Auf dem Rotwein-Wanderweg durch Churfranken


Unterwegs zwischen Spessart und Odenwald

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Eingebettet zwischen den Hügeln von Spessart und Odenwald schiebt sich der Main wie ein blaues Band von Wertheim bis nach Aschaffenburg. Verträumte Dörfer, mittelalterliche Städte und stattliche Burgen, die über weitläufigen Rebhügeln thronen, säumen die Ufer. Gesellige Menschen sind hier zu Hause, wo der Wein die traditionell fränkische Gastfreundschaft geprägt hat. Nachdem der liebliche Landstrich lange im Schatten seiner östlichen und westlichen Nachbarn stand, will sich das Mainland als Genussregion Churfranken neuerdings selbst einen Namen machen.

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Das Gasthaus „Zum Riesen“ in Miltenberg ist angeblich das älteste Deutschlands

 

Jede freie Minute verbringt Annette Süß in ihrem Weinberg. Dabei besitzt die auf den Fränkischen Rotwein-Wanderweg spezialisierte Gästeführerin eine eher kleine Weinberg-Parzelle. Genug zu tun hat sie dennoch. Auf den steil abfallenden Rebhängen, terrassenförmig von Mauern gestützt, zählt nur die Handarbeit. Zweitausend Arbeitsstunden Minimum stecken in jedem Hektar, bevor Ende September die Lese beginnt und schließlich der gehaltvolle Spätburgunder, der fruchtige Frühburgunder oder der Trollinger, der wegen seiner großen Trauben auch Hammelhoden genannt wird, rubin- bis hellrot im Glas schimmert. „Das ist der Moment, in dem man die ganze Mühe vergisst“, schwärmt die Hobbywinzerin.

In Klingenberg beginnt unsere Wanderung auf der fünften Etappe des insgesamt 70 Kilometer langen Rotweinweges. Bei einem Glas Clingenburger brut zur prickelnden Einstimmung im idyllischen Rosengarten, schildert die Gästeführerin, wie erfolgreich sich ihr 6.200 Einwohner zählendes Heimatstädtchen in Zeiten allgemeiner Verschuldung behauptet. Drei weltweit agierende Unternehmen, darunter zwei Automobil-Zulieferbetriebe, und zusätzlich der Fremdenverkehr rund um den Wein bilden die gesunde Mischung für den Erfolg der aufgeräumten Gemeinde.

Dann geht es durch die sonnenverwöhnten Weinhänge auf gut präparierten Wegen bergauf. In regelmäßigen Abständen sind die verschiedenen Weinlagen auf gut sichtbaren Tafeln ausführlich beschrieben. Dabei trifft man immer wieder auf den Blauen Portugieser. „Der gedeiht in den Buntsandsteinterrassen Klingenbergs am besten“, erklärt unsere Begleiterin.

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Erlebnis-Etappe des Rotwein-Wanderweges angeführt von Annette Süß

Auf die Theorie folgt die Praxis in einer der gemütlichen Lauben im Weinberg. Erich Becker, Winzer aus Erlenbach, hat einen hellrubinroten Schwarzriesling entkorkt. Leicht und frisch rinnt er durch die Kehle und hinterlässt wenig Spuren. Dagegen breitet sich der zart-milde, dunkelrubinfarbige Blaue Portugieser mit seinen Geschmacksknospen spürbar aus. „Die Sorte wächst bei uns auch in schlechteren Jahrgängen noch in überdurchschnittlicher Qualität aus“, betont der heimatverbundene Fachmann, der auch gerne in seiner Winzertracht auftritt.

Entlang den denkmalgeschützten Sandsteinmauern steuern wir das nahe gelegene Erlenbach an. An Buntsandstein mangelt es nicht in der Mainland-Region Churfranken. Das brachte die Klingenberger und Erlenbacher Winzer auf die Idee, den Rotwein-Wanderweg mit einer Erlebnis-Etappe, den Churfrankensteig, zu ergänzen. Wie ein Wiesel seilt sich der drahtige 69-Jährige über die steile Kletterwand.

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Klettern am Churfrankensteig

Etwas moderater geht es dann über eine Treppe etwa 75 Meter Hang aufwärts zum „Unteren Röderspfad“. Von hier aus öffnet sich ein weiter Blick über das idyllische Maintal mit seinen mittelalterlichen Fachwerkstädtchen. Zwei Wege stehen uns jetzt offen, unsere Wanderung fortzusetzen: Die gemütlichere Variante führt durch ein Waldstück zum mittleren Weinbergweg und endet am Erlenbacher Bergschwimmbad. Der anspruchsvollere Weg beginnt mit einem Treppenabstieg und verläuft teilweise über steile, mit Drahtseilen gesicherte Etappen. Gute Wanderschuhe seien hier keinesfalls verkehrt, wissen die Winzer, die den Weg in ihrer Freizeit mühevoll gestaltet haben, aus Erfahrung. „Diesen Erlebnisabschnitt empfehlen wir nur Wanderern, die trittsicher und schwindelfrei sind“, betont Weinbauer Friedrich Herkert, der nach der anspruchsvollen Tour zur „Heckerbrotzeit“ auf seinen Weinbauernhof einlädt. Zur deftigen Winzerplatte schenkt er seinen Crescencia ein, einen Verschnitt aus Portugieser, Dornfelder und Regent.

