Verkehrssicherheit: Wie wirksam sind Kampagnen?


„Weichei? Nein, danke“

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Die Bilder auf den großflächigen Plakaten am Rande der Autobahn haben wir alle vor Augen: Kinder mit traurigen Augen und Todesanzeigen in der Hand, Menschen mit verbundenen Köpfen, an Schläuchen hängend, Angehörige, die sich über sie beugen. Ein scheues Reh in der Dunkelheit, gebannt vom grellen Lichtstrahl eines herannahenden Fahrzeugs und die rhetorische Frage: Könnten Sie jetzt noch bremsen?

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Kampagnen zugunsten erhöhter Rücksichtnahme und größerer Sicherheit im Straßenverkehr sind nicht neu. Die visuelle Gestaltung ändert sich, die Aussage und die Kernbotschaft bleiben die Gleichen: Leute, heizt nicht blindwütig durch die Gegend. Achtet auf das Geschehen, seid jederzeit bereit, reagieren zu müssen und vor allem zu können.
Die Frage stellt sich angesichts des gewaltigen, finanziellen Engagements solcher „Optik-Schlachten“: Stehen Aufwand und Ertrag in einem vertretbaren Verhältnis zueinander? Zeigt die Aufforderung „Runter vom Gas“ oder „Fahr vorsichtig, Schatz“, überhaupt irgendeine Wirkung, oder verpufft die bestgemeinte Absicht angesichts der optischen Dauer-Berieselung? Prof. Dr. Christoph Klimmt von der Hochschule für Musik, Theater und Medien (Hannover) äußerte sich bei einem Presseseminar des Deutschen Verkehrssicherheitsrates mit profunden Ergebnissen zu diesem Themenkomplex.
Zwar gelänge es, Slogans wie etwa „Runter vom Gas“ im Gedächtnis der Bevölkerung zu verankern.

Doch zeigten die Kampagnen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit nur relativ begrenzte Wirkungen.

Woher das kommt? Autofahren, so Klimmt, sei eine „Gewohnheitstätigkeit. Durch ein paar Mahnungen am Straßenrand könne unser Verhalten nicht von heute auf morgen umgekrempelt werden.
Vor allem junge Menschen (zwischen 18 und 24 Jahren), die zu risikobereitem Fahren neigten, wollten sich gar nicht zur Vernunft mahnen lassen. Und selbst wenn, gelte es oft als „uncool“ mit Gleichaltrigen situationsangepasst zu fahren. Schließlich wolle man vor den Kumpels nicht als Weichei wahrgenommen werden. In Bezug auf die noch so eindringlichen Plakate am Straßenrand heißt das: Wie gesehen, so zerronnen. Vor allem, weil die Kernbotschaft oft an Verantwortung des Fahrers appelliert („Meine Lieben zu Hause wollen, dass ich heil zurück komme“) zeige das, mangels langjähriger Partnerschaft oder eigener Familie, in den Köpfen junger Menschen kaum Wirkung.

Doch dessen ungeachtet plädiert Klimmt vehement für die Beibehaltung der genannten Strategien. Selbst wenn die visuellen Feldzüge „wenige messbare direkte, günstige Wirkungen entfalten“, gehe es auch darum, dass das Thema Verkehrssicherheit immer ein öffentliches Thema bleiben und sich auch die Medien Ihrer annähmen.
„Von außen betrachtet“ sagt Klimmt, „mag man ob der schwachen Wirkung der meisten Verkehrssicherheits-Kampagnen enttäuscht sein. Wer sich aber näher mit ihren Umständen und Herausforderungen beschäftigt, sollte stattdessen lieber seine Erwartungen an das Mögliche anpassen. Direkte Wirkungen sind nicht alles, auch indirekte Wirkungen sind wichtig.

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Prof. Dr. Christoph Klimmt (Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover)

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