Stern-Stunde der Handwerkskunst


Wo Automobil-Legenden wieder zu neuem Leben erwachen

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Oldtimer-Enthusiasten, die einen hochkarätigen Klassiker der Marke Mercedes-Benz suchen, machen sich zumeist nach Heimerdingen in der Nähe von Stuttgart auf. Dort, bei der Firma Kienle Automobiltechnik, glänzt Wertvollstes miteinander um die Wette.

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Funken-Regen: In der Kienle-eigenen Karosseriebauabteilung arbeiten hoch qualifizierte Spezialisten an Raritäten wie diesem 300 SL Roadster.

Das Leben besteht in der Bewegung, wusste schon der griechische Philosoph Aristoteles im vierten Jahrhundert vor Christus. Wer die Gelegenheit erhält, einen Blick in die blitzsaubere Werkstatt der Firma Kienle Automobiltechnik zu werfen, findet die Bestätigung dafür, dass dieser Sinnspruch nichts an Wahrheitsgehalt eingebüßt hat. Mechaniker beugen sich in Motorräume, tauschen Karosserieteile aus, versetzen Automobile in unzähligen Arbeitsstunden wieder in einen perfekten Zustand für ein zweites Leben auf dem Asphalt.

Wie Perlen an einer Kette reihen sich hier 300 SL Flügeltürer und Roadster aus den 1950er- und frühen 1960er-Jahren nebeneinander auf. Dazwischen wird konzentriert an einem Kompressor-Mercedes aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gearbeitet. Weitere Klassiker im Zeichen des Sterns aus den 1950er-, 1960er-, 1970er- und auch 1980er-Jahren verwandeln die Werkstatt in ein lebendiges Automobilmuseum der ganz besonderen Art.

Seit 1984 liegt Mekka für Besitzer eines erlesenen Mercedes-Klassikers bei Stuttgart, wie es einmal ein Journalist ausdrückte. «Ich habe in Rutesheim mit zwei Mechanikern angefangen, heute beschäftigen wir rund 75 hoch spezialisierte Fachkräfte sowie regelmäßig zahlreiche Auszubildende», blickt Firmengründer Klaus Kienle, Baujahr 1947, zurück. «Nachdem ich als Kind zum ersten Mal einen 300 SL Flügeltürer gesehen hatte, war für mich klar, dass ich mich irgendwann einmal beruflich mit diesem Automobil befassen wollte», so Kienle.

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Familien-Bande: Firmengründer Klaus Kienle mit seinen Söhnen Marc (links) und Alexander (rechts).

Sein Ziel verfolgte er alsdann so zäh wie ein Läufer, der einen harten Marathon durchstehen muss: 1962 begann der Schwabe eine Lehre zum Kfz-Mechaniker in der Stuttgarter Mercedes-Benz Niederlassung, absolvierte die Meisterprüfung und war zuletzt als Leiter der Abteilung Pkw-Großreparaturen und Sonderfahrzeuge für 85 Mitarbeiter zuständig. «Obwohl ich das Angebot hatte, Technischer Leiter der Niederlassung zu werden, machte ich mich selbstständig. Ich wollte meine handwerklichen Fähigkeiten anwenden, mit traditionellen Methoden und alter Meisterkunst faszinierende Technik wiederbeleben», sagt Klaus Kienle.

Was folgte, war eine Erfolgsstory auf der Überholspur. 1990 bezog Kienle Automobiltechnik im Industriegebiet der 3.500-Seelen-Gemeinde Ditzingen-Heimerdingen im Landkreis Ludwigsburg ein eigenes repräsentatives Firmengebäude. Als einer der ersten Profi-Restaurierer überhaupt verknüpfte Klaus Kienle in seinen dortigen Werkstätten modernste Technik mit traditioneller Handwerkskunst. Die Karosserie-Abteilung, die Fahrwerks-Montage, der Motorenbau, die Kfz-Elektrik-Abteilung, die Sattlerei, die Endmontage sowie eine eigene Teilefertigung befinden sich hier unter einem Dach, außerdem ist eines der weltweit größten Ersatzteillager für Mercedes-Benz-Klassiker angegliedert. «Das Beste oder nichts» lautet Kienles auf Gottlieb Daimlers Maxime zurückgehende Firmenphilosophie. Nur die gleichfalls mit höchster Perfektion durchzuführenden Lackierungen gibt die Firma Kienle außer Haus in Auftrag.

