Abschied vom Frischluft-Käfer


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Trauerstimmung bei allen Cabriolet-Fans: Im Januar 1980 endete trotz vehementer Proteste die Fertigung des offenen Volkswagen 1303 und damit des letzten familientauglichen Vollcabriolets mit luftgekühltem Boxermotor im Heck.

„Rettet
das Käfer-Cabrio“

Gewiss, der moderne Golf war bereits gezeigt worden, aber dieser Luftikus mit Frontantrieb stand auch für eine optische Disruption durch den als »Henkel« verspotteten feststehenden Überrollbügel. »Golf Cabrio nein danke«-Aufkleber avancierten damals zu Bestsellern und »Rettet das Käfer-Cabrio«-Aktionen sowie Protestfahrten gen Wolfsburg machten Schlagzeilen. Es nützte nichts. Mit dem Golf begann eine Zeitenwende im Cabriobau, die sich aktuell gerade wiederholt. Soll doch 2020 der Volkswagen T-Roc als erstes kompaktes SUV-Cabriolet eben diesen Frischluft-Golf vergessen machen – und die kleine Fraktion der viersitzigen Sturmhaubenträger mit frischer Faszination aufladen. Allerdings bekümmerte das Aus für den bis 1980 bei Karmann in Osnabrück gebauten VW 1303 mit seinem charakteristischem Verdeckkragen im Nacken nicht nur die Open-Air-Community, auch alle anderen Käfer-Freunde vergossen eine sentimentale Träne. Kam dieses automobile Symbol des Nachkriegs-Wirtschaftswunders doch fortan nur noch als Import aus mexikanischer Produktion nach Deutschland.
Immerhin verabschiedete sich das luftgekühlte VW Cabriolet mit einem Schlussakkord, der einmalig war. Schon anderthalb Jahre bevor das exakt 331.959 Mal ausgelieferte und damals weltweit erfolgreichste Cabriolet eingestellt wurde, erlebte der Veteran aus Vorkriegsjahren einen ungeahnten Hype. Ende 1978 kursierten die ersten Medien-Gerüchte, wonach dem seit 1949 beim unabhängigen Karosseriespezialisten Karmann gefertigten Volkswagen auch in finaler Ausbaustufe als 1303 lediglich eine kurze Restlaufzeit vergönnt war. Eigentlich keine Überraschung, kaufte doch die Käfer Limousine längst nur noch eine kleine Schar aus Golf-Verweigerern. Aber beim Käfer Cabrio verhielt es sich anders, dessen Produktionszahlen schossen nun prompt himmelwärts. Mit rund 20.000 gebauten Einheiten wurde 1979 sogar fast zum erfolgreichsten Jahr für das Käfer-Cabriolet; nur einmal, 1971, konnte der damals neue »Super-Käfer 1302« noch höhere Stückzahlen einfahren. Es waren vor allem Sammler, die sich 1979 ihr Wunschauto sicherten, und dieses – damals ein neu entdeckter Trend – nicht selten einmotteten, um den Volkswagen als Wertanlage für die Ewigkeit frisch zu halten. Besonders das als Konservierungsspezialist bekannte Autohaus Nordstadt von Günter Artz in Hannover konnte kaum alle Anfragen von Cabrio-Fans beantworten. Mit dem Käfer wurde damals erstmals ein Massenmodell als Kapitalanlage betrachtet ähnlich einem Invest in Gold – dabei gab die europäische Zinspolitik Ende der 1970er-Jahre eigentlich keinen Grund für eine derartige Flucht in Sachwerte.
Dann jedoch ging es für das Garagengold noch schneller als gedacht, schon im Juli 1979 rollte der finale 1303 für den deutschen Markt vom Fließband und die restlichen Exemplare bis Januar 1980 waren dem US-Markt vorbehalten. Zugleich hoben die Gebrauchtpreise für den viersitzigen Spaßmacher ab, wie wenig später die Verkaufszahlen des Abba-Chartstürmers „The Winner takes it all“. Und tatsächlich gab es viel zu gewinnen für 1303-Besitzer: Erzielte doch das gerade einmal 37 kW/50 PS leistende Cabrio auf dem Second-Hand-Markt Notierungen weit über Neupreis und sogar höher als manch gebrauchter Rolls-Royce.
Fotos Volkswagen

2020 soll das T-Roc Cabrio die offenen Versionen von Käfer und Golf beerben.

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