DVR-Seminar zum Risikofaktor „Ablenkung am Steuer“


Zu einfach = zu gefährlich?

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Unser Leben spielt sich größtenteils auf der Autobahn ab, virtuell im Internet oder eben real auf Asphalt, Beton oder ähnlich „handfestem“ Material. Wir fahren, blinken, schalten, beschleunigen. Und wir posten und twittern, was das Zeug hergibt. Das Thema „Ablenkung“ stand im Mittelpunkt eines Seminars des Deutschen Verkehrssicherheitsrates. Woran merken wir, dass wir abgelenkt werden? Wovon lassen wir uns bewusst oder unbewusst ablenken und was können wir gegen das Einwirken äußerer Einflüsse tun? Sind die vielen interaktiven Möglichkeiten, die der/die Autofahrer/in des 21. Jahrhunderts unterwegs hat, Fluch oder Segen? Beherrscht die Technik uns oder umgekehrt?

girl texting accident

Wie immer hatte der DVR namhafte Referenten, Mediziner, Psychologen, Juristen und Verkehrsexperten zu diesem Themenkomplex eingeladen. Eine der zentralen Fragen hieß, wen wundert es: „Was ist mit dem Telefonieren im Auto?“ Nein, nicht verbotenerweise mit dem Handy am Ohr oder noch besser zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt, um sich noch eine Kippe anzünden zu können. Nein, es ging um das doch eigentlich legale und wohl auch ungefährliche Kommunizieren mittels Freisprechanlage. Ist das wirklich so? Denkste!

Wer im Auto telefoniert, der tut das in der Regel nicht, weil er die „Zeit totschlagen“ will, sondern weil er Dinge erledigen will, die keinen Aufschub vertragen. Geschäftlich oder privat. Aber unaufschiebbar oder zumindest doch möglichst bald geregelt. Da geht es dann meist nicht um Nebensächlichkeiten, sondern um Angelegenheiten, die den Anrufer entweder in Rage versetzen oder ihn emotional stark berühren. Was wiederum bewirkt, dass der Kopf woanders ist als restliche Körperteile, die mit dem Führen des Kraftfahrzeugs beschäftigt sind.

Das Telefonieren über die Freisprechanlage, das zumindest ist die Quintessenz des Vortrags von Professor Mark Vollrath vom Lehrstuhl für Ingenieur- und Verkehrspsychologie an der TU Braunschweig, ist längst nicht der Weisheit letzter Schluss. Denn das Telefonieren auf diese Art und Weise kann ebenso vom aktuellen Verkehrsgeschehen ablenken wie das seit mittlerweile 13 Jahren bei uns verbotene Gespräch mit dem Handy am Steuer. Ein Telefonat, dessen Inhalt unsere völlige Konzentration erfordert, oder uns emotional aufwühlt, habe, so Vollrath, das Potenzial – auch wenn beide Hände am Lenkrad sind – die Aufmerksamkeit eines Autofahrers erheblich zu beeinträchtigen.

Diese These belegen aktuelle Studien aus der Verkehrspsychologie, die sich immer stärker mit der Rolle von Gefühlen bei der Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen beschäftigen. Vollrath kam auf der Grundlage seiner Forschungen sogar zu dem persönlichen Ergebnis, die erlaubte wie die verbotene Form des mobilen Telefonierens als gleichwertige Risikofaktoren zu bewerten. Ergebnis solcher Handlungsweise sei auch die Tatsache, dass Autofahren mittlerweile aufgrund der vielen Assistenzsysteme so einfach (und scheinbar auch so sicher) sei, dass die Fahrer sich sicher genug fühlen, um sich gefahrlos mit anderen Dingen beschäftigen zu können.

Vollrath, wie auch ein Großteil der übrigen Referenten von anderen deutschen Universitäten aus den erwähnten Fachrichtungen kamen zu dem Ergebnis: „Ablenkung ist die Regel, nicht die Ausnahme“. Das Gefährliche daran ist, dass die meisten Autofahrer/innen sich der Tatsache, dass sie während des Autofahrens etwas „Fahrfremdes“ getan haben, gar nicht bewusst sind. Oder dass sie nur auf Nachfrage und darauf resultierendes Nachdenken bemerken, dass sie abgelenkt worden sind und Dinge im Auto getan haben, die ihre Aufmerksamkeit vom reinen Fahren fern gehalten haben.

Fahren mit dem Navigationssystem

Das geht etwa auch aus einer Befragungsstudie hervor, die der Verkehrspsychologe und Ingenieur Vollrath im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. Danach gaben nur vier Prozent der fast 800 befragten Autofahrer an, während der vergangenen halben Stunde „nichts Fahrfremdes“ getan zu haben. Über vierzig Prozent hatten sich als wahre „Multitasking-Experten“ erwiesen. Sie hatten neben dem Fahren mehrere Dinge gleichzeitig erledigt, die man in so einem modernen Fahrzeug nun einmal erledigen kann. Neben essen und trinken, das man bei längeren Fahrten während einer Ruhepause erledigen sollte, gehörte dazu das Bedienen der Musikanlage (die ja längst mehr als nur ein einfaches Radio ist), des Bordcomputers und eben das Telefonieren.

Wobei Befragte, die mittels Freisprechanlage ihre Kontakte erledigt hatten, immer wieder gerne darauf verwiesen, dass sie ja „eine Freisprechanlage haben und somit gar nichts fahrfremdes getan haben“. Und außerdem: Dinge wie telefonieren, essen, trinken, Navi programmieren, Sender suchen, habe man schließlich schon Hunderte Male gemacht. Und passiert sei dabei noch nie etwas. Was unweigerlich zu der (Fehl-)Einschätzung führt, man habe die Situation im Griff.

Ein persönlich aufwühlendes Gespräch könne in solchen Fällen zu einem ganz besonderen Phänomen führen, wie Professor Hans-Peter Krüger von der Uni Würzburg erläuterte. Krüger ist Wahr­nehmungs­psycho­loge und gab dem Ergebnis seiner Untersuchungen den englischen „looked but failed to see“. Sehen, ohne es zu erkennen, würde vielleicht die korrekteste Form der Übersetzung lauten. Dieses Sehen, ohne zu erkennen und einzuordnen, sei die Folge einer beeinträchtigten Aufmerksamkeit und berge ein beträchtliches Unfallrisiko. Fundierte Unfall-Analysen können mittlerweile ergeben, ob der Fahrer unmittelbar vor dem Crash telefoniert habe.

Aber auch das Gegenteil aufwühlender Gespräche, nämlich die Langeweile, sei kein geeigneter Fahrtbegleiter. Daraus könne leicht eine Abstumpfung oder ein Nachlassen der Konzentration erfolgen. „Berieselnde Musik“ etwa, die nur von Verkehrsnachrichten unterbrochen wird, seien am besten geeignet, die Balance zwischen Wahrnehmung und notweniger Handlungsweise aufrecht zu erhalten.

Ein absolutes „No go“ beim Autofahren ist das Schreiben sogenannter Kurzmitteilungen (SMS) während des Fahrens. Dabei kommt nicht nur das geistige Ablenken von der Verkehrssituation hinzu, sondern auch die Tatsache, dass der Blick abgewendet wird und man sich sekundenlang quasi im „Blindflug“ befindet.

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