Sachsen-Harleys – 106 Jahre motorisierte Leidenschaft


Sie sind nicht klein zu kriegen

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Nach dem Fall der Mauer wurde es zunächst ruhig um MZ, den traditionsreichsten Motorradbauer Deutschlands. Die Geschäftsführer gaben sich die Klinke des Zschopauer Werkes in die Hand, investierten Fördergelder von Land und Staat, um MZ am Leben zu halten. Jetzt hat der ehemalige Motorradrennfahrer Martin Wimmer das Ruder übernommen und sieht die Zukunft der Motorradschmiede nicht in großvolumigen Boliden – aber dennoch recht rosig.

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Der ehemalige Motorradrennfahrer Martin Wimmer steht seit 2009 an der Spitze des Zschopauer Motorradherstellers MZ. Wimmer hat ein schwieriges Erbe angetreten, ist aber voller Zuversicht: „Mit der ausgeklügelten Strategie werden wir schon bald wieder Motorräder fertigen und verkaufen können. Bis dahin brauchen wir aber noch ein wenig Zeit.“

 

Mehr als 100 Jahre dauert die Geschichte einer der ältesten Motorradmarken Deutschlands an. Auch wenn Kritiker das Ende schon oft sahen – MZ trotzte allen Umstürzen, Krisen und Untergangsgerüchten. Um mit dem Wettbewerb Schritt zu halten, investierten die unterschiedlichen Besitzer in verschiedenste Bereiche. Die einen bauten die Produktionsstraße kontinuierlich aus, um einen modernen Produktions‑standort zu schaffen. Die anderen feilten an der Modellpalette und boten vom 125 ccm-Moped bis zum 1.000 ccm starken Rennhobel alles an. Wiederum andere sahen eine Überlebenschance in der Reduktion der Stammmannschaft. Wessis, Ossis und sogar Malayen gaben mehr oder minder alles, um MZ am Leben zu erhalten und scheiterten dann doch immer wieder an der letzten Hürde. Der vorläufig aktuelle Wechsel in der Geschäftsführung fand 2009 statt, als die ehemaligen Motorradrennfahrer Ralf Waldmann und Martin Wimmer sowie dessen damalige Frau, Dr. Martina Häger, das gesamte Unternehmen für wenig Geld kauften. Das Trio hat sich zwischenzeitlich getrennt; an Waldmanns und Hägers Stelle ist ein privater Investor getreten, der mit seinem Geld nicht nur den Betrieb am Laufen hält, sondern auch 2010 und 2011 in das von den Rennfahrern gegründete Rennsportteam investierte.

Die Zeit der großen Bikes ist vorbei

Warum investiert ein weltberühmter Rennfahrer Energie, Finanzen und Zeit in ein Unternehmen, das jeden Tag vor dem Aus stehen kann? Martin Wimmer: «Außer BWM gibt es keinen deutschen Motorradhersteller mehr, der das Potenzial für große Stückzahlen hat und über eine eigene Produktionsstätte mit Entwicklungskapazitäten verfügt. Dabei hatten wir in Deutschland jede Menge Produzenten motorisierter Zweiräder – man denke an Kreidler, Zündapp, Horex, Herkules oder gar Sachs. Ich will gemeinsam mit der verbliebenen Mannschaft MZ am Leben erhalten und zu altem Glanz führen.» Bei Wimmer kommt Traditionsbewusstsein durch, obwohl er als gebürtiger Bayer keine gewachsene Verbindung nach Sachsen, speziell Zschopau hat. Beim Wiederanfang hatte Wimmer weniger als 10 Mitarbeiter übernommen, mittlerweile beschäftigt er rund 50 Angestellte in der MZ Motorenwerke GmbH, so heißt MZ in der Amtssprache offiziell. Zu viele von ihnen haben Geschäftsführer kommen und gehen sehen, als dass sie dem Bayer mit Argwohn gegenüber stehen. Im Gegenteil: Im vergangenen Jahr erhielt Wimmer von der Crew einen Pokal, als Dankeschön für sein unaufhörliches Engagement und seinen unbeugsamen Willen, MZ am Leben zu erhalten. Doch nicht nur die Angestellten stünden wie ein Mann hinter ihm, die ganze Region stärke ihm den Rücken und helfe, wo es nur erforderlich sei, ergänzt Wimmer. Während sich Wimmers Vorgänger in immer größere Kubik-Klassen stürzten, besinnt sich der Rennfahrer auf die Wurzeln von MZ und will künftig Motorräder mit kleinem Hubraum an den Start bringen. Die Rede ist dabei von maximal bis zu 600cm³. Die gesamte Crew ist der Überzeugung, dass sich heute und vor allem in Zukunft Motorräder mit wenig Hubraum besser vermarkten lassen als dicke «Dampfhämmer». Auch der Blick über die Grenzen hat MZ zur geänderten Marktstrategie bewogen: Im nahen und fernen Ausland sind kleinvolumige Motorräder beliebt. Wimmer weiß es aus Erfahrung: «Ich habe nach meiner Rennfahrerkarriere in China lange als technischer Berater mit den dortigen Zweiradproduzenten gearbeitet. In Asien werden jährlich über 30 Millionen Motorräder verkauft. Dabei habe ich den Trend erkannt.»

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Anthony 50-2T – ein Hommage an Anthony West, der im Jahre 2011 eine der beiden Werksmaschinen in der Moto2-Weltmeisterschaft pilotierte. Der Roller gehört nach wie vor zum Portfolio und erfreut sich großer Beliebtheit. Insbesondere die Fans des GPSports, die selber noch kein Motorrad fahren dürfen, gehören zum großen Fankreis des flotten Rollers.

