Lkw: Neue Wege in der Fahrsimulation


Brücklein, wechsle dich

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Die Brücke sieht zunächst aus wie jede andere, vielleicht ein bisschen gepflegter. Doch dann fallen die bunte Lackierung ins Auge und der Schriftzug „Neue Wege in der Fahrsimulation“. Was hat eine Lkw-Wechselbrücke auf dem Hof der Fahrschule Hartmann in Esslingen zu suchen? Dort führen Starkstromkabel ins Innere und an der Wechselbrücke ist, wie bei einem Luxusreisemobil, eine Art Erker ausgefahren. Stimmen dringen nach außen und schließlich öffnet sich eine Tür. Heraus tritt ein Instruktor mit seinem sichtlich beeindruckten Schüler. Der hat mit seinem Laster gerade einen ausscherenden Bus gerammt und sich anschließend das Video angeschaut, bei dem ihm der Instruktor jeden einzelnen Fahrfehler präzise erläuterte. Gott sei Dank, keine Personenschäden, und auch nichts kaputt, denn die ganze Situation ist simuliert.

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Lkw-Fahrer sind verpflichtet (Stichtag: 10.09.2009), alle fünf Jahre an einer Fortbildung teilzunehmen, damit sie weiterhin gewerblich im Güterverkehr fahren können. Themen der fünf eintägigen Module sind Wirtschaftlichkeit durch effizienten Fahrstil, Vorschriften im Güterverkehr, Sicherheitstechnik und Fahrsicherheit, Umgang mit Kunden und Ladungssicherung.

Bis zum 10.09.2014 muss jeder Lkw-Fahrer die Weiterbildung in seinen Führerschein eingetragen haben.

Diese Maßnahmen mögen zu mehr Verkehrssicherheit beitragen, sind aber für die Fahrschulen und andere Träger auch ein sicheres Geschäft, das sie über Investitionen und neue Initiativen nachdenken lässt. Da kommt der frisch entwickelte Lkw-Fahrsimulator der Sifat-GmbH aus Berlin gerade recht: Man nehme eine Wechselbrücke, allerdings vollklimatisiert, stecke eine Mercedes-Actros-Kabine in ein Stahlgehäuse, montiert auf Hydraulikstempeln, versehe das Ganze mit reichlich Rechnerleistung und einem Kontrollraum mit Monitor – fertig ist das Wunderding. Es erlaubt die Nachbildung von fahrdynamischen Grenzsituationen oder auch Blaulichtfahrten bei wählbaren Fahr­zeug­konfi­gu­ra­tio­nen. Die Fahrbildprojektion erscheint in der Serien-Actros-Kabine realistisch bei einstellbaren Umwelt- und Wetterbedingungen. Alle Schalter funktionieren wie im richtigen Leben. An Bord sind moderne Assistenzsysteme wie ESP, Tempolimiter oder Spurhaltefunktion. Der Lkw, wahlweise ein Sattel- oder Hängerzug, rumpelt durch Schlaglöcher, neigt sich in der Kurvenfahrt zur Seite oder beim Bremsen nach vorne. Die Grenzen zwischen virtueller und wirklicher Welt verschwinden schon bald. Möglich macht’s die ausgefeilte Technik von Rheinmetall, einem Spezialisten für Wehrtechnik, die allerdings „zivilisiert“ wurde. Wert der Wechselbrücke: rund eine halbe Million Euro.

Die Konstruktion ist ideal für die Module Wirtschaftlichkeit und Fahrsicherheit, denn sie schont die Ressourcen. So hilft der Simulator, Situationen durchzuspielen, in die ein Lkw-Fahrer nie geraten möchte. Wie wäre es beispielsweise mit einem Silo-Zug auf der Kreisbahn? Der hat die Eigenschaft, dass bei langsam höher werdender Geschwindigkeit zunächst nichts passiert, dann aber die ganze Fuhre dank Schwall ohne Übergang und Warnung einfach umkippt. Oder wie wär’s mit einem Ausflug in die Notbremsgasse, weil die Bremsen versagen? Das kostet im wirklichen Leben mit Bergung aus dem Kiesbett und Reparatur am Lastwagen zwischen 15.000 und 20.000 Euro. Dagegen sind die Kursgebühren pro Simulator-Modul ein Nasenwasser: um die 300 Euro, je nach Anbieter. Aber sie bringen was in der täglichen Praxis. Denn nur wer Handlungsabläufe einmal eingeübt hat, kann sie dann in der echten Gefahrensituation auch abrufen.

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Die Wechselbrücke kommt zum Kunden in die Halle oder auf den Hof. Ein Beamer überträgt die Lektionen nach draußen und verkürzt so die Wartezeit, bis der nächste Schüler dran ist. Sifat-Geschäftsführer Klaus Haller hat in Berlin eine stationäre Anlage eingerichtet und reist mit seinem ersten mobilen Exemplar durch die Lande. Er würde gerne 15 Wechselbrücken quer durch die Republik bei Regionalpartnern parken. Sein Geschäftsmodell sieht vor, dass er die Simulatoren nur vermietet und sich die Partner ihrerseits um die Vermarktung kümmern. In Frage kommen beispielsweise spezialisierte Fahrschulen wie eben das Zentrum Verkehr und Ausbildung Hartmann in Esslingen.

Kurzum: Aus Schaden wird man klug, auch beim Lkw-Fahren. Nur gut, wenn sich die Kosten dabei in Grenzen halten.

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