Das Bus-Märchen: Solaris und der Kalte Krieg


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Die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahn AG (BOGESTRA) fährt seit Anfang des Jahres mit einen umweltschonenden Hybridbus vom Typ Solaris Urbino 18 Hybrid. Der 18 Meter lange Gelenkbus schont die Umwelt durch seinen Hybridantrieb, in dem ein Dieselmotor und zwei Elektromotoren zusammenarbeiten. «Wir sind stolz, auch in Nordrhein-Westfalen zu punkten.» Das sagt gegenüber dem KÜS magazin das Ehepaar Solange Olszewska und Krzysztof Olszewski, die Firmengründer und Familien-Inhaber von Solaris Bus & Coach in Bolechowo, rund 20 Kilometer von Poznan entfernt.

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Diese Zukunftstechnologie stammt aus Nordamerika, wo sie sich in Hunderten Stadtbussen bewährte. Inzwischen verkehren entsprechende Solaris-Busse in Dresden, Leipzig sowie im schweizerischen Lenzburg. Die BOGESTRA ist nunmehr der dritte Kunde in Deutschland für dieses Produkt. Das kommunale Verkehrsunternehmen, das in Bochum, Gelsenkirchen und Nachbarstädten tätig ist, bezog bisher insgesamt 31 Busse aus Bolechowo. «Bald rollen weitere Busse dieses Typs in Bremen, Hannover und München», berichtet Solange Olszewska.

Kind des Kalten Krieges

Solaris ist, wenn man es genau betrachtet, ein Produkt des Kalten Krieges. Krzysztof Olszewski betrieb Ende der 1970er einen Kfz-Betrieb in Polen. In den ersten Dezembertagen 1981 fuhr er ins ehemalige Westberlin, um Ersatzteile für seine Firma zu holen. Am 13. Dezember desselben Jahres wurde in Polen vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und der wachsenden Bedeutung der Gewerkschaft «Solidarnosc» durch den damaligen Staats- und Parteichef General Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht verhängt. Tausende Oppositionelle kamen ins Gefängnis, die Streiks mit Hilfe der Armee niedergeschlagen. Und Krzysztof Olszewski konnte nicht mehr in seine Heimat einreisen, die Grenze war vorübergehend. geschlossen Guter Rat war teuer: Er beschloss, in Westberlin zu bleiben und in der Automobilbranche Fuß zu fassen. Nach wenigen Jahren war er Werksleiter beim Bushersteller Neoplan in Westberlin. Später folgte dorthin seine Gattin, eine gelernte und promovierte Zahnärztin: Sie arbeitete zunächst in einer Praxis des Öffentlichen Dienstes. Die Wende kam, die Olszewskis brachten ins Spiel, künftig Busse in Polen zu bauen. Die Entstehung des Mittelständlers geht auf das Jahr 1994 zurück, in dem Krzystof Olszewski das Handelsbüro Neoplan Polska mit einem 100-prozentigen Familienanteil gründete. Im selben Jahr kamen die ersten Niederflurbusse nach Polen. 1996 entschied der Zuschlag bei einer Ausschreibung für die Lieferung von Stadtbussen an die Stadt Poznan über den Bau der Busfabrik in Bolechowo. Im September 2001 endete die Zusammenarbeit mit der Firma Neoplan. Seitdem heißt das Familienunternehmen «Solaris Bus & Coach». Solange Olszewska hing Mitte der 1990er-Jahre ihren sicheren Beruf als Zahnärztin an den Nagel, wechselte ins Unternehmen und kümmert sich seitdem vorwiegend ums Marketing. «Mein Beruf als Medizinerin kommt mir in vielen Verhandlungen zugute, denn viele Partner verhalten sich in zähen Gesprächen ähnlich wie meine ehemaligen Patienten auf dem Zahnarztstuhl», sagt sie.

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Die Firmengründer und Inhaber Krzysztof Olszewski und Solange Olszewska.

12 Jahre am Markt

Solaris produziert Stadt-, Überland-,
Reise-, Trolley- und Sonderbusse. Innerhalb von weniger als zehn Jahren avancierte das mittelständische Unternehmen zum Leader auf dem polnischen Markt für Stadtbusse und erreichte bedeutende Marktanteile in europäischen Ländern. Und, darauf legt Solange Olszewska besonderen Wert, «unsere Fahrzeuge entsprechen den höchsten Qualitätsstandards und erfüllen die strengsten europäischen Umweltschutznormen.» Gegenwärtig beschäftigt das Unternehmen rund 1.300 Mitarbeiter. Im vergangenen Jahr wurden über 700 Busse an Kunden im In- und Ausland. Damit stieg die Gesamtzahl auf über 4.000, die seit 1996 in knapp 120 Städten in 18 Ländern fahren, unter anderem in Tschechien, Estland, Frankreich, Schweden, Deutschland, Norwegen, Dänemark oder der Schweiz. Derzeit arbeiten im Technischen Büro über 50 polnische Ingenieure, die sich an heimischen, europäischen oder us-amerikanischen Hochschulen ihr Rüstzeug holten. Viele von ihnen sammelten wertvolles Know-how bei renommierten europäischen Konzernen. Nun entwickeln sie auch diverse Spezialbusse: so Flughafenbusse, ein mobiles Kosmetikstudio oder die mobile Blutentnahmeambulanz. Letztere Busse verfügen über sechs Blutentnahmeplätze, Speicher zum Blutaufbewahren, Arztzimmer sowie einen Miniwarteraum. Ein spezielles Stromaggregat sorgt für den Betrieb der Geräte ohne externe Stromversorgung.

