Dem schwarzen Gold auf der Spur


Erdöl-Erdgas-Museum in Twist zeigt alles rund um den unverzichtbaren Rohstoff

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Erdöl, na klar, das gibt's zum Beispiel bei den Scheichs im Mittleren Osten, auch Norwegen hat es reich gemacht, Venezuela fördert ebenfalls große Mengen, und es sprudelte weitestgehend unkontrolliert in diesem Sommer im Golf von Mexiko. Alles mehr oder weniger weit weg. Wir sind zwar an vielen Punkten abhängig vom Öl, haben es selbst aber leider nicht. Oder doch?

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Denn plötzlich stoßen wir im Emsland nahe der niederländischen Grenze im Örtchen Twist – mit langem «i», sonst wär’s ja ein Tanz – auf ein Erdöl-Erdgas-Museum. In dem optisch der Nachbarbebauung angepassten Neubau erfährt der Besucher, dass das Emsland lange Zeit das größte Erdölfördergebiet Deutschlands war – inzwischen wird allerdings vor der schleswig-holsteinischen Küste mehr des schwarzen Goldes gefördert.

Immerhin 25 Prozent der 2,8 Mio. Tonnen deutschen Erdöls, die 2009 an die Erdoberfläche geholt wurden, stammen aus dem Fördergebiet «Westlich der Ems», zu dem neben dem Landkreis Emsland auch die Grafschaft Bentheim gehört. Bis 2000 kam sogar die Hälfte des deutschen Rohöls aus dieser Region, unter der 20 Ölfelder liegen. In Spitzenzeiten Ende der 1960er-Jahre wurden bundesweit jährlich fast 8 Mio. Tonnen des begehrten Rohstoffes gefördert. Bei der Erdgasförderung steuert das Gebiet «Westlich der Ems» mit 246 Mio. cbm nur 1,7 Prozent der deutschen Produktion bei, die mit 14.497 Mio. cbm immerhin 16 Prozent des deutschen Jahresbedarfs deckt.

Sprudelnde Quellen indes sucht man vergebens. Bei der Fahrt durch die Region fallen an vielen Stellen die Pferdekopfpumpen auf, die stoisch ihren Dienst versehen – Tag für Tag, rund um die Uhr.

Die Vorstellung von einem unterirdischen Erdölsee sei aber ebenso falsch wie weit verbreitet,

weiß Museumsleiter Peter-Christian Wrede. Und er zeigt das auch sehr anschaulich mitten im Erdgeschoss. Dort steht an zentraler Stelle ein Bentheimer Sandsteinwürfel mit einem Meter Kantenlänge. Darauf liegt eine Lupe, und die Besucher lernen, dass der Stein keineswegs so kompakt ist, wie der erste Anschein vermittelt. Entsprechend vergrößert wirkt er wie ein riesiger Schwamm. Neben dem Quader steht ein Blechfass mit 200 Liter Volumen. Jawohl, so viel Erdöl steckt in dem Kubikmeter Gestein.

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Apropos Fass. Ein weiteres aus Holz steht ein paar Schritte weiter. Der englische Name ist Barrel. Ursprünglich, so erzählt Wrede, wurden in den USA gereinigte Heringsfässer mit Erdöl gefüllt. Und diese hatten ein Volumen von 159 Litern. Dabei ist es bis heute geblieben: Erdölmengen werden immer noch in Barrel angegeben.

Doch der Besucher erfährt weit mehr. Jonas darf an einem Glas mit Erdöl schnuppern, das Museumsleiter Wrede aus einer Vitrine holt. Daneben hat eine Schulklasse alles zusammengetragen, was aus Erdöl produziert wird – angefangen von Kraftstoffen wie Benzin und Diesel, über verschiedene Gase bis hin zu Farben, Textilien, Kunststoffflaschen, Gummistiefeln und Spielzeug. Die Botschaft ist eindeutig. Ohne Öl geht es nicht – oder zumindest nicht so komfortabel. Entsprechend hoch ist der Aufwand, mit dem das schwarze Gold an die Oberfläche geholt wird. Davon zeugen unter anderem diverse ausgemusterte Bohrmeißel, denen deutlich anzusehen ist, dass sie hart gegen das Gestein zu kämpfen hatten. Oder die zahlreichen Schnittmodelle, die zeigen, dass mehrere tausend Meter in die Tiefe gebohrt wird – der Rekord steht übrigens bei 9.101 m, also so weit wie von der Spitze des Mount Everest bis 250 Meter unter den Meeresspiegel.

