Die IAA vor 50 Jahren − Ein Rückblick auf 1967


Flower Power, Pop Art und Avantgarde

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Eigentlich war alles wie immer und doch war alles anders. Die Frankfurter IAA hatte im sonnigen September 1967 wieder die ganze Autowelt zu Gast, mehr als 80 Marken aus 16 Ländern kündeten von einer heute kaum mehr vorstellbaren Vielfalt. Vor allem aber spiegelten sie den globalen Zeitgeist – und dieser fegte zum ersten Mal mit revolutionären, farbenfrohen Veränderungen durch die Messehallen. Eine dreiviertel Million Menschen drängte sich um neue Fahrzeuggenerationen, die sich über alle zementierten Konventionen hinwegsetzten und von Flower Power, Pop Art und Avantgarde kündeten. Fast schien es, als würde das Auto neu erfunden und signalfarben lackiert, sei es als futuristische Wankel-Limousine wie der NSU Ro 80, in Form von provozierenden Powerpaketen wie Porsche 911 T, Ford RS oder Opel Commodore, schräge Shootingbrakes made in England, exotische Rennmäuse und extrovertierte Geländegänger aus Japan, skurrile Sportler aus Kunststoff-Baukästen oder bunte Wohnmobile. Die Pop-Protagonisten der Hippie-Bewegung fuhren psychedelisch bemalte Porsche und Rolls-Royce, vor allem aber verwegen lackierte Volkswagen. Dagegen setzten die Studenten in ihrem Kampf gegen das Establishment und die Professoren mit deren „Muff von 1.000 Jahren“ auf unangepasste, aber robuste Renault 4 und Citroen 2 CV.

Vor 50 Jahren wurde das Auto erstmals wichtiges modisches Accessoire und die IAA avancierte zum Laufsteg für den motorisierten Lifestyle. Wovon auch Volvo und Saab zu berichten wussten, galten die Schweden doch fortan als Sicherheitsstatement auf Lehrer- und Professoren-Parkplätzen. Überhaupt wurde Sicherheit zum großen Thema, dies unter dem Druck dramatisch steigender Unfallzahlen auf einem bereits völlig überlasteten Straßennetz. Über 17.000 Verkehrs-tote wies die deutsche Unfallstatistik für 1967 aus, rund fünf Mal so viel wie heute. Während die Skandinavier damals bereits Reboard-Kindersitze und Sicherheitsgurte für die Rücksitze anboten, begnügten sich manche Hersteller noch mit Basics wie Verbundglas und Mehrkreisbremsen. Zur Lichtgestalt in der Messe am Main wurde dagegen die durch Kurvenscheinwerfer aufgewertete „Göttin“ Citroen DS.

Dagegen sprachen exklusive Sportler wie der neue Maserati Ghibli und Aston Martin DBS die Avantgarde unter den wohlhabenden Bundesbürgern an. Experimentierfreudige Enthusiasten, die Supercars in dezentem Design schätzten, vielleicht weil sie ahnten, was kommen sollte. Durch die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche wurden chromfunkelnde V8 in der Bonner Republik nach 1968 ebenso geächtet wie grelle italienische V12. „Sechs sells“, lautete stattdessen die neue Botschaft bei BMW, Jaguar, Fiat oder Volvo, die im Herbst 1967 ihre künftigen, politisch korrekten Flaggschiffe finalisierten.

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