Es waren die Wildschweine …


... die im Elsass als erste Erdöl fanden.

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Knapp 30 Kilometer Luftlinie westlich der Landesgrenze (Rhein) zwischen Deutschland und Frankreich und am nördlichen Rand des Forêt de Haguenau suhlten sich bereits im Mittelalter die Schwarzkittel im schattigen Wald inmitten ölhaltiger Pfützen. Die Region im nördlichen Elsass gehört zum Département »Bas Rhin«. Kleine und größere Dörfer ducken sich zwischen Wäldern, Weinbergen und Getreidefeldern. Auch Merkwiller und Pechelbronn gehören dazu. Die Wildschweine fühlten sich offensichtlich wohl und gesund und Einheimische stellten bei der Jagd fest, dass die braun-schwarzen Borstentiere weder Ungeziefer noch Parasiten mit sich trugen. Und was für das Tier gut ist, kann auch dem Menschen nicht schaden ...

Gute hundert Jahre später ging an Ort und Stelle die erste Erdöl-Raffinerie in Betrieb. 1498 schrieb der Geschichtsforscher Jacob Wimpfeling, dass „…man seit geraumer Zeit das Pechelbronner Erdöl mannigfach nutzte als Schmieröl und sogar als Heilmittel, um beispielsweise Wunden zu pflegen und Ungeziefer zu bekämpfen …“
Im mittleren 18. Jahrhundert wurde dann die Pechelbronner Erdölquelle von einem griechischen Arzt übernommen und ausgebaut. Er ließ den Erdölsand unter freiem Himmel schürfen. Erst wurde das Öl durch kochendes Wasser gewaschen und getrennt. Die anschließende Destillation ergab dann Leuchtpetroleum, pharmazeutische Produkte – auch zum Desinfizieren – Schmieröl und Pech, das zum Abdichten von Fässern und Schiffsplanken diente. Nur wenige Jahre später ging das Schürfrecht an den Schweizer Edelmann und Investor De La Sablonière über, der die Gewinnung des Erdöls mit mehr System und verbesserter Technik und Logistikbetrieb. Daraus entstand die erste Erdöl-Aktiengesellschaft weltweit. Die Adelsfamilie Le Bel aus der Gegend um Toulouse übernahm ihrerseits das ganze Unternehmen, baute es weiter aus zu einer blühenden Firma, 127 Jahre lang. Die Weltkonflikte sorgten in der Folge für mehrfache Namensänderungen und diverse ausländische Inhaber. Bis dann der finale Todesstoß am 3. August 1944 für die nordelsässische Erdölgewinnung kam: 200 Kampfbomber der amerikanischen Streitkräfte luden über 2.000 Bomben über der Ölregion ab und zerstörten mehr als 90 Prozent der Anlagen.
Kurz nach dem Krieg wurde die Raffinerie wieder aufgebaut, um dann schlussendlich ab 1955 doch noch Schritt für Schritt stillgelegt zu werden. Das zog sich bis 1970 hin.


Die ganze Geschichte der Merkwiller und Pechelbronner Erdöl-Historie lässt sich detailreich mit Modellen, Werkzeugen und anderen Zeitzeugnissen im kleinen »Musée du pétrole« in Pechelbronn mit kundiger Führung und kurzen Dokumentarfilmen nacherleben. Auch eine der originalen »nickenden Esel«-Pumpen gehört zum Museum, in dem ein Originalfass für die Bemessung der Erdöl-Branche zu sehen ist: das »Barrel« mit 159 Litern, das heute noch zur Quantifizierung der weltweiten Erdölgewinnung dient. Bis zu 2.000 Menschen arbeiteten zu Hoch-Zeiten hier und insgesamt wurden 4,5 Milliarden Liter des wertvollen Energieträgers vor Ort gewonnen. Das heimelige Museum wird wohl aus der engen Ortsmitte von Pechelbronn in einigen Jahren dorthin verlagert, wo die Anfänge des elsässischen Erdöl-Booms lagen: oben am Waldrand, wo sich einst die Schwarzkittel im Öl- und Pechsumpf suhlten.

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