Goggomobil rettet BMW


Industriegeschichte im Museum Dingolfing

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Eine herausragende Rolle in der deutschen Automobilindustrie spielte die Hans Glas GmbH in Dingolfing. Sie brachte nicht nur das legendäre Goggomobil hervor, sondern auch – für die damalige Zeit – eine Reihe technisch innovativer Autos. Glas hat von 1955 bis 1967 deutsche Industriegeschichte geschrieben. BMW hätte ohne Glas den Wiederaufstieg aus seiner Krisenzeit in den 1960er-Jahren wohl nicht so glanzvoll hingelegt. Auf diese und andere hoch spannende Geschichten stößt man in der Abteilung «Industriegeschichte» im Museum Dingolfing, wo der Weg von der Sämaschinen-Fabrikation der Firma Glas bis zum heutigen größten Werk der BMW Group mit mehr als 20.000 Beschäftigten dokumentiert wird.

Goggomobil_Skifahren_Alpen

«Weltraumfahrt ist noch nicht möglich, wer drauf wartet, tut’s vergeblich, Familie nicht mehr warten will, Lös

ung klar: Goggomobil.»

textete 1955 die Kreativabteilung der Hans Glas GmbH um den Karikaturisten Peter Großkreuz. Kurz zuvor war das Rollermobil auf der Internationalen Fahrrad- und Motorrad-Ausstellung (IFMA) in Köln vorgestellt worden. Mit der Kleinstwagen-Serienproduktion im Glas-Werk im niederbayerischen Dingolfing wurde das automobile deutsche Wirtschaftswunder eingeläutet. 280.024 Goggos fanden bis Juni 1969 ihre Fahrer(innen). BMW – seit 1967 schon Eigner der Glas GmbH – gab die Produktion endgültig auf.

fuer die Goggo-Roller war kein Berg zu hoch.

Durch die Glas-Übernahme 1966/67 und mithilfe der Glas-Ingenieure und -Patentekonnte man die fatale Angebotslücke zwischen der kleinen BMW Isetta und dem eleganten «Barock-engel» 501/502 (Funkstreife «Isar» 12) mit Modellen schließen, die «BMW-Glas» hießen.

Begonnen hat alles schon 1883: AndreasGlas gründete im niederbayerischen Pilsting eine Landmaschinenfabrik. 1908 zog man mit Sack und Pack in die Kreisstadt Dingolfing. 1910, vor 101 Jahren ging Andreas’ Sohn, Hans Glas, nach Kanada und in die USA und lernte dort die modernsten Produktionsmethoden der Neuen Welt kennen. Als er 1920 zurückkehrte, war seine einst blühende Landmaschinenfabrik fast bankrott. Mit eisernem Willen und amerikanischem Know-how machte Hans Glas aus einem krisengeschüttelten Betrieb die größte Sämaschinenfabrik Europas. 60 Prozent des europäischen Bedarfs wurden von den «Isaria-Sämaschinen» gedeckt. Während des Zweiten Weltkrieges lieferte Glas Teile an die Messerschmitt-Flugzeugwerke in Regensburg und stellte Granathülsen her.

Ende der 1940er-Jahre spürte das erfolgreiche Familienunternehmen einen starken Rückgang im Markt der Landmaschinen. Die Überlegungen nach neuen Absatzmärkten wurden während einer Landmaschinen-Ausstellung in Modena/Italien auf ungewöhnliche Weise angeregt.

Junior-Chef Hans Glas beobachtete den Siegeszug der Vespa in Italien und spürte, dass sich auch im Nachkriegs-Deutschland ein Motorroller-Boom abzeichnen könnte. Zurück in Dingolfing machte man sich sogleich an die Entwicklung eines Rollers und entwickelte erste Prototypen. Ab 1951 wurde der erste rein deutsche Motorroller mit einem Ilo-Zweitaktmotor mit 125 ccm und Dreigangschaltung in Großserie gefertigt – der Goggo-Roller. «Goggo» war übrigens der Kosenamen von Hans Glas’ jüngstem Enkel, der sehr frech und lebhaft war und der Liebling der gesamten Belegschaft. 60.000 Goggo-Roller liefen vom Band. Mit dem Roller wurde auch Geld verdient und damit die Grundlage für den Einstieg in die Automobilszene geschaffen.

