120 kg Sprengstoff lassen 485 Meter Autobahn ins Tal stürzen


Noch nie wurde in Deutschland eine so hohe Brücke gesprengt

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Vor 55 Jahren war sie sicher der ganze Stolz ihrer Konstrukteure und Bauarbeiter – die Talbrücke Rinsdorf bei Siegen im Zuge der Autobahn A 45. Und jetzt? Ist sie weg. Die Brücke ist seit Anfang Februar Geschichte. Zu Fall gebracht mit 120 Kilogramm Sprengstoff aufgeteilt auf 1.850 Bohrlöcher. Der Abriss hat’s in sich. Noch nie ist in Deutschland eine derart hohe Brücke gesprengt worden. An ihrer höchsten Stelle ist sie 71,5 Meter hoch, 485 Meter Autobahn ruhen auf acht Doppel-Pfeilern und zwei Widerlagern. Das ist auch für Sprengmeister Michael Schneider und seine Mitarbeiter vom Abbruchspezialisten Richard Liesegang GmbH & Co. KG aus Hürth bei Köln etwas Besonderes.

 

Erschwerend kommt dazu, dass parallel zum abgängigen Viadukt in nur 20 Meter Entfernung bereits der Nachfolger wartet. Wie im KÜS-Magazin im Frühjahr 2020 berichtet, wurde neben die bestehende Brücke die Fahrrichtung nach Dortmund neu gebaut, auf die im Dezember 2021 der gesamte Verkehr gelegt wurde, um jetzt die alte Talüberquerung wegpusten zu können. Wenn in der bestehenden Trasse die Fahrrichtung Frankfurt mit ihren drei Fahrspuren fertig ist, soll das zuerst erstellte Bauwerk 2024 einschließlich der sechs bis zu 70 Meter hohen Pfeiler in die endgültige Position verschoben werden. Auch eine Deutschlandpremiere.

Das Örtchen Rinsdorf mit seinen etwa 1.000 Einwohnern ist an diesem Sonntag im Februar abgeriegelt. Am Ortseingang aus Richtung Siegen eine Straßensperre der Feuerwehr. Hier kommt nur vorbei, wer eine Durchfahrtsgenehmigung hat. Von der anderen Seite aus Richtung Wilnsdorf ist schon seit Wochen kein Durchkommen mehr. Damit die Pfeiler und der sogenannte Überbau relativ weich fallen, ist ihnen mit etlichen Lkw-Ladungen Sand ein Bett gemacht worden. Denn nicht nur umherfliegende Betonstücke könnten die neue Brücke nebenan gefährden, sondern auch ein allzu heftiger Aufprall der alten. Die Nachfolgerin ist ja nicht fest mit dem Boden verankert, sondern wird nur durch ihr Eigengewicht in Position gehalten – sonst könnte man sie ja nicht in zwei Jahren um besagte 20 Meter nach Südwesten verschieben.

Obwohl das Wetter mit Dauerregen und kaltem Wind alles andere als einladend ist, parken etliche Schaulustige im Nachbarort Eisern und pilgern rund zwei Kilometer weit zum Ort des Geschehens. Regen und Windböen stören Sprengmeister Schneider nicht: „Wir sprengen bei jedem Wetter“, erklärt er selbstbewusst. Einzige Ausnahme sei dichter Nebel, denn dann könne nicht sichergestellt werden, dass sich keine Personen in der Sperrzone aufhielten.

Der Ablauf ist minutiös geplant. Zwischen 10.00 und 10.45 Uhr machen Drohnen Kon­trollflüge über den Sperrbereich, der von der Bezirksregierung auf 300 Meter festgelegt wurde. 59 Sicherungsposten haben schon drei Stunden vor der Sprengung Position bezogen, um die Einhaltung der Sperrzone sicherzustellen. Ebenfalls um 10 Uhr wird die A 45 zwischen Siegen Süd und Eisern voll gesperrt. Um 10.58 Uhr dann zwei kurze Fanfarentöne. Für alle das Signal „Achtung, es wird gezündet“. Eine Minute später gibt es einen lauten Knall. Das ist eine „Vergrämungssprengung“, wie es in wunderschönem Beamtendeutsch heißt. Sie soll Vögel aufschrecken, die sich möglicherweise in der Brücke aufhalten. In der Brücke? Ja, denn in den vergangenen Wochen wurden in den Überbau mehr als Lkw-große Löcher gestemmt, damit die Luft nach oben entweichen kann, wenn die Fahrbahn der natürlichen Schwerkraft folgt. Außerdem ist sie so schon 6.000 Tonnen leichter und es donnern nur noch 30.000 Tonnen ins Tal.

„Drei, zwei, eins, Zündung“, tönt die Stimme von Michael Schneider pünktlich um 11.00 Uhr aus den Funkgeräten seiner Mitarbeiter. Der große Moment ist da! Und es passiert erstmal nichts. „Die Anlage misst erst durch, ob alle Zünder da sind“, erklärt Gregor Kiwit, Geschäftsführer der Sprengfirma. „Das dauert etwa zwei Sekunden.“ Dann knallt’s! Aber trotz etlicher Sprenglöcher bei weitem nicht so laut wie bei der Vergrämungssprengung. Staubwolken schießen aus den mit Planen ummantelten Bereichen in der Mitte der Pfeiler. Wie bei einem Zollstock werden die Stützen zur Seite gedrückt und klappen dann förmlich zusammen. Wie bei einem Ballett, ein Teil nach rechts, der andere nach links. Das Ganze dauert aber nur ein paar Sekunden. Die Fahrbahn krümmt sich, da die nur 17 Meter langen äußeren Pfeiler zuerst in sich zusammensacken. Dann verschwindet alles in einer Staubwolke. Doch die hält sich nicht lange. Regen und Wind können auch was Gutes haben.

Eine gute halbe Stunde später zieht Sprengmeister Schneider schon zufrieden Bilanz. „Das war eine Bilderbuchsprengung. Es gab keine Schäden. Alles hat 100-prozenig geklappt, wenn 110 Prozent möglich wären, hätte ich gesagt, es hat 110-prozentig geklappt.“ Pfeiler und Überbau seien exakt ins Bett gefallen. Wohin er nach dem Drücken des Sprengknopfes geguckt habe, wird Schneider gefragt, auf die alte oder die neue Brücke? Er habe sich nur einen Pfeiler angesehen, antwortet der Sprengmeister. „Daran, ob er so knickt, wie wir das wollten, konnte ich sehen, ob die Sprengung funktioniert hat.“ Und bevor sich der Staub legte, wusste der Routinier: Es hat funktioniert.

Die neue Brücke wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen. Das ergibt eine Auswertung von Bewegungssensoren und eine genaue Begutachtung des gesamten Bauwerks durch Ingenieure der Autobahn Westfalen GmbH. So kann bereits kurz nach 15 Uhr die Autobahn wieder freigegeben werden. Ab dem Montag danach ist dann das große Aufräumen angesagt. Beton und Stahl müssen getrennt werden, und auch das Sandbett muss wieder entfernt werden. Zehn bis zwölf Wochen werde es dauern, bis die Sprengstelle „besenrein“ ist, erklärt der Vorsitzende der Geschäftsführung der Autobahn GmbH, Stephan Krenz. Dann kann mit dem Neubau der Fahrrichtung Frankfurt begonnen werden.

Text & Fotos Gregor Mausolf

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