Auf den Spuren des «weißen Goldes»


Piemont – unterwegs im Feinschmeckerparadies

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Geradezu verschwenderisch schüttet die Natur im Herzen des Piemont ein Füllhorn an Gaumenfreuden aus. Auf den weitläufigen Hügelketten reifen die Reben edler Weine heran. Getreide- und Reisfelder liefern die Grundlagen für Pasta, Polenta und Risotto, die zu zartem Fleisch und dem würzigen Käse des Weideviehs gereicht werden. Das Non plus Ultra gedeiht jedoch unter der Erde: Die weißen Trüffel, die einst als Aphrodite-Äpfelchen bei keinem Liebesmahl fehlen durften.

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Unspektakulärer als erwartet gestaltet sich die Suche nach der kulinarischen Rarität. Nico Gerard, der Tartufaio, wie man die Trüffeljäger nennt, schreitet wortkarg über Wiesen und Waldstücke immer auf der Fährte nach den verborgenen Schätzen. Erst wenn sein Hund unter einem Baum oder hinter einem Busch die erdig-braune Beute aufgespürt hat, lenkt Nico seinen Schritt forsch zum Fundort. Behutsam setzt er seine Spitzhacke an und fördert einen stattlichen Klumpen zu Tage. «Brava». Zum Lob bekommt Spürhund Senta einen Hundekuchen. Ansonsten wird der Trüffelschnüffler kurz gehalten. «Die Hunde müssen hungrig sein, damit sie sich auf die Pilze stürzen», erklärt Nico. Trotzdem seien Hunde viel disziplinierter als die Schweine, die sich die erschnüffelten Knollen meist selbst einverleiben. Hunde freuen sich dagegen genauso über einen Hundekuchen als Belohnung. Das erleichtere die Suche immens.

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Immerhin geht es um einiges, denn im Piemont wachsen angeblich die besten weißen Trüffel der Welt. Viermal so viel wie mit der schwarzen Sorte lasse sich mit dem «weißen Gold» erzielen. «Da liegt das Kilo etwa bei 6.000 Euro Händlerpreis», betont Alberto Cirio. Entsprechend groß ist die Aufregung um die meist kleinen Knollen auf der alljährlichen Trüffelmesse in Alba (jeweils Ende September bis Anfang November), gibt der Präsident des Feinschmecker-Events zu verstehen.

Während die Händler um die Preise feilschen, tummeln sich die Besucher um die Stände mit den erlesenen Gaumenfreuden des Piemont. Eine Vielfalt an Käsesorten, frisch geräucherter Schinken und eine breite Palette an eingelegtem Gemüse zu handgerollten Grissini stehen zum Verkosten bereit. Auch an den verführerischen Süßigkeiten kommt man kaum vorbei. Irgendwann landet jeder an der Weintheke, wo das Edelste aus den Weinkellern des Schlaraffenlandes lockt.24_X_trüffel_2
Schon Kaiser Karl V. war über die Opulenz verblüfft, als er auf seiner Eroberungstour 1537 mit großem Geleit an Reitern und Fußsoldaten in Alba, der Stadt mit den einst hundert Türmen Station machte.

Heute steuert man die westliche Region Italiens zwischen Alpen und Blumen-Riviera dagegen gezielt wegen der Piemonteser Küche an, die sich aus der hohen Kochkunst Frankreichs (die Savoyer Herrscher regierten Italien einst von Turin aus) und der von Armut diktierten Fantasie der kleinen Leute entwickelt hat.

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Der Genuss steht also im Vordergrund der Tour, die über wenig befahrene, kurvige Landstraßen führt. Zahlreiche Kastelle und Burgen säumen den Weg und häufig verbirgt sich hinter dem dicken Gemäuer ein gut sortierter Weinkeller oder eine wohlbestückte Flaschenbibliothek. So in der mittelalterlichen Burg auf der Höhe von Grinzano, wo sich der im Dienste des Savoyer Königs Vittorio Emanuele stehende Graf Cavour hinflüchtete, wenn er die Regierungsgeschäfte in Turin satt hatte. Mit geschickter Hand und sicherem Gaumen widmete sich der Vater der Vereinigung Italiens hier den Reben, kreuzte Bordeaux- und Burgundertrauben und brachte schließlich, Mitte des 19. Jahrhunderts, «die Köstlichkeit der Feinschmecker», den Barolo hervor.

