Traumstraße Transfagarasan


Kurvenkarussell in den Karpaten

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Der Anfang ist ziemlich unspektakulär und je länger man südöstlich von Sibiu in Rumänien durch die lieblichen Wälder fährt, desto lauter fragt man sich, ob dieser Trip die weite Anreise wert war und wann sie denn nun endlich beginnt, die legendäre Transfagarasan. Denn für die spektakulärste Bergstraße in Europa oder gar der ganzen Welt ist die Regionalroute 7C hier ziemlich flach und verdammt gerade. Und solange sich der Himmel in dichte Wolken hüllt, ist von einem Gebirge auch nicht viel zu sehen, zumal die Gipfel hier ohnehin eher Hügel als Berge sind.

Doch irgendwann nach 20, 30 Kilometern fährt man durch einen Wald, macht eine scharfe Kehre nach links und ist plötzlich mittendrin im Kurvenkarussell der Karpaten: Auf wenigen Kilometern schraubt sich die enge Piste mit bis zu 8,6 Prozent Steigung hinauf zum Kamm – erst durch eine grüne Mittelgebirgslandschaft und dann durch eine ebenso karge wie steinige und vor allem steile Hochebene, auf der die Straße noch schmaler wird, die Kurven enger, die Ausblicke spektakulärer und die Abhänge tiefer. Der Fahrer schaut da besser auf die Straße und der Beifahrer hofft darauf, dass die Route nicht ihrem Spitznamen »Straße der Wolken« Ehre macht. 


oft genug hängen die Wolken
so tief im Tal,
dass man kaum bis zur
Motorhaube sehen kann,
geschweige denn bis zum
Scheitelpunkt der Kurve.

Um so glücklicher kommt man auf der Passhöhe an, wo man auf 2.042 Metern kurz durchatmen und an einem der vielen Bauernstände einkaufen oder den charmanten Balea See umrunden kann, bevor es erst durch einen knapp 90 Meter langen Tunnel unter dem Paltinu-Gipfel hindurch und dann die Nordrampe hinunter geht. Die hat in der Regel nicht nur das bessere Wetter, oft genug mit blauem Himmel und fünf bis zehn Grad höheren Temperaturen, sondern auch einen ganz anderen Charakter. Wo sich der Süden schroff und steil gibt, ist es im Norden fast schon seicht und sanft. Die Kurven sind nicht minder spektakulär aber lange nicht so eng und werden weiter unten im Tal so weit, dass man sie in einem wunderbaren Fluss durchfahren kann – bis irgendwann der Vidrarusee kommt und einen die vielen Buchten am Ufer wieder einbremsen und kurz nach dem 166 Meter hohen Damm – zu seinem Bau im Jahr 1966 immerhin der fünftgrößte in Europa – der Spaß dann so langsam wieder vorbei ist.

Früher ein Geheimtipp, ist die Straße spätestens seit dem Tag in aller Munde, an dem ein gewisser Jeremy Clarkson mit seinen Kumpels Richard Hammond und James May in einem Aston Martin DBS, einem Ferrari California und einem Lamborghini Gallardo den Gipfel gestürmt und die Transfagarasan in Top Gear 2010 als schönste Passstraße der Welt bejubelt hat. Doch anders als in den Dolomiten, am Gotthard oder in den französischen Seealpen gibt es 1.200 Straßenkilometer von München entfernt weder viele Touristen, noch Horden übermotivierter Radfahrer, und selbst die sonst allgegenwärtigen Wohnmobile wagen sich nur selten in die Karpaten. Es sind deshalb vor allem die Dacias und Skodas der Einheimischen, die sich von Mai bis Oktober über den Rücken plagen, sich sklavisch an das Tempolimit von 40 km/h halten, einen bisweilen aus dem Rhythmus bringen und von der Ideallinie holen. Aber wer den Gipfel mit einem entsprechend agilen Sportwagen stürmt, der findet auch zwischen den Kurven immer mal wieder eine Gerade, auf der er an den anderen vorbeikommt.

Was bei keiner Rumänien-Reise fehlen darf, das ist die Mär des Grafen Dracula. Erst recht, wenn man sich an der Grenze zwischen der Walachei und Transsylvanien bewegt. Kein Wunder also, dass man auf der Transfagarasan ständig an »Dracula Stuben« vorbeikommt, am Vampir-Hotel oder beim Dracula-Camping. Und natürlich schmückt sich auch die trutzige Burg Poenari mit dem Grafen Vlad III, selbst wenn sie damit bei Weitem nicht die einzige ist.

Angst vor dem Blutsauger muss man aber auf der Transfagarasan nicht haben, zumindest nicht, wenn man an einem der vielen fliegenden Händler hält, die am Straßenrand Käse, Wurst und Schinken verkaufen. Denn zumindest die grobe Hirtensalami riecht derart streng nach Knoblauch, dass jeder Vampir freiwillig Reißaus nimmt. Essen sollte man die allerdings erst, wenn man wieder im Tal ist. Zumindest mit einem labilen Magen. Denn bei über 100 Kurven muss man das Auto sonst vielleicht nach der Fahrt durch das Karpatenkarussell nicht nur von außen putzen.

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