Stadt der unfassbaren Prototypen: Havanna


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Entweder waren alle blind oder taub. Jedenfalls müssen Tausende von Reisegeschichten über Havanna umgeschrieben werden. Denn die wunderschönen amerikanischen Oldtimer aus der Kolonialzeit blubbern längst nicht mehr mit V8-Benzinern durch die Gassen der Altstadt. Chevrolet Bel Air und Chrysler DeSoto rußen heute mit Hyundai-Selbstzündern, Nissan-Motoren oder Renault Dieseln vor sich hin. Tackern statt Bollern. Mit den goldenen Jahren der Zuckerrohr-Millionäre hat das Ganze nichts mehr zu tun. Null.

havanna

Die sozialistische Mangelwirtschaft und der fiese Boykott der Amerikaner haben Kuba längst in ein Bastlerparadies verwandelt. Schiffe, die einmal in Havanna fest gemacht haben, dürfen 180 Tage nicht in den USA anlegen.

Das Todesurteil für den Automarkt. Autoteile werden von Verwandten und Bekannten aus aller Welt in Koffern ins Land geschmuggelt.

Kubanische Autos sind deshalb sündhaft teuer, weil es einfach keine mehr gibt. Und so wird alles, was irgendwie rollt, mit Eigenbauten am Leben erhalten. Vom Polski Fiat bis zum Ford Viktoria. Hinzukommt, dass auch der Preis für den importierten, venezolanischen Kraftstoff sündhaft teuer ist. Ein Arzt verdient etwa 300 Euro. Ein Liter Benzin kostet etwa einen Euro. Vier Tankfüllungen sind ein Monatsgehalt. Durch einen Dieselumbau sinkt der Verbrauch eines 1957er-Ford Edsel immerhin von 30 auf acht Liter je 100 Kilometer.

Was jedem KÜS-Prüfingenieur den Schweiß auf die Stirn treibt, ist hier pure Realität: Mit wenigen Mitteln und oft ohne passendes Werkzeug mitten auf der Straße vorgenommenen Umbauten, die mit vielen improvisierten Ersatzteilen als vormalig hoffnungslose Wracks wieder zum Laufen gebrachten Autos. Die schillernden Ölpfützen werden beim nächsten karibischen Gewitter sowieso wieder in der maroden Kanalisation verschwinden.

Not macht erfinderisch, und so sind im Laufe der letzten Jahre fast alle Gebrauchtwagen zu handgeschmiedeten Prototypen mutiert. Auch das ist Stoff fürs Gruselkabinett der KÜS-Prüfingenieure. Die herunterhängenden Dachhimmel der Moskwitsch Modelle werden einfach ausgebaut und weggelassen. Zerfressenes Dämmmaterial kommt einfach raus. Risse im Cockpit werden mit Lappen gestopft. Oder der Fahrer setzt einfach eine Muñeca darauf. Das Glück bringende Püppchen der Santeros.

Plexiglas ersetzt zersprungene Seitenscheiben. Wer auf ein Dieselimplantat setzt, baut auch gleich das Lenkrad und die Servolenkung vom Renault 19D mit ein.

Beim Zubehör sind vor allem Sportauspuffblenden aus Konservendosen, Xenon-Glühbirnen und LED-Rückleuchten angesagt. Damit kommen wir zum traurigen Teil der Geschichte: Selbst wenn der kubanische Automarkt eines Tages wirklich geöffnet wird, dürfte sich ein Export von amerikanischen Oldtimern niemals lohnen. Keiner der Umgebauten Prototypen würde jemals eine Hauptuntersuchung, geschweige denn die Untersuchung zur Einstufung als Historisches Fahrzeug bestehen.

Für die Kubaner hat sich seit Anfang des Jahres zumindest ein bisschen was verändert: Künftig ist es im Rahmen der neuen Freizügigkeit erlaubt, Gebrauchtwagen aus Panama zu importieren. Mit utopischen Einfuhrzöllen, versteht sich: Ein alter Mercedes 190D kommt locker auf 30.000 Euro. Für die meisten Kubaner unerreichbar. Und so werden uns die Kolonialautos mit den Dieselmotoren aus den 80er-Jahren wohl noch lange erhalten bleiben.

Wie fährt sich ein Moskwitsch mit Peugeot 106D Motor?

Den Fahrbericht gibt es unter www.motor-talk.de/blogs/kuesmagazin

Autopreise in Kuba

Chevrolet Bel Air (Nissan Dieselmotor): 25.000 Euro
Fiat 126 Polski: 8000 Euro
Mercedes ML 270 CDI (1997): 30.000 Euro
Audi A4 2.0 TSI (2010): 80.000 Euro
Moskwitsch (1979): 15.000 Euro

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