Lastenfahrräder gegen verstopfte Innenstädte


Bestellungen kommen mit dem Rad

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Immer mehr Innenstädten droht der Verkehrskollaps. Gerade der Lieferverkehr ist vielen ein Dorn im Auge. Die aktuell angedachte drastische Erhöhung der Strafen fürs Parken in zweiter Reihe sowie die Dieseldiskussion sind Indizien dafür.

Doch Kurierfahrten werden eher noch zunehmen – ausgelöst durch den rasant steigenden Internethandel und auch durch eine zeitlich differenzierte Zustellung selbst zu Tagesrandzeiten. Eine kleine Möglichkeit, hier gegenzusteuern, können Lastenfahrräder sein. Mit ihnen experimentieren derzeit alle Logistiker, aber auch für den stationären Einzelhandel sowie kleinere und mittlere Unternehmen sind sie ein interessantes Feld.

 Ein Vorreiter auf diesem Gebiet war die Ruhrgebietsstadt Herne. 

Hier wurde 2016 ein Pilotprojekt gestartet, das bewusst zunächst nicht die großen Logistiker ins Boot holte, sondern lokale Unternehmen. Das Ganze wissenschaftlich begleitet – die Projektleitung lag beim Amadeus Center for Mobility Studies der Zeppelin Universität (Friedrichshafen). In die Pedale traten die Mitarbeiter – und manchmal auch die Chefs – einer Tischlerei, eines Elektrofachmarktes, eines Elektrikers, eines Blumengeschäftes, eines Bioladens und einer Apotheke. 

Ein engagierter Verfechter von HELFI (HErner LastenFahrrad Innovation) war Manfred Lieder, Vorsitzender der Werbegemeinschaft im Herner Stadtteil Eickel. Dafür musste er sich manchen Spruch wie „Führerschein weg?“ oder „Auto zu teuer?“ anhören. Die Antwort: „Ich finde das gut, bin schneller unterwegs, und es ist gesund.“ Dadurch machte er anderen das Lastenfahrrad schmackhaft. „Die Idee ist absolut top,“ resümiert er heute noch. Er sieht das Lastenfahrrad auch als Werbeträger, hatte sich sogar ein zweites angeschafft. 1.400 Kilometer ist er mit einem geradelt: „Und ich bin gerne gefahren.“ 

Allein das Lastenfahrrad-Modell, das die Herner Kaufleute zum Preis von 4.500 € erworben haben, macht die ganze Initiative zunichte. Lieder spricht von gefährlichen Bremsen und Lenkungen, von Fehlern in der Elektrik. Sie konnten nur zum Teil ausgemerzt werden. Zwei Beinaheunfälle hat er gehabt. Auch Georg Wilk, Inhaber einer Tischlerei, ist grundsätzlich vom Lastenfahrrad überzeugt, aber „der Prototyp hat nicht funktioniert. Wenn man in sieben Minuten zum Kunden fährt, für den Rückweg aber über eine halbe Stunde braucht, weil man nur im 1. Gang fahren kann, verliert man das Vertrauen.“ Entsprechend steht das Rad bei ihm seit einem Jahr ungenutzt herum. Wilk sucht jetzt nach Alternativen, denn fünf bis sechs Kilometer seien ein Bereich der sich auch zeitlich lohnt. „Durch den Motor ist das Fahren auch relativ entspannt.“

Logistik-Riese UPS ist ebenfalls in Herne vertreten. In einem ehemaligen Kiosk hat man ein 14 m2 großes Depot eingerichtet. Von hier aus werden mit einem Fahrrad täglich 70 bis 110 Kunden mit bis zu 160 Paketen beliefert. Für ein zweites, 14.000 € teures Rad mit 1,5 m3 Ladevolumen sucht man aktuell ein weiteres Depot, berichtet Rainer Kiehl, Projektmanager City-Logistik bei UPS. Sein Unternehmen setzt in immer mehr Städten auf Lastenräder. In Hamburg beliefern 13 Fahrer mit motorunterstützter Pedalkraft täglich über 1.000 Kunden. Berlin und Dortmund gehen jetzt gerade an den Start. Das größte Problem für Kiehl: Bezahlbare Flächen in der Innenstadt zu finden. Denn Ladenlokalmieten könne man für reine Lagerräume nicht bezahlen. 

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