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Als Hans Glas 1952 im strömenden Regen vom Münchner Oktoberfest nach Hause fuhr und Hunderte von durchnässten Zweiradfahrern sah, die unter den Brücken und Bäumen Schutz suchten, war die Idee für einen Kleinstwagen geboren: Das Goggomobil wurde ab 1955 produziert und war trotz einiger Kinderkrankheiten sofort ein Verkaufsschlager. 2,90 Meter kurz, 13,6 PS stark und 247 Kubikzentimeter Hubraum: Mit bescheidenen technischen Werten und einer primitiven Innenausstattung, aber auch mit einem volkstümlichen Preis von 3.097 Mark fuhr das «Teufelsding aus Dingolfing», wie der findige Volksmund reimte, als «Ferrari des kleinen Mannes» in die Pole Position der Automobilbranche. Die Zeitschrift Hobby schrieb in einem ersten Testbericht: «Um ein Goggomobil umzuwerfen, muss man schon auf eine Tellermine fahren.» Mit anderen Worten, den Elchtest hätte das Goggomobil auch heute erfolgreich bestanden.

Cabrio

Mit dem Modell «Isar» ging es ab 1957 steil aufwärts, obwohl man es unglücklicherweise als «das große Goggomobil» bewarb. Es folgten Glas TS 1004 und S 1004 mit 85 PS starken Motoren, die auch im Motorsport erfolgreich eingesetzt wurden. Erst der Turiner Karosserie-Designer Pietrao Frua (1913 – 1983) gab Glas jene elegante Linie, die damals so aufregend war, dass sich um Glas-Wagen am Straßenrand wirklich Menschentrauben bildeten. Der Glas 1300 GT als Sportcoupé und Roadster-Cabrio waren die Stars der Internationalen Frankfurter Automobil-Ausstellung 1963. Der neue V8­Sportwagen – Spitzname: Glaserati – stahl auf der IAA 1965 allen die Show. Glas war der Inbegriff von Wertigkeit, Dynamik und unternehmerischen Mutes geworden. Der Höhepunkt war erklommen.

Aber die Firma Glas wurde konservativ geführt und unternahm alle Anstrengungen, die gewaltigen Entwicklungskosten für ingenieurtechnische Pionierleistungen (oben liegende Nockenwelle u. a.) mit Eigenkapital zu bestreiten. Dem war die Familien-GmbH mit mehr als 4.000 Beschäftigten und ihrer so überaus ehrgeizigen Modellpolitik schließlich nicht mehr gewachsen. Man suchte 1966/67 den Anschluss an BMW.

Nicht nur das Goggomobil war vor 55 Jahren ein bundesdeutscher Schlager.

Modell_BMW_Isetta.

In der Ausstellung kann man auch das Goggo-Lied «Fahr mit mir durch die Welt» erklingen lassen, gesungen von Kary Barnet: «Wenn ich mit meinem Goggo so auf Reisen bin, dann hab ich gute Laune, weil ich das Goggo-Liedchen sing …» Peter Backhaus und Marlotte Aue trällerten den «Ohrwurm» in einem jahrzehntelang verschollenen Kinofilm «Traumreise zu Dritt», der ihre 200.000 Kilometer lange Weltreise durch 80 Länder zeigte, die vier Jahre und neun Monate dauerte und ihre vorgezogene Hochzeitsreise war, immer wieder.

In der offiziellen BMW-Pressemitteilung zur Übernahme von Glas (für 9,1 Millionen Mark!) am 10. November 1966 hieß es: «Die bayerische Automobilgeschichte ist um ein großes Ereignis reicher geworden. Die Unterschriften wurden unter einen Vertrag gesetzt, wonach die Glas Automobilwerke Dingolfing Bestand der Bayerischen Motoren Werke München geworden sind. Eine Konzentration fand statt, die Bayern endgültig zu einem bedeutenden Automobil-Zentrum macht.» Die letzten Goggomobile, die im Juni 1969 das Dingolfinger Werk verließen, trug bereits BMW als Hersteller-namen im Fahrzeugbrief.

Auch das Ur-Goggomobil findet man im Industriemuseum Dingolfing.

Museum Dingolfing

Obere Stadt 19
84130 Dingolfing

Tel.: (08731) 31 22 28
www.museum-dingolfing.de

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