Polen im Fußballfieber 2012


Fast alles dreht sich um das runde Leder

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Erstmals in seiner Geschichte richtet unser osteuropäischer Nachbar im kommenden Sommer, gemeinsam mit der angrenzenden Ukraine, eine Fußballeuropameisterschaft aus. Dafür haben sich vor allem die vier Austragungsorte Warschau, Danzig, Posen und nicht zuletzt Breslau fein herausgeputzt. Im neuen Nationalstadion der Hauptstadt, die auf polnisch Warszawa heißt, ist am 8. Juni Anpfiff.

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Gdansk

 

«So viele Baustellen wie in Warschau gibt es nur noch in Berlin», sagt Magda, die Wahlberlinerin, die in der polnischen Metropole studiert hat. Beeindruckende Wolkenkratzer sind seit der politischen Wende in den Himmel gewachsen. Daniel Libeskind und andere namhafte Architekten haben das moderne Warschau mitgestaltet. Doch wie zum Trotz überragt sozialistischer Realismus in Form des in Hassliebe gepflegten Kulturpalastes die Boomtown-Skyline. Die Aussichtsplattform des Warschauer Wahrzeichens im 30. Stock bietet die beste Sicht auf die polnische Hauptstadt. Vom pulsierenden Wirtschaftszentrum fällt der Blick auf die glanzvoll wieder aufgebaute Altstadt, die königlichen Parks und Schlösser und schließlich auf die Weichsel. Nahe dem Fluss sticht ein anderer Monumentalbau der Neuzeit heraus: Das Nationalstadion mit der geschwungenen rot weißen Fassade als Symbol für die polnische Flagge.

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Poznan

Seit bekannt ist, dass die Fussball-EM 2012 in Polen und der angrenzenden Ukraine ausgetragen wird, beherrschen Baukräne das Bild der Austragungsstädte. Es wird aufgehübscht, erweitert und neu gebaut was das Zeug hält. Ebenso wie in Warschau sind in der Handelsstadt Posen (Poznan), in der Ostsee-Metropole Danzig (Gdansk) sowie in Breslau (Wroclaw) futuristische Stadien für Zehntausende von Besuchern entstanden. Die alte, geruhsame Oderstadt Breslau erhofft sich, mit dem Fußballfieber neu entdeckt zu werden. Nach dem Fall des Kommunismus und mit dem EU-Beitritt Polens zog es vor allem die Besucher in «Europas heilige Blume», die Magdalena Korzeniowska «Heimattouristen» nennt. Vor 1939 seien 98 Prozent, der schon damals knapp 630.000 Einwohner, Deutsche gewesen und zwei Prozent Polen, erklärt die Touristikerin des polnischen Fremdenverkehrsamts in Berlin. Heute sei es genau umgekehrt. Bei der Doppelvertreibung nach dem Untergang der Nazis wurden die Deutschen westwärts gedrängt, während die Sowjets den Osten besetzten und die Polen vertrieben. Vorwiegend aus Lemberg (Lviv, etwa 80 km von der polnischen Grenze entfernt), einem der vier EM-Austragungsorte der Ukraine. Doch das ist Geschichte.

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Wroclaw

Und auch die Zeit ist vorbei, als Besucher aus Deutschland böse Blicke trafen, wenn sie die Kamera zückten, um das Leben und Treiben auf dem mittelalterlichen Marktplatz Breslaus einzufangen.

Die reich verzierten, bunten Bürgerhäuser auf dem Ring, wie der fast rechteckige Platz genannt wird, sind liebevoll herausgeputzt. Michal Moczulski zeigt ein altes Foto in einem historischen Bildband, auf dem die Häuserfassade schon vor Jahrhunderten den Marktplatz einfasst. Mit Stadtführungen verdient sich der Student der Politik und Wirtschaft einen Teil seines Studiums. Aufnahmen von früher hat er immer in seinem Rucksack. «Viele Besucher möchten ihre Heimat, das alte Breslau, wieder erkennen.» Ein bisschen sentimental findet Michal das schon, doch es klingt nicht abschätzig. Vieles ist in der schlesischen Metropole erhalten geblieben. Dazu gehört das gotische Rathaus, das Wahrzeichen der Stadt mitten auf dem zweitgrößten Rynek (Marktplatz) Polens. Im Schweidnitzer Keller direkt an dem kunstvoll verzierten Backsteinbau wurde schon im 13. Jahrhundert Bier gezapft. Während der kommunistischen Ära, als die prädestinierte Lage keine Rolle spielte, war in dem Keller ein Jugendclub. Vor knapp zehn Jahren erst hat ein Österreicher die Tradition des Bierkellers wieder entdeckt und serviert zum Wiener Schnitzel mit Pommes frisch gezapftes Helles. Die Preise sind ganz offensichtlich für Touristen gemacht. Schließlich spricht man deutsch. Das kommt gut an.