Innerhalb der zwanzig churfränkischen Mitgliedsgemeinden steuern die meisten Besucher zunächst Miltenberg an mit seiner am Main gelegenen gemütlichen Altstadt. Das war wohl von jeher so. Jedenfalls steht das angeblich älteste Gasthaus Deutschlands, der „Riesen“ mitten in dem mittelalterlichen Fachwerkstädtchen. Die erste urkundliche Erwähnung der Gastwirtschaft geht auf das Jahr 1411 zurück. Nach einer bewegten Geschichte der jeweiligen Wirtsfamilien bewirtschaftet jetzt die ortsansässige Brauerei Faust das schmucke Haus. Versteht sich, dass der kreative Chef des Hauses ein eigenes Bier für sein Schmuckstück gebraut hat. „Das Riesen-Spezial-Bier gibt es ausschließlich in unserem Gasthaus, betont Cornelius Faust, der die Familienbrauerei in vierter Generation führt.

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Blick über das idyllische Maintal

Der jährliche Ausstoß an 40.000 Hektolitern bleibt weitestgehend in der Region. Lange Anfahrtswege sind tabu für den jungen Brauer. Sein ökologischer Ansatz hat ihm denn auch, neben allen anderen Auszeichnungen, die Umweltmedaille eingebracht. Nicht dass der bodenständige Brauer Medaillen sammeln würde, aber sie bestätigen, dass er mit seiner Philosophie, zu der selbstredend das Reinheitsgebot gehört, genau richtig liegt. Die klassischen Biere gehören zum Tagesgeschäft im Hause Faust. „Faustregel“ des Brauers dazu: „Zu hellen Speisen eignen sich helle Biere am besten und zu dunklen, dunkle Biere.“

Die Kür des ambitionierten Brauers lagert im Felsenkeller, den die historische Stadtmauer abschließt. Der Eisbock zum Jubiläum von Miltenberg, das 1237 erstmals urkundlich erwähnt wurde, reift schon jetzt mit genau 12,37 Alkoholprozent langsam heran. Sicherlich werden die 400 Jubiläumsflaschen in 25 Jahren dann ziemlich hoch gehandelt. Doch so lange braucht der Diplombiersommelier nicht zu warten: Vom bedeutendsten internationalen Brauereiwettstreit, dem World Beer Cup, hat Faust als einer von 799 Mitstreitern aus 54 Ländern eine Goldmedaille für seinen Doppel- und Eisbock mit nach Hause gebracht.

Über den malerischen Marktplatz, der „guten Stube“ Miltenbergs, schlendern wir die verkehrsberuhigte Altstadtmeile hinunter, die sich über anderthalb Kilometer zwischen dem Mainzer und dem Würzburger Stadttor erstreckt. Den Schnatterlochturm mit seiner Durchgangsschneise, dem „Schnatterloch“, das aus der Altstadt und steil aufwärts zur Mildenburg führt, lassen wir rechts liegen und kehren ein in Bauer’s Edelbrennerei-Laden. Schnapsbrenner Gerhard Bauer hat sich ebenfalls darauf spezialisiert, das zu verflüssigen und veredeln, was in der Region am besten wächst. „Trilogie der Pflaume“ nennt sich einer seiner Fruchtbrände. Mit feiner Milde rinnt der Tropfen die Kehle hinunter. Schon des Preises wegen werden die edlen Brände nur in homöopathischen Dosen genossen. Erschwinglicher ist eine der neuen Kreationen des Hauses, der Churfranken Bitter.

Aus wilden Weinbergkräutern, die zwischen den Rebstöcken wuchern, hat der Meister edler Brände einen Schnaps kreiert, der in seiner ansprechenden bauchigen Flasche jede Hausbar ziert und die Hausapotheke als zuverlässiges Heilmittel etwa bei Magenverstimmungen ergänzt.

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Verkostung edler Brände in Bauer´s Edelbrennerei- Laden

Auch die Römer hatten die begünstigte Lage am fränkischen Main bereits erkannt. Im zweiten Jahrhundert n. Chr. schlossen die Legionäre den „Vorderen Limes“ bei Miltenberg an den Main an. Funde aus der Zeit kann man im Miltenberger Römermuseum besichtigen. Gut tausend Jahre später erst entwickelte sich Miltenberg im Schutz der Mildenburg. Wesentlich jünger dagegen ist das Schloss Löwenstein, das über dem Nachbarort Kleinheubach thront. In Sachen Wein haben die fürstlichen Winzer indessen stetig auf ihre 400 Jahre alte Tradition aufgebaut. Die Ergebnisse kann man bei einer Weinprobe im edlen Weinprobier-Refugium genussvoll über die Zunge rollen lassen. Oder man trifft sich zum Oldtimer-Wochenende und genießt den frischen Riesling im gemütlichen Restaurant.

Weitere Informationen

Mainland Miltenberg – Churfranken

Tel.: 09371-660 6975
www.churfranken.de

Museum der Stadt Miltenberg

Tel.: 09371-668504
www.museum-miltenberg.de

Der Fränkische Rotweinwanderweg

Gästeführerin Annette Süß
Tel.: 09372-1630
www.gaestefuehrer-weinerlebnis.de

Brauhaus Faust zu Miltenberg

Tel.: 09372-9713-40
www.faust.de

Edelbrände Bauer, Miltenberg

Tel.: 09371-7824
www.bauers-edelbrand.de

Schloss Löwenstein

Tel.: 09371-949 2470
www.loewenstein.de

Anreise

Von Frankfurt kommend: über die A3 (Ausfahrt Stockstadt) und über die ausgebaute B 469

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