aus werden die Automobile am 14. April nach Shanghai verschifft. Bis auf den Itala, der von Genua aus den Seeweg beschreitet. Die Teams selber folgen ihren Automobilen später. Nach einem diplomatisch erzwungenen Start, am 10. Juni 1907
in der „verbotenen Stadt“ (die kaiserliche Residenz- und Palaststadt) in Peking fahren alle fünf Teams ohne verlässliches Kartenmaterial los. Viele bürokratische, politische und topografische Hindernisse bereiten den Teams eine beschwerliche Fahrt. Mit Kamelkarawanen wird im Vorfeld von Peking aus durch die Asiatic Petroleum Company der notwendige Kraftstoff in Fässern an vorher festgelegten Depots gebunkert. Die Nobel Company übernimmt diese Versorgung für das Gebiet von Sibirien und Russland.
Einzig und alleine bereitet sich Scipione Luigi Marcantonio Francesco Rodolfo Prinz Borghese professionell auf diese Tour vor. Seine diplomatischen Verbindungen in Anspruch nehmend schafft er für sich und den Itala die besten Voraussetzungen. Mit ihm fährt sein Chauffeur und Mechaniker Ettore Guizzardi. Begleitet wird er von Luigi Barzini, einem Reporter des italienischen „Corriere della Sera“. Barzini telegrafiert seine Berichte von den Telegrafenstationen aus, an deren Leitungen sie entlang fahren. Während der Contal in der Wüste Gobi zurückgelassen werden muss, wird die Besatzung von Nomaden gerettet.

Skurril liest sich aus heutiger Sicht die eine oder andere Darstellung der Teilnehmer, die in mehreren Büchern nachzulesen sind.

Für den Sieger des regelfreien Rennens winkt als Siegesprämie eine Mumm-Champagner Magnum Flasche und Ruhm und Ehre aus der Berichterstattung.

Am 10. August, nach 60 Tagen, erreicht als erster der Itala von Borghese das Ziel in Paris. Charles Goddard und sein Beifahrer Jean du Taillis fahren mit dem Spyker am 30. August als zweiter und letzter der Teilnehmer in Paris ein. Die beiden DeDion-Bouton schaffen diese Tortur nicht ins Ziel.

Was in Erinnerung bleibt ist der Wagemut aller Teilnehmer.

Die Spyker Kollektion im Louwman Museum


Unter der aus etwa 300 Exponate bestehenden Kollektion des Louwman Museums ist im Zusammenhang mit dem Text des beschriebenen Langstreckenrennens Peking-Paris 1907 eine Marke besonders hervorzuheben. Spyker. Diese historische niederländische Automobilmarke ist Bestandteil der weltweit größten Automobilsammlung des Zeitraums bis 1910. In einem Raum zusammengeführt besticht der größte Teil der 15 derzeit noch existierenden Klassiker der Marke Spyker. Einer von diesen automobiltechnischen Schätzen ist ein Spyker 60HP von 1903. Dieser gilt als das erste allradgetriebene Automobil mit Verbrennungsmotor.

Die Sammlung ist international ausgerichtet und beinhaltet alle großen, aber auch unbekannte Marken. Sie zählt zu den weltweit ältesten privaten Sammlungen, bereits durch die zweite Generation der Familie Louwman geführt und präsentiert. Als Pieter Louwman 1934 einen Dodge, Baujahr 1914, in Zahlung nahm – zu dieser Zeit war er selbst Dodge-Importeur – war dies der Start der heutigen Sammlung. Integriert in die Gesamtkollektion ist der Restbestand der aufgelösten Rosso Bianco Collection aus Aschaffenburg. Das Gebäude der Louwman-Museums wurde von dem amerikanischen Architekten Michael Graves entworfen. Alleine dies ist schon eine Reise wert, insbesondere die Eingangshalle in ihrer kathedralen Ausdrucksform. Ein weiteres Highlight steht fast unscheinbar unter all den vielen automobilen Kostbarkeiten im Museum. Einer der ersten und wahrscheinlich der einzig erhaltene Toyota AA weltweit. Allerdings von Links- auf Rechtslenkung umgebaut.

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