Hybrid, Elektro und Geländesport

Was die Angestellten derzeit in Zschopau produzieren, will einem alten Biker nicht so recht ins MZ-Bild passen. Roller mit Elektromotoren, als Hybrid-Fahrzeuge oder mit kleinen 4-Takt-Aggregaten verlassen derzeit die Bänder. Wimmer sieht darin die Zukunft und die Basis, um künftig auch wieder richtige Motorräder bauen und anbieten zu können. «Mit der Elektro- und Hybrid-Strategie liegen wir voll im Umwelttrend. Wir bieten diese Fahrzeuge Großkunden an. Umweltschonend können Mitarbeiter auf dem Werksgelände schnell von A nach B gelangen. Wir sehen gerade bei den Hybridfahrzeugen auch eine Zukunft im Lieferverkehr, beispielsweise bei der Post oder bei städtischen Angestellten. Der Hybrid-Roller fährt solange elektrisch, bis die Batterie entleert ist und schaltet dann automatisch auf den Verbrennungsmotor um, auch der Mischbetrieb zwischen Elektro- und Benzinmotor ist wahlweise möglich.» Der «reine E-Roller» schafft mit einer Batterieladung bis zu 80 Kilometer, in Abhängigkeit des Fahrstils wohlgemerkt. «Ideal für Pendler, die 20 Kilometer zur Arbeit und zurück haben», ergänzt Wimmer. Erst wenn der Verkauf richtig angelaufen ist, will man in Zschopau auch wieder Motorräder produzieren. Die Mitarbeiter erledigen aber auch sogenannte Auftragsarbeiten. So produzieren sie für das in Regensburg ansässige Unternehmen «PG» Elektrofahrräder. Wimmer: «Das Unternehmen hat zunächst in Ungarn die Rahmen für die Elektrofahrräder fertigen lassen, jedoch immer wieder Qualitätsprobleme gehabt. Die Fertigungstoleranzen wurden zu großzügig ausgelegt, was Probleme mit sich brachte. PG hat ein neues Fertigungswerk gesucht, bei dem handwerkliche Präzision und Zuverlässigkeit an erster Stelle stehen. Bei uns ist er fündig geworden. Die Räder werden komplett in Handarbeit gefertigt, lediglich die Komponenten stammen von Zulieferern.»

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Die Strategie von Wimmer ist klar definiert: Umweltschonende Fahrzeuge in großer Stückzahl sorgen für den nötigen finanziellen Rückhalt, um später Motorräder zu bauen. „Emmely“ ist noch ein Prototyp, wird aber wohl schon bald so zu haben sein. Große Unternehmen im Bereich der Brief- und Paketzustellung haben reges Interesse am Hybridroller aus Zschopau gezeigt.

Bei aller E-Bike-Euphorie verliert Wimmer eines nicht aus den Augen – die Tradition. Und davon hat MZ eine ganze Menge. Zum Beispiel in Sachen Sport: 1921 verbucht «DKW» den ersten Erfolg, als bei der 800 Kilometer langen Reichsfahrt von Berlin nach Heidelberg die drei ersten Plätze an das Unternehmen gehen. Sechs Jahre später, 1927, fällt der Startschuss für die Rennsportabteilung, die bis zur Auflösung 1939 unzählige Erfolge feiert. 1949 ist es wieder soweit: Das Unternehmen, jetzt als MZ agierend, kann im Sport wieder auftrumpfen.

«So geht die Geschichte weiter», erklärt Martin Wimmer, «bis zur jüngsten Vergangenheit. 2010 haben wir ein neues Motorradrennteam ins Leben gerufen und sind seit 2011 mit zwei Motorrädern in der Moto2-Klasse an den Start gegangen. Dabei konnten wir schon einige Achtungserfolge erringen, insbesondere die zwei vierten Plätze durch unseren Fahrer Anthony West 2011 sind dabei hervorzuheben.» Der Rennsport werde, darauf legt Wimmer äußerst großen Wert, von einem separaten Unternehmen geführt. MZ führe lediglich Auftragsarbeiten für die Rennsportabteilung durch und diene keinesfalls als Füllhorn für das Racingteam. Und worauf dürfen sich die Freunde von MZ-Motorsport 2012 freuen? «Wir haben je einen Startplatz in der Klasse GP2 (Alexander Lundh, Schweden) und GP3 (Jonas Folger), und außerdem betreuen wir unseren Fahrer Toni Finsterbusch, der im Rennteam rund um Dirk Heidolf startet. Und für alle Enduristen: Die Enduro-Six-Days finden in diesem Jahr im Erzgebirge statt. Grund genug für MZ, zu versuchen, ein eigenes Motorrad ins Rennen zu schicken. Schließlich haben die Heros früherer Tage eindrucksvoll bewiesen, dass MZ für Endurosport steht und diesem Anspruch wollen wir gerecht werden.»

Einen letzten Produktionszweig will Wimmer nicht verschweigen und er ist mit Berechtigung stolz drauf. MZ hat ein Miniblockheizkraftwerk konstruiert, für das es schon vielerorts Anfragen zum Einsatz gibt. «Die Zukunft wird so aussehen, dass jeder den Strom selbst produziert, den er benötigt. Die überschüssige Energie wird ins Netz gespeist und anderen Abnehmern zur Verfügung gestellt. Wir haben dazu kleine 4-Takt-Motoren entwickelt, die gerade für kleinere Wohneinheiten ideal sind. Ich denke, mit dieser gesamten Strategie sind wir auf dem richtigen Weg in die Zukunft.»

Bleibt zu hoffen, dass Martin Wimmer recht behält und er MZ in eine rosige Zukunft führt. Es wäre allemal schade, wenn die Traditionsmarke verschwinden würde und Deutschland auf ein Stück Kulturgut verzichten müsste.

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