Der Lkw, das unbekannte Wesen


Mehr Verständnis im Straßenverkehr

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Wer kennt sie nicht, die unsäglichen „Elefantenrennen“ auf der Autobahn? Ein Lkw vor der Nase, der an einem anderen endlos vorbeikriecht. Der Autofahrer könnte aus der Haut fahren. Mindestens zehn gefühlte Minuten verstreichen. Eine Ewigkeit. Und schon poppen die ganzen Vorurteile gegen Lkw-Fahrer auf: allesamt ungehobelte Kerle und Egomanen, die sich brutal durchsetzen. Denn mit einem 40-Tonner legt sich so schnell niemand an.

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Fahrlehrer Burkhardt Mülln aus Nürtingen kennt sich in den Missverständnissen zwischen Pkw und Lkw aus, da er alle Klassen unterrichtet.

Dabei sind die Gründe für die Eile des Lkw-Fahrers häufig schlicht und ergreifend ein enormer Termindruck, der meistens zwei Ursachen hat. Er muss zu einer bestimmten Zeit seinen Kunden erreichen und die Lageristen an der Rampe sind alles andere als freundlich. Sie haben für Verspätungen überhaupt kein Verständnis. Dann darf sich der Fahrer beispielsweise wieder hinten anstellen. Wertvolle Zeit verstreicht, die eine ganze Tour durcheinanderbringt. Unter Umständen droht auch eine nicht geplante Übernachtung. Vielleicht ist sogar ein Wochenende bei der Familie in Gefahr.

Die zweite häufige Ursache dafür ist das enge Korsett der Lenk- und Ruhezeiten: Er darf nur bestimmte Stunden am Tag hinter dem Steuer sitzen, Pausen sind zu festen Zeiten zwingend vorgeschrieben. Das war mal zum Schutz der Fahrer gedacht.

Aber inzwischen wacht ein digitaler Tachograf penibel über die Einhaltung der Vorschriften und Verstöße minutengenau bis zu einem halben Jahr speichert, für die Behörden bei jeder Kontrolle abrufbar. Unter Umständen liegt dann eine Etappe bis zur nächsten geplanten Pause so ungünstig, dass jede Minute zählt, etwa auch beim abendlichen Kampf um einen Stellplatz, der spätestens ab 18 Uhr beginnt. Es existieren zu wenig geeignete Buchten entlang der viel befahrenen Autobahnen. Und es gibt keine Garantie, dass auf dem anvisierten Plätzchen für die Nacht tatsächlich etwas frei ist. Dann muss in der Lenkzeit auch noch etwas Reserve sein, um im legalen Zeitfenster eine Alternative zu erreichen.

Ein Personenwagen eilt mit 60 km/h durch die Kurve, der Lkw eben nicht, weil sonst der Auflieger kippt. Andererseits kennen Lastzüge kaum Aquaplaning, da ihre Reifen grobstollig sind und viel höhere Achslasten das Wasser effektiv verdrängen. Wenn ein Lkw dann an einem Pkw vorbeirauscht und ihn auch noch komplett vollspritzt, schwappen die Emotionen hoch. Schnell ist die Rede von Unverantwortlichkeit und viel zu hohem Tempo. Dabei gilt es auch zu beachten, dass der Lastwagen mit einem geeichten Tacho fährt, der die tatsächliche Geschwindigkeit anzeigt, während die Anzeige im Pkw etwas vorauseilt. Das spielt auch in der Baustelle eine Rolle: „Dann ist der Pkw zu langsam und der Lkw schiebt von hinten, weil er das echte Tempo fahren möchte und die Zeit drängt“, so Mülln.

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Pascal Wiesner

Ein weiteres Missverständnis ist das Thema Stau. Tatsächlich belegt eine ZF-Zukunftsstudie-Fernfahrer, dass die fehlende Leistungsfähigkeit des Straßennetzes und nicht etwa Unfälle oder Lkw-Überholvorgänge die „mit Abstand wichtigste Ursache für Staus auf deutschen Autobahnen“ sei. Begünstigender Umstand ist auch das Fehlverhalten der Pkw-Lenker. Die bremsen, bis einer steht. Der Stillstand läuft wie eine Welle nach hinten. Der Stau ist entstanden. Lkw-Fahrer versuchen hingegen, ihre Masse in Bewegung zu halten. Sie wissen aus Fortbildungen, dass Anfahren die meiste Energie verbraucht. Sprit ist ein teures Gut und die durchschnittliche Gewinnmarge der Frachtunternehmer mit zwei bis drei Prozent sehr niedrig. Mülln engagiert sich auch als Vorstand in der bundesweiten Imageinitiative Vtop für ein besseres Bild der Lkw-Fahrer in der Gesellschaft. Der gemeinnützige Verein startet viele Aktionen, zu denen an einem Autohof die Einladung an einen Autofahrer gehört, einmal auf einem Lastzug-Beifahrersitz Platz zu nehmen und mit dem ersten Vorsitzenden Pascal Wiesner eine Runde zu drehen. „Dann ist auf einmal klar, weshalb der Lkw vor Kurven zwar nach rechts blinkt, aber erst nach links so weit ausholen muss.“ Auch der sogenannte Tote Winkel ist ein Problem: „Bei schlecht eingestellten Gläsern kann darin ein Kleinwagen glatt verschwinden“, so Wiesner.

Vielleicht wäre neben besserer Aufklärung etwas mehr Gelassenheit im Straßenverkehr eine gute Möglichkeit, um das Verhältnis von Autofahrern zum Lkw zu verbessern. Mülln: „Wenn ein Lkw drängt, lasst ihn doch einfach ziehen.“ Ein Lkw-Fahrer ist ein Profi, der im Fernverkehr nach der ZF-Studie wöchentlich im Durchschnitt 2.800 Kilometer abspult, der Pkw-Fahrer bringt es hingegen bei einer Jahresfahrleistung von 15.000 Kilometer im gleichen Zeitraum auf knapp 290 Kilometer. Das wäre doch etwas Vertrauensvorschuss wert.

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