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Siegestrophäen von Schönheitskonkurrenzen sammeln von Kienle restaurierte Klassiker mit Stern deshalb so regelmäßig wie Michael Schumacher einst auf Grand-Prix-Siege abonniert war. Vor allem auf die vor dem Zweiten Weltkrieg gebauten Mercedes-Benz hat sich Kienle Automobiltechnik in den vergangenen fast 25 Jahren spezialisiert. Aber auch die Typen 300 S (1951 bis 1958), 300 SL (Flügeltürer und Roadster, 1954 bis 1963) und der majestätische Typ 600 mit seiner hochkomplizierten Technik (1964 bis 1981) zählen unter den Mercedes-Klassikern aller Epochen zu den von Klaus Kienle bevorzugten Restaurierungsobjekten.

Dienstleistungen wie Oldtimer-Gutachten, einen Klassiker-Suchdienst, einen eigenen umfangreichen Newsletter sowie die Fahrzeug-Vorbereitung für Rallyes bietet Kienle ebenfalls an, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Der Handel mit Klassikern, deren Wartung und der Einbau von in bester schwäbischer Tüftler-Tradition entstandenen Innovationen, die Oldtimer alltagstauglicher machen, ohne die Originalität wesentlich zu beeinträchtigen, haben in der Heimerdinger Firma ebenfalls Tradition. Zu den Kienle-Kunden zählen Mitglieder von Königshäusern genauso wie bekannte Künstler, Politiker und erfolgreiche Unternehmer.

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Eindrucksvolle Zahlen unterfüttern die Kienle-Erfolgsgeschichte. Von den 3.258 zwischen 1954 und 1963 gebauten Mercedes-Benz 300 SL existieren Schätzungen zufolge heute weltweit noch rund 1.500 Exemplare. Mehr als 600 ihrer Besitzer zählen zu den Kienle-Kunden, rund 200 dieser Klassiker wurden bei Kienle von Grund auf restauriert. Bei einem Jahresdurchsatz von rund 350 Autos der Marke Mercedes-Benz nimmt der 300 SL eine Vorrangstellung ein: Jährlich verlassen mehr als ein Dutzend voll restaurierte 300 SL die Kienle-Werkstatt – jeder mit einem Arbeitsaufwand von gut 2.000 Stunden wiederbelebt.

Einen Millionenaufwand bei der Instandsetzung erfordern bisweilen die Achtzylinder-Kompressor-Mercedes der 1930erJahre. Mehr als 4.000 Arbeitsstunden können verstreichen, bis eine Vollrestaurierung abgeschlossen ist. Bezogen auf einen durchschnittlichen Acht-Stunden-Tag entspricht dies einem Zeitaufwand von 500 Tagen ununterbrochener Arbeit. Das aufwendigste Projekt vollendete Kienle Automobiltechnik 2002. «Damals haben wir die Restaurierung eines Mercedes-Benz 540 K Spezial-Roadster aus dem Jahr 1939 abgeschlossen. In diesem Klassiker stecken mehr als 12.000 Arbeitsstunden», blickt Klaus Kienle auf die bislang größte Herausforderung für sein Team zurück.

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Kienles Auftragsbücher sind gut gefüllt, für Bewegung ist gesorgt. Das gilt für die Oldtimer-Werkstatt in der Max-Planck-Straße ebenso wie später auf dem Asphalt. Und es gilt für die Zukunft, denn die Tradition des Familienbetriebs werden zwei der vier Kienle-Söhne fortsetzen. Die beiden ältesten, Marc und Alexander, haben bereits die ersten Schritte hierzu unternommen: Sie arbeiten schon im Betrieb ihres Vaters.

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