Vier Ringe, ein Achter und Sechs im Alter


Geburtstagsausflug für Fortgeschrittene: Warum sich sechs Jahrzehnte warten auf den Audi R8 Spyder lohnen

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Zugegeben: Man drängt sich nicht unbedingt nach dieser Zahl. Fragen nach meinem Alter nerven mich mittlerweile genauso, wie das bei meinen früheren Mitschülerinnen aus der Abi-Klasse der Fall ist. Doch während diese zu Vorruheständlerinnen mutierten «Fräuleins» nunmehr mit Meyers Weltreisen schonungslos über sämtliche Museen und Weltkulturerben herfallen, versuche ich immer noch, mir ein nie enden wollendes journalistisches Sendungsbewusstsein einzureden.

Audi R8 Spyder 045

Fakt ist jedenfalls: Ein paar Tage vor dem Ende des echten Fuffzigers stand er bei mir vor der Tür. Für eine ganze Woche lang. Schneeweiß, breit, tief, offen. Mit riesigen Kiemen in den hinteren Kotflügeln statt der Sideblades. Dazu gewaltige Höcker, die sich von den Kopfstützen bis zur Abrisskante über den monumentalen Heckdeckel ziehen. Seine nackten, emotionslosen Daten und Fakten: Audi R8 Spyder. Zehn Zylinder, 525 PS, 313 km/h schnell. So wie er da stand erhältlich für 194.000 Euro. Auto und Sonnenschein hatten sich abgesprochen. Beide blieben eine Woche lang. Ohne Unterlass.

Es war schon erstaunlich, wie die Zahl meiner Freunde, oder solcher, die sich dieser unverdienten Auszeichnung sicher wähnten, in diesen Tagen anwuchs. Denn dass (fast) alle aus diesem Kreis wirklich nur gaaaanz zufällig den offenen R8 vor der Tür gesehen hatten und auch wirklich nur dann mal mitfahren wollten, wenn es sich denn gar nicht vermeiden ließe, verstand sich doch von selbst.

Die Audi Quattro GmbH schob drei Jahre nach dem Debüt des nicht minder schönen V8-Coupés die offene Version nach: Dabei entschieden sich die Ingolstädter nicht nur aus optischen Gründen, sondern auch wegen des geringeren Gewichtes für ein Stoffdach. Das «Mützchen» verschwindet innerhalb von 19 Sekunden unter dem riesigen Heckdeckel. Lediglich hundert Kilo mehr als die Version mit Dach wiegt der Roadster. Was vor allem dem reichlichen Karbon-Einsatz anstelle des Aluminiums geschuldet ist.

Beim Anlassen des Motors verspürt der geneigte ältere Herr plötzlich Empfindungen, von denen er glaubte, er habe sie für immer den barmherzigen, verborgenen Falten des Unterbewusstseins anvertraut. Das Zehnzylinder-Wunderwerk der Technik bellt martialisch auf, wird abgelöst von einem kurzen heftigen Fauchen, das schließlich in das finale Crescendo einer gewaltigen sinfonischen Dichtung übergeht.

Binnen 4,1 Sekunden ist Tempo 100 erreicht, acht Sekunden später das Doppelte. Erst bei Tempo 313 schüttelt sich die Tachonadel: «Hey, wo willst Du denn noch hin mit mir?»

Zur Feier des Tages führte ich den R8 Spyder «artgerecht» auf die Nordschleife des Nürburgrings. Noch mehr als der offene Traum mit vier Ringen bis zum Anschlag zu bewegen, machte es ein Riesenspaß, ihn dank Allradantrieb und variabler Dämpfung spurstabil durch Hatzenbach, Karussell oder Fuchsröhre zu prügeln. Eine gute dreiviertel Stunde lang die Interpretation eines großen Hemingway-Romans: «Der alte Mann und das Mehr.»

Und es war die Gewissheit, dass sich 60 Jahre warten auf diesen Tag gelohnt hatten.

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