Draußen dann mit Blick auf einen idyllischen, künstlichen See finden sich große Exponate – zum Beispiel ein Ventilsystem zum Verschließen von Bohrlöchern, genannt Preventer, oder als größtes Ausstellungsstück eine Rettungsinsel, falls es auf einer Bohrinsel zur Katastrophe kommt. Beides gewinnt durch die Ereignisse im Golf von Mexiko eine besondere Aktualität, und so wird auch im Obergeschoss des Museums die Entwicklung dort ständig aktuell mit Berichten und Schautafeln veranschaulicht. Das machen fachkundig neben Museumsleiter Wrede auch Mitglieder des Museums-Fördervereins, wie dessen Vorsitzender Wilhelm Hohoff und Mitarbeiter Hubert Albes, die jahrzehntelang weltweit – auch auf Bohrinseln – nach Öl gebohrt haben.

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Bereits seit 1934 wurde im Emsland nach Öl und Gas gesucht, 1938 wurde man bei Bad Bentheim fündig. Doch es kam zum Gasausbruch, über dem Bohrloch brannte es neun Monate. Erst 1944 konnte die Bohrung in den geregelten Betrieb gehen. 1942 fand man bei Lingen erstmals so viel Erdöl, dass sich die Förderung wirtschaftlich lohnte. Zuletzt wurde 1999 ein kleines Feld nahe der Ortschaft Ringe gefunden.

Es muss sich wirtschaftlich lohnen – was in den 1940er- Jahren galt, gilt heute um so mehr. Doch direkt hinter der grünen Grenze im niederländischen Schoonebeek tut sich kräftig was. Hier war die Erdölförderung 1996 aufgegeben worden – die letzten Pferdekopfpumpen verschwanden. Der inzwischen rund viermal so hohe Ölpreis und neue Technologien haben die Nederlandse Aardolie Maatschappij (Niederländische Erdölgesellschaft, NAM) veranlasst, die Wiederaufnahme der Ölförderung in Angriff zu nehmen.

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Absperrung

So wird derzeit die Region Schoonebeek regelrecht auf links gedreht. Auf rund acht Quadratkilometern werden von dem bayrischen Unternehmen DrillTec GUT GmbH73 Horizontalbohrungen bis in eine Tiefe von 670 bis 900 Meter durchgeführt, von denen rund die Hälfte fertig ist. Durch 25 von ihnen wird heißer Dampf in die Lagerstätte gedrückt. Das an sich zähe Rohöl wird dadurch flüssiger und lässt sich leichter durch die anderen Bohrungen fördern. Statt alter Pferdekopfpumpen kommen moderne Langhubtiefpumpen zur Ölförderung zum Einsatz. Die Produktionsoll im vierten Quartal 2010 beginnen. Nach Berechnungen der NAM wurden bei der früheren Förderung 15 Prozent des im Schoonebeeker Feld vorhandenen Öls entnommen, in den nächsten 20 bis 30 Jahren soll der Anteil auf bis zu 50 Prozent steigen.

Über ein Rohrleitungssystem von 56 km Länge gelangt der Dampf zu den Injektionslöchern und das Öl zur Aufbereitung. Von dort wird eine neue Pipeline durch das Twister Gemeindegebiet zur bestehenden Erdölleitung in Rühlermoor gebaut, durch die täglich bis zu 20.000 Barrel Schoonebeek-Öl zur BP-Raffinerie nach Lingen fließen sollen. Man sieht, das Erdöl-Museum in Twist hat seine Berechtigung – weit weg von den Scheichs.

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Rettungsinsel

Erdöl-Erdgas-Museum Twist

Flensbergstraße 13
49767 Twist
Telefon: 05936 – 9330-0

E-Mail: museum@twist-emsland.de
Internet: www.erdoel-erdgas-museum-twist.de.

Eintritt

Erwachsene 3 Euro
Schüler, Studenten 1 Euro

Gruppen ab 10 Personen 20 Prozent Rabatt
Führung für Gruppen bis max. 15 Personen zusätzlich.

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag von 14 Uhr bis 18 Uhr und nach Vereinbarung.
In den Sommermonaten werden zweistündige Fahrrad-Exkursionen zu den Erdölförderstätten durchgeführt.

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