Fritz W. Egli – Eine Motorrad-Legende im Porträt


Die Früchte des Herbstes

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Nur wer in seinem Leben Bedeutendes, Epochales geschaffen hat, kann auch zur Legende werden. Neben hoher Sachkenntnis und unbedingtem Willen zu Innovationen werden auch Charakterstärke, ein gehöriges Quantum Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft sowie menschliche Fairness als weitere Parameter ausgewiesen. Legenden bilden sich also aus Personen. Die meisten Legenden entstehen erst nach dem Tod. Es gibt auch Ausnahmen. Wenige nur. Eine davon: Fritz W. Egli aus dem aargauischen Bettwil. Schweizer folglich.

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1937 geboren, durchlief Egli die ganz normalen Stationen der Jugend. Schulabschluss, dann spezielle Lehre als Feinmechaniker beim eidgenössischen Unternehmen Siemens-Albis. Die Gesellenprüfung schloss er als Zweitbester im Lande ab. Er bewies früh, dass „aus ihm etwas Besonderes werden wird“, wie einer seiner Lehrmeister damals bereits feststellte. Sein Arbeitgeber schickte ihn für 3 Jahre nach Mexiko. Dort begegnete er einigen US-Boys, die zu einer recht wilden Gruppe gehörten und illegale Motorrad-Wüstenrennen bestritten. F. W. Egli war ziemlich erfolgreich dabei, sparte Geld an … und kehrte in die Heimat zurück, kaufte einen Kuhstall, richtete ihn als Motorradwerkstatt ein und arbeitete.

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Die Bezahlung erfolgte mit „Bierkästen und kiloweise Bohnendosen“ (Zitat Egli). Dazwischen fuhr er wieder Motorradrennen, diesmal auf einer Vincent mit viel Leistung, aber einem unausgereiften Fahrwerk. Initialzündung: „Das muss besser werden.“ Erstmal standen gute 5. und 6. Plätze an. Als endlich Leistung und Fahrwerk harmonierten, wurde Egli Schweizer Meister. Zwangsläufig stand die Entscheidung an: Rennen fahren oder aus den subtilen Erfahrungen einen richtigen Beruf zu schnitzen.

Er wählte Letzteres, kaufte 1970 im kleinen Bettwil einen alten Bauernhof. Hauptaufgabe nun: Konstruktionsbüro und Wohnung einrichten, die Stallungen zu Arbeitsplätzen für die mechanischen Arbeiten umbauen und installieren. Ein Leistungsprüfstand für Motorenkontrolle und Tuning kam hinzu. „Technik-Zellen“ nannte ein Geselle dies treffend.

Egli fand heraus, dass mit zunehmender Motorenleistung der Großserien-Motorräder die Fahrwerke nicht immer Schritt hielten. So erfand er den „Zentralrohrrahmen“, eine Art minimalistisches „Rückgrat“ des Bikes, stärker belastbar, sicherer und wesentlich leichter als die Serienrahmen. Das verschaffte ihm Weltruhm und das kleine Bettwil rückte ins Zentrum der Besitzer von schnellen und starken Motorrädern, „Made bei Fritz W. Egli“, der somit auch zum „Hersteller“ wurde.

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Rennmaschinen waren die nächste Konsequenz: Motortuning plus Zentralrohrrahmen, harmonisch, sicher und sauschnell. Die Importeure machten ihm den Hof und so repräsentierte er als A-Händler Honda, Kawasaki und Suzuki. Dann erblickte in der Folgezeit die Neukreation „MRD 1“ auf Kawasakibasis die Welt: ein Turbo-befeuertes Geschoss, das mit zusätzlicher Stickoxydul-Einspritzung (Lachgas) etwa 300 PS brachte. Auf der Hochgeschwindigkeits-Teststrecke im italienischen Nardò wurde damit 1986 schließlich der 10-km-Weltrekord mit 272,41 km/h gefahren.

Die Straßenversion war etwa gleichstark und fand eine stattliche Reihe versierter Zweiradkunden auf der ganzen Welt. Bis zu einem Dutzend Mitarbeiter beseelten nun das alte Bauernhaus in fester Anstellung. Doch das Thema „Fahrwerksumbauten“ begann in den letzten Jahren wegen immer besserer Serien-Motorräder nachzulassen und Ezio Ingargiola schweißt heute die Rahmen für Egli („Der beste Mann dafür“). Neue Schwerpunkte wurden gesetzt und mit 72 Jahren konstruierte Fritz Egli ein Gespann auf der Basis eines Suzuki-Hayabusa-Motors (477 PS an der Kupplung!) und stellte 2009 auf den Salzseen bei Bonneville (USA, Utah) einen unfassbaren Geschwindigkeits-Weltrekord mit 347,4 km/h selbst auf.

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Dem Bauernhof wurde noch ein Trakt angegliedert, in dem die wichtigsten Kreationen ihre museale Ruhe fanden. „Museum“ ist ein unangemessener Begriff, dafür sind die Exponate noch zu lebendig. Und fahren alle auch, wenn danach verlangt wird! Das Thema „Nachfolger“ hat er schon geregelt: Jürg Lindenmann, seit gut 30 Jahren seit Lehrlingszeiten „der Mann an meiner Seite“, soll es werden.

Ein prallvolles Leben, reich an Emotionen und Adrenalin, in dem auch einige Niederlagen und Probleme zu verkraften waren. Nur langsam, neben dem fordernden Tagesgeschäft, aber auch mit dem ihm eigenen Durchsetzungswillen, findet Egli etwas Zeit, sich seinen Intensiv-Hobbys zu widmen: Dampfmaschinen und dem Problem, Hochspannungs-Hochfrequenz (bis zu 1 Million Volt) kabellos nach dem TESLA-Prinzip zu übertragen. Auch da sind Fortschritte zu erkennen. Und wenn dann noch etwas Zeit bleibt, macht er einen Ausritt auf seinem Lieblings-Dreirad, einem selbstgebauten Gespann mit 1-Liter-Dieselmotor. Wie sollte es bei ihm anders sein? Mit 76 Jahren noch immer voller Ideen, so ist er nun mal, der junge, alte Fritz, wie ihn Freunde nennen dürfen … Die Legende zu Lebzeiten.

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