Wiedergeburt einer Royal Enfield


Vom Haufen Schrott ... zum Schmuckstück

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Rost einkaufen – instandsetzen – restaurieren. Das ist die Philosophie von Wilfried Zollinger aus Klingnau im Schweizer Kanton Aargau, ganze sechs Kilometer von der deutschen Grenze bei Waldshut entfernt. Seit etwa 15 Jahren hat er sich der Marke Royal Enfield verschrieben. Der ehemals englische Hersteller – heute in indischer Hand – ist das älteste noch produzierende Motorradunternehmen der Welt.

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Wenn man das Foto von Zollingers Royal Enfield Typ 352 Sport Twinport, Baujahr 1926, vor der Restaurierung sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass aus dem Schrotthaufen jemals wieder ein fahrbares Motorrad werden würde. Doch mit Schweizer Präzision ging der 66-Jährige bei der Restauration zu Werke. „Funktion, Technik und die originale Erscheinung sind meine Hauptziele“, verrät er seine Philosophie. Damit das Ergebnis am Ende möglichst nahe am Original liegt, dafür hat er sich zunächst Verkaufsprospekte, Ersatzteillisten, Bücher und Bilder beschafft. Dazu kommen der Austausch in Netzwerken wie der „Freunde alter Motorräder“ (FAM) und natürlich auch das Internet.

„Nachdem ich das Motorrad von allen Seiten fotografiert hatte, konnte ich mit der Arbeit beginnen“, erklärt Zollinger seine Vorgehensweise. Der Rahmen hatte von seinen Vorgängern bereits mehrere Anstriche übereinander bekommen. Also waren sandstrahlen, spachteln, schleifen, grundieren und lackieren angesagt. Insbesondere bei den Schutzblechen hatte der Zahn der Zeit deutlich genagt, und die Reparatur verlangte dem Eidgenossen einiges ab.

Dem „Blickfang“ Tank hat der Schweizer Veteranenfreund besonderen Wert beigemessen. Dabei wandte er einen speziellen Trick an: Rostlösen von innen mit Holzschrauben. Der Tank wurde auf einen Betonmischer montiert und musste so lange rotieren, bis nur noch blanke Oberflächen zu sehen waren. Danach wurde der Kraftstoffbehälter mit Epoxidharz ausgegossen und anschließend neu lackiert. Die Motorrevision fand dagegen im für Oldtimer üblichen Rahmen statt. Erstaunlicherweise waren Zylinder und Kolben in gutem Zustand. Dennoch tauschte Zollinger sämtliche Lager aus. Die Schlepphebel und Führungen mussten ebenfalls aufgetragen oder neu erstellt werden.

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Wenn Wilfried Zollinger in seiner Werkstatt einem Oldtimer neues Leben einhaucht, hat er oft gern gesehene Zaungäste: Seine sieben Enkelkinder – allesamt Mädchen – schauen dem Opa begeistert bei der Arbeit zu. Dazu hat der gelernte Werkzeugmacher und Klarinettenlehrer das Glück, dass sein Sohn und der Mann seiner Tochter gerne mit den restaurierten Motorrädern unterwegs sind. „Die Zulassung durch das Straßenverkehrsamt ist mir besonders wichtig“, erzählt der Schweizer, „da die Zeitzeugen ja auch gefahren werden wollen.“

Zollingers Royal Enfield 352 wurde von Ingenieur Ted Pardoe entwickelt. Das 350er-OHV-Modell wurde in den Jahren 1924 bis 1927 in zwei Varianten – 351 single Port und 352 double Port – hergestellt. Dabei bediente man sich eines JAP-Motors mit 346 ccm Hubraum, wobei die Bohrung 70 mm maß und der Hub 90 mm. Ein Sturmey-Archer-Getriebe bot dem Fahrer drei Gänge. Die Ölschmierung erfolgte über eine automatische, mechanische Pumpe.

Die 14,5 PS Leistung dürften eine Geschwindigkeit von etwa 95 bis 100 km/h erreichen, vermutet Wilfried Zollinger. Ausgereizt hat er es bislang noch nicht, schließlich sind Oldtimer in erster Linie zum gemütlichen Fahren da. Obwohl: „Das Ding lässt sich recht sportlich und wendig fahren, wobei die Druidgabel und der Terrysattel ein richtiges Wohlfühlerlebnis bieten“, erzählt der 66-Jährige.

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