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Warszawa

Als Michal für zwei Semester im westfälischen Münster war, hat er die Erfahrung gemacht, dass viele Deutsche wenig Ahnung von Polen haben. Von Niederschlesien, der südpolnischen Region, die an Deutschland grenzt, hatte schon gar niemand eine Vorstellung. Wer hätte gedacht, dass der deutsche Nationalspieler Lukas Podolski aus dieser exotischen Gegend kommt? Schon deshalb macht der sympathische Student die Nachbarn gerne mit seiner Heimat vertraut und führt sie über den Ring und die Dominsel. «Da spüren die Leute, wie jung Wroclaw eigentlich ist», versichert Michal. Keine Spur von sozialistisch grauem Charme ist erkennbar. Die viertgrößte Stadt Polens, die weiter von der polnischen Hauptstadt entfernt ist (nach Warschau sind es 350 km) als beispielsweise von Dresden (250 km), ähnelt eher mancher aufstrebenden Stadt in Ostdeutschland. Den behutsam restaurierten historischen Fassaden stehen moderne Glaspaläste gegenüber. Die Straßenbahn kommt farbenfroh daher. «Im Porsche-Design», sagt Michal «Aber die Geschwindigkeit ist Skoda», fügt er süffisant lächelnd hinzu. Lebendig wirkt die Stadt trotz ihres gemütlichen Tempos. Dafür sorgen hauptsächlich die rund 120.000 Studenten, also gut jeder fünfte der 630.000 Einwohner Breslaus. Über 20 staatliche und private Hoch- und Fachhochschulen verteilen sich quer über die Altstadt. Bis auf die barocke Aula Leopoldina, die mit Eintrittsgeldern das Budget der Hochschule ein wenig aufbessert, bekommen die Touristen allerdings wenig mit vom akademischen Treiben. Am fidelen Nachtleben, das sich durch die Studenten entwickelt hat, könnten sie indes teilhaben. Doch die jungen Rucksacktouristen, die abends die Clubs bevölkern, scheinen die Oderstadt bisher noch nicht entdeckt zu haben. Dabei sei Clubbing hier wie in keiner anderen polnischen Stadt an Wochenenden Programm, sagt Michal. «Oft sogar schon ab Donnerstag.»

Die jüngere Generation hat ein unverkrampftes Verhältnis zu ihrer prosperierenden Stadt und selbst zu deren Namen.

Dominsel

Dominsel – Breslau

Breslau, das während des Kommunismus nicht einmal in den Mund genommen werden durfte, geht vielen heute genauso leicht über die Lippen wie Wroclaw.

Man will nicht zurückblicken, sondern eine weltoffene «Stadt der Begegnung» sein. Im weltlichen wie im christlichen Sinn, wie sich im «Viertel der gegenseitigen Achtung» zeigt. In dem ehemaligen jüdischen Viertel zwischen Ring und Stadtgraben trifft man in nur wenigen hundert Metern Entfernung voneinander auf vier Gotteshäuser: Neben der aufwändig restaurierten Synagoge und der evangelischen Gemeinde funktioniert das Gemeindeleben der katholischen St.-Antonius-Kirche des Paulinerordens und die orthodoxe Kirche der Geburt der Allerheiligsten Gottesmutter ohne Probleme. Austausch und nachbarschaftliches Miteinander gehört hier spätestens seit der großen Oder-Überschwemmung vor 15 Jahren zum Alltag. Auch in diesem Bezirk hat sich mit dem Bauboom im Vorfeld der EM einiges bewegt. Das gläserne Dach des Kinos, Geschäfte und neue Restaurants prägen das Bild. Auch in der renovierten Niepold-Passage, die einst der jüdische Kaufmann Wilhelm Niepold als Handelszentrum aufbaute, haben sich Kneipen und Musikclubs eingerichtet. Altehrwürdige Hotels, wie das Monopol, in dem schon Marlene Dietrich und Picasso nächtigten und dem später die Nazis ein Hakenkreuz verpassten, strahlt wieder im fünf Sterne-Glanz. Die neue Innenstadtumfahrung, die direkt zur EM-Arena führt, sorgt für unbeschwertes Treiben im Zentrum. Vor dem EM-Anpfiff wird noch eine schnelle Straßenbahn auf die Schiene gesetzt. Die Verbindung der Stadtrandsiedlungen mit dem Zentrum gibt es dann in zeitgemäßem Tempo.

Schon mit dem EU-Beitritt Polens 2004 hat sich Breslau auf der Gewinnerseite gesehen. Im Gegensatz zu vielen ländlichen Regionen hat die Metropole Niederschlesiens eine weit entwickelte Wirtschaft in die Gemeinschaft eingebracht. Mit der EM hat die Stadt nochmals einen Riesenschritt in Richtung Zukunft gemacht. Und die heißt Europa.

Vielleicht nähert sich Wroclaw eines Tages auch wieder Breslau, der einst reichsten Stadt Preußens, die damals reicher war als Berlin.

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Marktplatz

Informationen

Polnisches Fremdenverkehrsamt Berlin

Tel.: 030 – 21 00 920, www.polen.travel

Währung

1 Euro entspricht etwa 4 Zloty. Wechselstuben (Kantor) bieten oft einen günstigeren Kurs als Banken.

Anreise

Flug

Lufthansa und Lot fliegen aus allen größeren Städten nach Polen in die EM-Städte.

Zug

Mit dem Euro-City kommt man bequem in die EM-Städte.

Autofahren in Polen

Abblendlicht rund um die Uhr ist Vorschrift, die Promillegrenze liegt bei 0,2 Promille (häufige Kontrollen an Wochenenden). Die Polen fahren gerne schnell, mitunter auch aggressiv. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 140 auf Autobahnen, 90 auf Bundesstraßen.

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