Görlitz: Willkommen in Görliwood


Filmreife Zeitreise an der Neiße

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„Was? Sie kennen Görlitz noch nicht?“ Auf diese Reaktion war ich nicht vorbereitet. Mein Gegenüber schwärmte, spätestens seit Cannes müsse man doch die Stadt an der Neiße kennen. Cannes? Ja, die Filmfestspiele. „Seit der Film ‚The Grand Budapest Hotel’ so erfolgreich lief, kennt die ganze Welt Görlitz. ‚Görliwood’ ist das Stichwort“.

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Die Görlitzer Stadtinformation bietet Cineasten und solchen, die es werden wollen, Spaziergänge zu den Drehorten diverser Filmproduktionen an. Auf einmal steht man da vor dem Jugendstilkaufhaus, das überzeugend als Budapester Hotel firmierte, findet sich auf Plätzen und Straßen, die in „Die Vermessung der Welt“ (2012), „Goethe!“ (2010), „Der Vorleser“ (2009), „Inglourious Basterds“ (2009) und anderen Streifen die Kulissen abgaben. Aufregend. Anstelle der Aufnahmekameras blitzen die Fotoobjektive.

Der eigentliche Star ist und bleibt die Stadt: Mit mehr als 4.000 Baudenkmälern, die in den letzten beiden Jahrzehnten sorgfältig saniert wurden. Was hier zu sehen ist, erzählt anschaulich vom Leben und Arbeiten zahlloser Generationen, von tiefer Gottesfurcht und bürgerlichem Handelsgeist. Schon ein kurzer Spaziergang wird zu einer Reise durch Zeit und Raum. Wo sind sich Mittelalter, Renaissance und Barock, Gründerzeit und Jugendstil ebenso wie Nachkriegszeit und Nachwende schon so nahe. Da folgt der moderne Flaneur von der Neißebrücke kommend bereits dem Sternenweg nach Santiago de Compostela, überwindet sogar räumliche Distanzen. Denn von der Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul geht es an der Jesus Bäckerei vorbei auf dem Prozessionsweg zum Heiligen Grab mit Ölberg und Gethsemanegarten. Wie vor über 500 Jahren als die Grabesstätte nach dem Jerusalemer Vorbild errichtet wurde. Ehrfurchtsvolles Staunen.

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Die Liste der Kostbarkeiten ist leicht zu ergänzen: Sonnenorgel, Rathaus, Waage, Dreifaltigkeitskirche, Frauenturm, Kaisertrutz, Annenkapelle, Schönhof, Ochsenbastion, Waidhaus, Nikolaifriedhof… Diese Herrlichkeiten wirken nach, versetzen wohl jeden in eine feierliche Stimmung. Zugleich ist diese Stadt ein ganz unmittelbares Zeugnis für unsere Moderne. So führt der Blick von St. Peter und Paul direkt auf die Hochhäuser von Zgorzelec, die polnische Nachbarstadt am anderen Neißeufer. Einst östliche Vorstadt von Görlitz erlebte sie im 19. Jahrhundert eine bedeutende Erweiterung. Irgendwie nah und fern zugleich. Unspektakulär ist seit dem Beitritt Polens zum Schengener Abkommen der Übergang zwischen beiden Städten. Für Fußgänger ist der Weg über die Altstadtbrücke der eleganteste. Seit die bei Kriegsende gesprengte Neißebrücke 2004 als Europabrücke wiedererrichtet wurde, können sie wie selbstverständlich zwischen Deutschland und Polen flanieren. Einzeln oder in kleinen Gruppen schlendern Touristen auf der Bogenbrücke hin und her, genießen die Ausblicke bei einem Sonntagsausflug, am lauen Sommerabend. Deutsch und polnisch klingen ans Ohr. Europastadt, in einem Wort erklärt.

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Mit dem Auto lässt sich Zgorzelec am schnellsten über die nördlich verlaufende Autobahn A 4, die über die 1996 errichteter Neißebrücke verläuft, erreichen. Eine Alternative bietet der innerstädtische Übergang über die Stadtbrücke, seit 2006 als Papst-Johannes-Paul-II-Brücke benannt, zwischen dem Görlitzer Stadtpark und dem Gründerzeitviertel von Zgorzelec.

Übrigens: In Görlitz angekommen, empfiehlt sich ein kühles Bier aus der heimischen Brauerei Landskron, benannt nach der Landeskrone, dem Hausberg der Stadt. Noch heute grüßt der hoch aufragende Aussichtsturm dort jeden Vorbeifahrenden.

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