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Die Solaris-Arbeitsstätten in Bolechowo. In diesem Jahr sollen das Werk 1.000 Busse verlassen.

Achse Berlin – Warschau und Dubai

Poznan, das ungekrönte Wirtschaftszentrum Polens, liegt auf halben Weg zwischen Berlin und Warschau. Beide Metropolen schätzen die Solaris-Busse: Auf den Straßen der Weichsel-Stadt fahren fast 400, in der Spreestadt sind es annähernd 300. Solange Olszewska: «Wir nutzen die geografische Lage zwischen Berlin und Warschau. Jetzt aber bei offenen Grenzen.» Aber auch in Dubai ist Solaris präsent. Im laufenden Jahr gehen insgesamt 225 Stadtbusse auf die Reise in das Emirat, zudem ist ein fünfjähriger Wartungsvertrag unter Dach und Fach. Wegen der besonderen klimatischen und kulturellen Situation sind für diesen Markt die Busse mit zahlreichen Features ausgestattet. So gibt es in allen Fahrzeugen eine sogenannte Familienzone: zwischen dem ersten und zweiten Einstieg befindet sich ein durch Glaswände abgetrennter Bereich für Frauen und Kinder. Über den Eingängen der Fahrzeuge sind Luftvorhänge eingebaut. Durch die kalte Luft wird die bei geöffneten Türen eindringende Hitze aufgehalten, da die Außentemperaturen in Dubai überdurchschnittlich hoch sind. Eine spezielle Kapselung des Antriebsstrangs und der Kühlanlage tragen den schwierigen Bedingungen mit häufigen Sandstürmen Rechnung. Deshalb sind auch die äußeren Teile der Klimaanlagen durch zusätzliche Filter geschützt. Zudem sind die Busse videoüberwacht.

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Expansion geht weiter

«Wir expandieren weiter. Im laufenden Jahr wollen wir die Schallmauer von 1.000 Bussen erreichen. Dass wir mit Solaris so erfolgreich sind, damit hätten wir vor 20 Jahren nie gerechnet. Für uns und Millionen von Menschen war es seinerzeit unvorstellbar, in einer Welt ohne Grenzen zu leben und zu arbeiten. Wir sind sehr stolz, dass unsere Busse «frei» in Europa und anderswo rollen. Auch unsere Kinder arbeiten bereits im Familienunternehmen», sagt Solange Olszewska.

Solaris Urbino 18 Hybrid

Der parallele Hybridantrieb des 18 Meter langen Gelenkbusses kombiniert einen 250 kW (340 PS) leistenden Dieselmotor von Cummins mit dem Ep DRIVE von Allison Transmission. In diesem zentralen Antriebsmodul leisten zwei Elektromotoren mit jeweils 75 kW, während Kupplungen und Planetengetriebe für die optimale Mischung der Kraftzufuhr sorgen. Durch den elektrischen Antrieb kann beim Bremsen Energie zurückgewonnen werden, die in speziellen Batterien gespeichert wird und für den nächsten Anfahrvorgang wieder zur Verfügung steht. Damit reduziert das Fahrzeug Kraftstoffverbrauch und Emissionen. Im Hybridbus finden 130 Fahrgäste Platz, davon 50 auf Sitzplätzen. Klimaanlage, getönte Verglasung und eine Klapprampe für Rollstuhlfahrer sorgen für angenehme Fahrt. Zudem profitieren die Passagiere dank des aus den zwei „Herzen“ Dieselmotor und Elektroantrieb bestehenden Hybridantriebs von sanfter Fahrdynamik und geringem Geräuschpegel. Das Hybridsystem produziert bis zu 30 Prozent weniger CO2 und bis zu 39 Prozent weniger Stickoxide als bei vergleichbaren konventionell angetriebenen Bussen. Die Feinstaubbelastung der Umwelt wird sogar um bis zu 90 Prozent reduziert. Zudem verringert die Hybridtechnologie den Verschleiß der Bremsen und damit den Wartungsaufwand.

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