Straßenverkehr in China


Geordnetes Chaos

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Setzt man die Füße erstmals auf chinesischen Boden, ist der Kulturschock garantiert. Nach dem Verlassen des Flughafenterminals droht der akute Nervenzusammenbruch – ausgelöst durch den Straßenverkehr! Es gibt zwar Verkehrsregeln, Ampeln und Schilder – nur scheint das niemanden sonderlich zu interessieren. Die omnipräsenten Mopeds rasen (wegen des E-Antriebs) geräuschlos über Straßen, Bürgersteige und Zebrastreifen. Autos und Busse wechseln die Spuren und wenden mitten auf Kreuzungen! Aber irgendwie funktioniert es, Unfälle gibt es kaum.


Die Hupe als
Kommunikationsmittel

China investiert und baut – das zeigt sich auch bei den Straßen. Diese sind, zumindest im städtischen Bereich, in sehr gutem Zustand und großzügig breit angelegt. Neben den zumeist mehrspurigen Straßen gibt es Extraspuren für Zweiräder. Dass die Mopedfahrer diese ausschließlich nutzen, ist aber Wunschdenken. Je nach Lust und Laune fahren diese auf der Straße oder auch auf dem Bürgersteig. Hauptsache es geht schnell! Da wird dann eben mal die Grünphase am Fußgängerüberweg genutzt, um kurzerhand mit den Fußgängern die Seite zu wechseln.
Die Mopeds selbst sind nach staatlicher Vorgabe mit einem Elektroantrieb ausgestattet. Roller, Mofas und ähnliches mit Verbrennungsmotor sind eine absolute Seltenheit. Meistvertreten sind minimalistische Mopeds, die eher die Ausmaße eines Klappfahrrades haben. Aber auch Kabinenroller und dreirädrige Lastenräder gibt es in unzähligen Varianten. Fast alle motorisierten Zweiräder sind mit Decken und überdimensionalen topflappenartigen Handschützern ausgestattet, die den Fahrtwind abhalten und Wärme spenden sollen. Die Mopeds sind in der Regel zweisitzig. Besonders oft sind Kinder auf dem hinteren Sitz zu sehen. Nach der Schule werden sie damit von Eltern oder Großeltern abgeholt. Der Transport selbst interessiert die Kleinen dann aber herzlich wenig: Viele sitzen verkehrt herum auf dem Sitz, die allermeisten sind mit dem Handy beschäftigt. Das ist allerdings nicht einmal das größte Risiko, denn einen Schutzhelm tragen in China nur die Allerwenigsten.

Abenteuerlich sind auch selbstgebaute Transport-Dreiräder mit E-Antrieb. Hier werden alte und teilweise sehr verrostete Dreiräder mit einem Elektromotor versehen, dann wird damit alles transportiert, was nur geht. Beispielsweise 20-Liter-Kanister für Wasserspender. Nach grober Zählung hat man schnell eine halbe Tonne Gewicht zusammen, die da auf das Rad geschnallt werden. Die Bremse des alten rostigen Rades sind allerdings die originalen…

Die Elektromobilität bei Fahrzeugen ist – gemäß Staatsräson – weit fortgeschritten. Man erkennt die Elektroautos am grünen Kennzeichen. Doch die beliebtesten und angesehensten Fahrzeuge scheinen deutsche Oberklasselimousinen zu sein. Audi, BMW und VW sind überall zu sehen, immer in der Langversion. Das Kürzel L scheint mit jeder Menge Prestige versehen zu sein, denn es prangt fast von jedem Kofferraumdeckel. Die Chinesen zeigen es eben gerne, wenn sie einen gewissen Wohlstand erreicht haben. Auch wenn die vielen Luxuslimousinen irgendwie nicht mit dem grünen Verkehrs- und Umweltplan Chinas zusammenpassen: Dieselfahrverbote würden die Smogbelastung in den Millionenstädten nicht verringern. Denn Selbstzünder gibt es kaum, es werden zum ganz großen Teil nur Benziner gefahren.

Der gesamte Verkehr im Reich der Mitte scheint von außen so ungeordnet und chaotisch wie bei einem Ameisenhügel. Dennoch scheint es auch hier eine Art Schwarmintelligenz zu geben, denn die Chinesen schaffen es, aneinander vorbeizukommen, ohne Schaden zu nehmen. Vielleicht gibt es ja tatsächlich das Qi, welches nach chinesischer Ansicht als Lebensenergie alles durchdringt und verbindet. Die Hupe wird gerne benutzt, allerdings ist diese eher ein Kommunikationsmittel. Sie dient nicht dazu, Dampf abzulassen – erhobene Fäuste und lautstarke Diskussion sieht man nicht.

Auch Fußgänger und Moped- bzw. Autofahrer kommen gut aus. Eine Verpflichtung zum Anhalten scheint es beim Zebrastreifen nicht zu geben. Quert man fußläufig aber zügig und selbstbewusst den Überweg, dann halten die Autos auch an. Die Mopeds schlängeln sich hingegen vor oder hintendran durch. Aber auch hier muss man einfach weitergehen, denn bleibt alles im Fluss, gibt es keine Probleme. Das Prinzip von Yin und Yang scheint auch im Straßenverkehr zu gelten. Als Besucher der Volksrepublik sollte man aber in jedem Fall auf die Fahrkünste der Taxifahrer zurückgreifen. Ein Auto zu mieten und selbst zu fahren ist nicht nur aberwitzig, es lohnt sich auch kaum, denn Taxifahrten sind sehr günstig und man wird nicht über den Tisch gezogen. Die Angst vor den empfindlichen Strafen des restriktiven Staates und die umfängliche (Video-) Überwachung lassen die chinesischen Bürger und so auch den Taxifahrer „spuren“. Eins sei aber versprochen, die Taxifahrten sind trotzdem ein besonderes Abenteuer, denn die Fahrer fühlen sich insgeheim wohl alle als Rennfahrer. So viel zum Kulturschock Straßenverkehr – vom Essen war noch gar nicht die Rede…

Fotos Max Schneider

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