Am Anfang war der Lutzmann


Unterwegs im Opel-Patentwagen von 1899

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Joachim Zok schwitzt und schimpft, und das aus gutem Grund. Heute hat er mal wieder einen Knochenjob. Er ist Mechaniker im Team von Opel Classic, trägt die Verantwortung für den »Lutzmann« und steht deshalb jetzt an der großen Kurbel, mit der er den liegenden Einzylinder im Heck des grünen Greises zum Leben zu erwecken versucht. Diesen Kraftakt muss der eher zierliche Schrauber in diesem Jahr überdurchschnittlich oft zelebrieren. Schließlich feiert Opel 2019 den 120. Geburtstag des Automobilbaus und der Lutzmann spielt dabei die Hauptrolle. Denn dieser filigrane Motorwagen war es, mit dem die Geschichte 1899 begonnen hat.

1899 Opel Patentmotorwagen „System Lutzmann“

Zwar wurde in Rüsselsheim schon davor reichlich geschuftet und mobil gemacht, war Opel damals doch ein großer Hersteller von Nähmaschinen und Fahrrädern. Doch haben die Gebrüder Fritz und Wilhelm Opel früh erkannt, dass die Zukunft dem Automobil gehört und deshalb am 21. Januar 1899 für 116.678 Mark die »Anhaltinische Motorwagenfabrik« des Dessauers Friedrich Lutzmann gekauft. Der war seit 1891 Hofschlossermeister des Großherzogs von Sachsen-Anhalt, hat auf der Internationalen Automobilausstellung von 1897 seinen »Pfeil« vorgestellt und davon bereits eine Handvoll verkauft, als er mit Opel handels-
einig wird und von der Massenmotorisierung zu träumen beginnt. Dafür wechselt er als Direktor des Kraftwagenbaus mit seiner gesamten Werkstatt und den meisten seiner Mitarbeiter an den Main und stellt schon in Frühjahr das erste Auto für Opel auf die Räder.

Wobei das mit dem Auto so eine Sache ist. Denn mit dem, was wir uns heute unter einem Auto vorstellen, hat der Lutzmann nicht viel zu tun und außer den vier Rädern hat der Erstling mit aktuellen Modellen wie einem Corsa oder Astra nichts, aber auch gar nichts mehr gemein. Viel eher erinnert er an eine Kutsche, bei der jemand die Deichsel und die Pferde vergessen hat. Selbst Lenkrad und Pedale fehlen. Von einer echten Karosserie ganz zu schweigen. Stattdessen sitzt man auf offenen Lederbänken, von denen Opel je nach Wunsch eine oder zwei gegenüberliegende montiert. Denn von Serienfertigung ist damals noch keine Rede und jeder Wagen sieht anders aus. Aber immerhin gibt es schon ein paar Extras: Pneumatikreifen anstelle der Vollgummi-Pneus werden mit einem Aufpreis von 250 Mark berechnet, ein Verdeck kostet 200 und ein abnehmbarer Kindersitz 50 Mark.


Wer nicht rechtzeitig
in den Leerlauf schaltet,
wird den Motorwagen schwerlich
zum Stehen bekommen.

Opel übernimmt den Wagen aber nicht einfach so. Die Söhne des wenige Jahre zuvor gestorbenen Firmengründers Adam Opel erweisen sich als profunde Tüftler und optimieren gleich mal die Konstruktion: So überarbeiteten die jungen Automobilentwickler die kettengesteuerte Lenkung und konstruierten einen tieferen Rahmen mit kräftigen Längstraversen um die Stabilität zu erhöhen und den Schwerpunkt abzusenken. Außerdem drängen sie Lutzmann zum Leichtbau und drücken das Gewicht so auf 520 Kilogramm. Das ist wichtig, wenn einem anfangs nur ein Zylinder und 3,5 PS zur Verfügung stehen. Die Kraftübertragung zur Hinterachse übernehmen Zweiganggetriebe, Treibriemen und Kette.

So mühsam die Startprozedur mit dem Lutzmann ist, so leicht lässt er sich fahren: Die zwei Gänge wechselt man ohne groß zu kuppeln, das Tempo regelt man mit einem Hebel am Lenkrad und die Bremse hat buchstäblich Hand und Fuß. Denn egal, ob man außen am Hebel zieht oder das kleine Pedal im Boden tritt, immer wirkt die Kraft auf den Transmissionsriemen – und verpufft fast unbemerkt: Wer nicht rechtzeitig in den Leerlauf schaltet, wird den Motorwagen schwerlich zum Stehen bekommen.

Doch die Zeit des Lutzmanns währt nur kurz: Die Opels erkennen früh, dass andere Konstrukteure alltagstauglichere Konzepte anbieten und geben Lutzmann deshalb für eine Lizenz des französischen Herstellers Darraq den Laufpass. Allerdings verabschiedet sich der Patentmotorwagen mit einem Knall: Im letzten Jahr der Herstellung feiert Opel seinen ersten Erfolg im Motorsport. Mit einem modifizierten, extra leicht gebauten, 5 PS starken Patentmotorwagen siegt Heinrich Opel beim Bergrennen auf den Kaiserstuhl und erklimmt die 4,5 Kilometer lange Bergstrecke in atemberaubenden 17 Minuten und 20 Sekunden.

Zwar wurden in Rüsselsheim zwischen 1899 und 1901 immerhin 65 Lutzmann gebaut und zu Preisen ab 2.650 Mark verkauft. Doch haben es davon gerade einmal drei Exemplare in die Gegenwart geschafft. „Und nur einer davon ist regelmäßig unterwegs“, sagt Lutzmann-Techniker Zok.

1899 Opel System Lutzmannaus

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