Als ebenso köstlich wie kostbar gilt die Traube noch heute. Mindestens drei Jahre reift der edle Rebensaft der Nebbiolo-Traube, die in nur 13 Dörfern rund um Barolo als gleichnamiger Wein vermarktet werden darf. Spitzenjahrgänge erzielen bis zu 200 Euro pro Flasche. Ein Kleinod unter den Trauben, ähnlich dem weißen Albatrüffel, der als Juwel unter den Pilzen gilt. Nicht zufällig findet mithin die weltweite Trüffelaktion seit acht Jahren vom pittoresken Maskensaal der Burg Grinzane Cavour aus statt (mit Live-Schaltung zu den beiden weiteren Aktionsstätten in Hongkong und Berlin). Bei der aufsehenerregenden Versteigerung des Albatrüffels mit Prominenz wie dem Vorzeige-Gourmet Gérard Depardieu steht zwar das «weiße Gold» des Piemont im Mittelpunkt. Gleichzeitig soll der Blick aber auf die Region gelenkt werden, die fernab jeder Ferienroute liegt und doch einiges zu bieten hat an Kultur und aus den Küchen und Kellern.

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Weinberg an Weinberg reiht sich durch die Landschaften der Langhe und Roero. Weiter nördlich reifen auf den Hügeln des Monferrato-Landstrichs die Reben des Barbero-, Muscato- oder Spumante d’Asti. Das hat der von den Römern gegründeten Provinzstadt, die im Mittelalter zu den mächtigsten Italiens gehörte, von jeher Reichtum gebracht. Davon zeugen noch heute die mächtigen Backsteintürme und die weitläufigen Gewölbegänge der ortsansässigen Traditionskellerei.

In allen Himmelsrichtungen von Asti aus deuten die Ortsnamen auf die einstige Bedeutung der noch immer wohlhabenden Stadt hin, in der Brauchtümer wie der Palio, ein mittelalterliches Reiterfest, mit Bedacht gepflegt werden. Vorbei an Villafranca d’Asti und Villanova d’Asti geht es Richtung Turin. Im Savoyerstädtchen Venaria Reale vor den Toren Turins hat der monumentale Königliche Palast mit seinen weitreichenden Gärten nach zehnjähriger Restaurierung gerade wieder die Pforten geöffnet. In einem Labyrinth an Räumen und Gängen kann man Ausstellungen des höfischen Lebens bestaunen. Darüber hinaus vermitteln mehrdimensionale Darstellungen einen Einblick in die bewegenden Ereignisse der vergangenen Jahrhunderte.

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Zurück in der Gegenwart lockt die lebendige Hauptstadt des Piemont. Das Bild des grauen Autoindustriestandortes erlischt, sobald man sich der magischen Stadt, durch die der Po fließt, genähert hat. Selbst aus der Lingotto, der ersten Fiat-Fabrik mit ihrer einzigartigen Teststrecke auf dem Dach, ist längst ein Lifestyle-Zentrum mit Einkaufsmeile geworden. Im alten Stil erhalten sind dagegen einige der pompösen Cafés im Zentrum. Zu der Vielfalt an Verlockungen sündiger Süßigkeiten in den prächtigen Schlemmeroasen empfiehlt sich traditionsgemäß eine Tasse «Bicerin», ein aromatischer Kaffee, verfeinert mit Schokolade und Sahne, nach Art des genialen Grafen Cavour. Mit der üppigen Muntermacher-Variante hat der zielstrebige Diplomat schon zu seiner Zeit die Geschmacksnerven zahlreicher Persönlichkeiten getroffen; die zumindest sind in der Ahnengalerie der Kaffeetrinker verzeichnet. Darunter Friedrich Nietzsche. Doch der ewige Zweifler hat in Turin nicht nur den Kaffee-Genuss entdeckt. Auch die Esskultur bescherte dem Philosophen eine bis dahin nicht gekannte Zufriedenheit: «Ich habe bis heute nicht gewusst, was mit Appetit essen heißt», schwärmte der 44-Jährige in Briefen nach Hause. Beim Anblick des Symbols der Piemont-Metropole, verkörpert durch die Mole Antonelliana mit ihrem alles überragenden Turm, fühlte sich der Dichter endgültig heimisch wie nie zuvor an einem fremden Ort.

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