Selbst erklärend, Fehler verzeihend? Verkehrsraum der Zukunft


Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat: „Vision Zero“ als Zielvorgabe

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Seminare des Deutschen Verkehrssicherheitsrates haben seit vielen Jahren neben interessanten Fakten, Daten, und realen Schlüssel-Beispielen auch immer etwas Visionäres. Da gibt sich der Verband als Deutschlands oberster Mahner und Hüter eines sozial verträglichen und sicheren Miteinanders auf unseren Straßen gerne als Prophet. Beispiel ist die „Vision Zero“ mit der Zielvorgabe „Null Tote und Schwerverletzte im Straßenverkehr“.

Vogelperspektive Kreuzung

Obwohl der „Verkehrsraum der Gegenwart“ immer noch einem ziemlichen Irrgarten – mitunter auch mit reichlich Fallstricken – gleicht, hatte der DVR wieder mit einer Reihe interessanter Experten zu einem zweitägigen Meinungsaustausch rund um den „Verkehrsraum der Zukunft“ eingeladen. Das Erfrischende dabei: Es wurde mitunter reichlich kontrovers, überraschend turbulent, aber immer sachbezogen und der Sache dienlich argumentiert und illustriert.

Was verbirgt sich hinter den beiden auf den ersten Blick etwas abstrakten Begriffen „Selbst erklärend“ und „Fehler verzeihend“? Was ist eine ideale Straße, eine ideale Kreuzung, ein idealers Mix von Gehwegen und Fahrbahnen in Großstädten? Und: wie viele dieser potenziellen Idealvorstellungen erfüllen denn unsere aktuellen Straßen, Gehwege, Bürgersteige, U-Bahn-Schächte und Straßenüberquerungen jetzt schon? Wie weit sind wir wirklich vom „Verkehrsraum der Zukunft“ entfernt?

Idealerweise sollten Straße und Umfeld bei einem Unfall keine Schuld tragen. Die klassische Formel „Einheit von Bau und Betrieb“ solle automatisch, dank der Straßengestaltung, auch zu einem richtigen Verkehrsverhalten führen. Alles schöne und lobenswerte Vorstellungen, die mitunter aber über den Propaganda-Status nicht hinaus kommen können. Denn die Gestalt und damit auch die Funktion einer Straße ist in der Regel das Ergebnis vieler Jahrzehnte. Da wurde im Laufe vieler Jahre Etliches verändert, verbessert und das Ganze auch noch an den oftmals klammen Geldbeutel von Kommunen, Ländern oder Bund angepasst. Denn der Wissensstand hat sich – Gott sei Dank – über diesen Zeitraum hinweg verändert. Nicht alles, was als gut und richtig entwickelt wurde, kann bedenkenlos umgesetzt werden. Oft fehlt es am Geld, steht die Praxis der Theorie im Wege.

Dennoch sei das aktuelle Straßennetz das Ergebnis von Umgestaltungen, verfügten die Straßen und ihr Umfeld bereits über erhebliche Sicherheitsreserven. Fahrfehler führten nicht immer zwangsweise zu folgenschweren Unfällen.

Straßen seien „Fehler verzeihend“ geworden, etwa durch das Anbringen von Schutzplanken in langen Baum-Alleen. Schlecht erkennbare Kreuzungen seien umgestaltet, tiefe Bankettstufen an schmalen Landstraßen beseitigt worden. Beim Neubau oder Umbau von Straßen geht der visionäre Ehrgeiz der Bauingenieure jedoch weiter: Die Straßengestaltung entspreche nur so sehr den Erwartungen der Nutzer, dass keine negativen Überraschungen mehr auftreten. Gefahrenstellen seien als solche zweifelsfrei erkennbar.

Auch aus der Wahrnehmungs-Psychologie seien Erkenntnisse berücksichtigt. So gebe es mehr wechselseitige dreistreifige Landstraßen, auf denen in gleicher Richtung ein größtenteils gefahrloses Überholen ohne Gegenverkehr möglich sei. Kreisverkehre führten bereits beim Heranfahren zur Herabsetzung des Tempos. Verkehrsinseln an den Ortseinfahrten, farblich wechselnde Fahrbahnbeläge hätten den gleichen Effekt.

Die Straße sei in der Tat „Selbst erklärend“, führe zu einer angepassten Fahrweise. Und damit zu jenem Fahrverhalten, das der DVR und seine Referenten ständig propagieren:


Miteinander und füreinander, statt gegeneinander.

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