70 Jahre Citroën 2 CV


Zwei Pferde, die Geschichte schrieben

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„Die Frau hat ja einen enormen Linksdrall beim Fahren“, stellte mein Klassenkamerad nach dem Aussteigen fest. Mir war er nicht aufgefallen: Mit der Referendarin, die uns beiden freundlicherweise ein Stück Schulweg zu Fuß erspart hatte, war ich in eine heftige Diskussion geraten: Über unseren Deutsch-Leistungskurs, über den bescheuert-spießigen Innstetten in Theodor Fontanes „Effi Briest“ und über das ganze Notengedöns sowieso. Das war 1984 und der Citroën 2 CV der Referendarin ein damals für ihren Berufsstand sicher typisches Auto. Auch meine Mathematik-Nachhilfelehrerin hatte vier Jahre zuvor zum Führerschein von ihren Eltern eine neue „Ente“ bekommen – seinerzeit das preisgünstigste Neufahrzeug in Deutschland. Nicht wenige werden das nach der PS-Zahl des Ur-Typus benannte Auto übrigens nur unter seinem Kosenamen kennen.


von einer spontanen Urlaubstour
ist nahezu immer die Rede

Ich habe nie einen 2 CV besessen. Bei Unterhaltungen mit ehemaligen Besitzerinnen und Besitzern fällt mir auf: Gelobt wird aus der Erinnerung heraus stets der Sitzkomfort (den ich als zeitweiliger Beifahrer nur bestätigen kann), eher schaudernd die Heizung beschrieben, Klagen über Rost halten sich in Grenzen. Aber von einer spontanen Urlaubstour ist nahezu immer die Rede, und da steckten die 20+x PS des Motörchens locker einige Strapazen weg: Gardasee, Südfrankreich… die Urlaubsziele lagen wahrlich nicht um die Ecke. Und einem Grüppchen wurde nahezu das komplette Urlaubsgepäck geklaut. Ärgerlich, aber Hauptsache, das Auto ist noch da und bringt uns zurück. Eine Unterhose und eine Zahnbürste sind fix nachgekauft, den 2 CV hätte man nicht so schmerzlos entbehrt.

Es sind sicher solche Erfahrungen, die dem Citroën 2 CV den heutigen Kultstatus eintrugen. Der ist auch medial dokumentiert: Kaum jemand hat ihn besser verkörpert als der Student Bastian Guthmann (Horst Janson) in der legendären TV-Serie »Der Bastian«. Maria Sebaldt wollte als Bille Vonhoff mit einem 2 CV ihrem eintönigen Alltag als wohlversorgte, aber dauergelangweilte Ehefrau in »Ich heirate eine Familie« entkommen. Senta Berger nahm die Ente als Gegenstand einer Wette, für die sie in »Wetten, dass…?« Pate stand. Jüngst verschönerte sie den ZDF-Film „Ihr seid natürlich eingeladen“. 

Heute blickt der 2 CV, gebaut von 1948 bis 1990 und somit schon lange nicht mehr im Citroën-Modellprogramm, auf 70 Jahre zurück. Wer heute einen erwerben möchte, wird trotzdem immer noch fündig. Nur – vom besonders preisgünstigen Neufahrzeug hierzulande kann dann nicht mehr die Rede sein. Da hat Kult eben seinen Preis. 

Einer der Enten-Nachfolger wurde gezielt in Erinnerung an den 2 CV lanciert: Das war der erste C3 von 2002. Echte Ähnlichkeit konnte man aber allenfalls zwischen 2 CV und C3 Pluriel erkennen, der Charme und manche Macke geschickt verband. Sicher nicht zufällig gab es das Mehrzweck-Cabrio C3 Pluriel zeitweilig auch in einer Charleston-Lackierung.

Zurück ins Jahr 1984: Vielleicht hat meine streitlustig geführte Diskussion seinerzeit die Referendarin vom Fahren abgelenkt
und zum Linksdrall beigetragen. Dafür entschuldige ich mich nachträglich in aller Form. „Effi Briest“ habe ich, wie andere Werke Theodor Fontanes, erst später verstanden und dann auch geliebt. So mag es manchem 2 CV-Besitzer ebenfalls ergangen sein. Die »Ente« jedenfalls fährt und fährt … das Alter ist nicht mehr als eine Zahl.

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