Erinnerung an die Ölkrise von 1973


Sonntagsfahrverbot? Dann eben Rad-Rallye!

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Es roch nicht nach Rennöl und nicht nach Benzin. Keine PS-starken Motoren heulten auf, und man vermisste auch die mobilen Werkzeug- und Ersatzteilfahrzeuge. Helfer und Monteure hielten nur Reifenflickzeug in der linken Hand und rechts fuchtelten sie hektisch mit der Luftpumpe. Die Akteure waren jedoch die gleichen, die man sonst im Fahrerlager des Nürburgrings oder am Start von internationalen Motorsport-Veranstaltungen findet: 186 Rennfahrer, Formel-1-Piloten und Rallye-Asse hatten das Gaspedal mit den Pedalen eines Drahtesels vertauscht. Und das mit voller Absicht: Der Mainzer Automobil Club hatte wegen der Ölkrise zur 1. Rallye auf Fahrrädern gerufen.

÷lkrise 1973 - Sonntagsfahrverbot

Leere Straßen beim Sonntagsfahrverbot von 1973

Es regnete in Strömen, doch niemand ließ sich die Laune verderben. So fand auch nach der Dokumentenprüfung eine richtige technische Prüfung statt, bei der die Fahrräder mit original Rallyeschildern versehen und Einstufungen in „Gruppe 1“ (Tourenräder) und „Gruppe 2“ (Rennräder) gemacht wurden. Die fahrbaren Untersätze wurden verplombt, um einen Austausch der Fahrzeuge während des Rennens zu verhindern. Einige hatten auf dem Gepäckträger einen Feuerlöscher angeschnallt. „Falls die Radnabe heiß wird.“

Der Veranstalter ließ die Teilnehmer wie im richtigen Rennfahrer-Leben von einer Rampe starten. Unzählige Zuschauer säumten die Strecke, als es zuerst durch die Innenstadt ging. Doch von nun an ging’s bergauf. Die geforderten Durchschnittsgeschwindigkeiten lagen zwischen 25 und 35 km/h. Und so kam es, dass es am ersten Bergaufstück schon zu Ausfällen wegen menschlichen Defekts kam: Wadenkrämpfe sorgten dafür, dass die untrainierten Pedaltreter aufgeben mussten. Auch der damalige „Meistermacher“ Hans-Christoph Mehmel mit Harald Ertl auf einem Tandem blieben hier schon auf der Strecke. Es wurde gemunkelt, Mehmel hätte kräftig in die Pedale getreten, während Ertl fröhlich pfeifend auf dem hinteren Tandem-Sitz gebremst hat.

Nach einigen Zeitkontrollen, bei denen die Fahrer sich auf die Stempeluhren stürzten, kam eine 1,2 Kilometer lange Bergprüfung mit einer Steigung von neun Prozent.

Unterwegs sprachen die Funktionäre den triefend nassen Fahrern Trost zu: „Kopf hoch! Es sind nur noch zehn Kilometer.“ Dann war Mainz wieder erreicht. Letzte Lockerungsübungen der Beinmuskulatur, kräftiges Durchatmen, und auf ging’s zur Sprintprüfung: 1,7 Kilometer Rundkurs auf Bestzeit. Hans Heyer hatte anscheinend noch viel zu viel Kondition. In vollem Speed ist er in der letzten der drei Sprint-runden auf einem Kanaldeckel ausgerutscht und der Länge lang hingefallen. Die letzten Meter bis zur Zieldurchfahrt legte er mit geschultertem Rennrad zurück. Das Hinterrad war bei dem Sturz abgebrochen. Trotzdem nahm er’s leicht – einen Tourenwagen hätte er kaum huckepack ins Ziel tragen können.

Schließlich war es nach dem Reglement nicht verboten, sein Stahlross zu schieben oder Huckepack zu nehmen. Hauptsache, Rad und Fahrer kamen gemeinsam an.

Wer sich die Ergebnisliste ansah, merkte gleich, dass es für die Renn- und Rallyefahrer doch nicht das gewohnte Metier war. Am besten hatte Hans Schuller abgeschnitten. Er war extra wegen der Fahrrad-Rallye aus seiner neuen Heimat Nairobi angereist: Er gewann seine Klasse und wurde 4. im Gesamtklassement. Jochen Maas wurde 45. in der Gesamtwertung, Willi Kauhsen 72. und Rauno Aaltonen landete auf Platz 95. Aber das Ergebnis war völlig unwichtig: Vor allem sollte die Veranstaltung Spaß machen. Und das hatte sie – vorher wie nachher beim Fachsimpeln.

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