Kraft und Kitsch: 55 Jahre «Kei-Cars»


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Fast jeder japanische Konzern setzt auf die kuriosen Kei-Car-Kleinstwagen, die ein Viertel der japanischen Neuzulassungen ausmachen. Sie sind seit 55 Jahren die japanischen Volksautos, steuerbegünstigte Massenverkehrsmittel in fast unüberschaubarer Vielfalt an Karosserien und kitschigen Varianten, immer aber mit einem Hauch von Luxus, Lifestyle und Leistung bei Ausstattung und Motorisierung.

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Bonsai-Roadster: Daihatsu Copen (Europaversion von 2010)

Mit der weltweit einzigartigen Klasse der «Kei Jidosha» (übersetzt: leichtes Automobil) kämpfen japanische Politiker und Verkehrsplaner gegen die Parkplatznot in Nippons Megametropolen. Maximal 3,40 Meter Länge bei 1,48 Meter Breite und 660 ccm Hubraum lauten heute die Eckwerte für die Schuhkartonklasse, die in dieser Spezifikation nicht einmal der Smart Fortwo erfüllt. Wichtigstes Privileg der japanischen Zwerge: In vielen japanischen Gemeinden entfällt für sie die Nachweispflicht eines teuren Parkplatzes.

Mit turboaufgeladenen Sport-Versionen von Suzuki, Daihatsu oder Honda und Drehzahlen von bis zu 8.000 Touren sowie dazu passendem Motorengebrüll bringen die Kraftzwerge eine Renn- und Rallye-Atmosphäre auf überfüllte Stadtautobahnparcours, die nicht nur jugendliche Kei-Car-Piloten in ihren Bann zieht. Vor allem aber benötigen die knuddeligen Kleinen nur wenig Parkfläche und sie sind besonders emissionsarm – ideal in Ballungsräumen. Zu erkennen sind die chicen Sympathieträger im Großstadtdschungel nicht nur am winzigen Format und witzigen Formen, sondern auch an leuchtendgelben amtlichen Kennzeichen mit zwei Schriftfarben. Schwarze Schrift verrät die private Zulassung, weiße Schrift den gewerblichen Halter. Nicht selten verbirgt sich unter einem eleganten viertürigen Limousinenkleid das Interieur eines Transporters.

Bestimmten noch in der Anfangszeit der japanischen Motorisierung überwiegend Lastendreiräder das Straßenbild, sind heute vierrädrige Kleinsttransporter in Japan überaus populär. Dies wie damals vor allem dank relativ erschwinglicher Kei-Car-Preise und steuerbegünstigter Unterhaltskosten. Aber auch eine neue Vielfalt an Formen und Formaten macht die Zwerge als Pkw und Geschäftsauto populär. So finden sich in Katalogen und Schauräumen fast aller Marken Kei-Cars als Kleinsttransporter, Kombi, Coupé, Cabrio, Geländegänger, Pick-up, Microvan oder Steilhecklimousine.

Mazda Carol 360 (1966)

Viertürer im Kleinstformat: Mazda Carol 360 (1966).

Weltweit bekannt wurden vor allem die Sportwagen unter den Winzlingen: Der 1991 eingeführte Suzuki Cappuccino und der 2002 vorgestellte Daihatsu Copen mit versenkbarem Hardtop schrieben ein eigenes Kapitel Roadstergeschichte. Dagegen legte der 1970 vorgestellte Suzuki LJ 10 Jimny den Grundstein für die globale Karriere des damals kleinsten Geländewagens. Technische Meilensteine setzten jedoch andere Kleinstmodelle.

Über Geschmack lässt sich – auch bei Karosserien – nicht streiten. Unstrittig aber sind die Kei-Cars seit jeher automobiler Inbegriff der japanischen Tradition und Bescheidenheit, kombiniert allerdings mit dem Glauben an technologische Überlegenheit.

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