Schwitzen auf Rädern


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Der Schnee liegt meterhoch und von den Felsen hängen dicke Eiszapfen: Es ist tiefster Winter in Revelstoke am Fuß der Rocky Mountains und wer sich überhaupt aus dem Haus traut, der steckt in vier Lagen Thermo-Wäsche. Doch Tomi sitzt im Fond seines Kleintransporters und schält sich aus den Klamotten. Es wird hübsch warm im Heck seines Fiat Ducato, der hier drüben in Kanada als Dodge Ram ProMaster verkauft wird. Kein Wunder. Ganz hinten knistert ein Holzfeuer im Ofen und die Temperatur steigt so langsam auf 90 Grad. Denn Tomi sitzt im wohl einzigen Sauna-Van im Umkreis von vielen Tausend Meilen und macht sich gerade bereit für eine Runde Schwitzen im Sitzen.

Mit wenigen Handgriffen verwandelt sich der Transporter in eine Sauna

viele schauen erstmal irritiert,
weil der Van
einen Schornstein hat

Das muss man verstehen. Schließlich ist Tomi Finne und so wohl er sich in Kanada fühlt, fehlt ihm in dem Outdoor- und Wintersport-Mekka sechs Stunden östlich von Vancouver die heimische Sauna-Kultur. Das hat ihn allerdings nach Jahren der Saisonarbeit als Skilehrer nicht daran gehindert, vor rund zehn Jahren ganz nach Kanada zu ziehen. Das sichert ihm jetzt in der neuen Heimat sein Auskommen und zusammen mit seiner Partnerin baut er individuelle Saunen für die Locals und heizt den Wintersportlern auf diese Weise gehörig ein.

Die Sauna-Utensilien sind an Bord
Schöne Aussichten sind garantiert


Nachdem er seine Schwitzkästen in Keller gebaut hat, montiert er sie in Garten- und Waldhütten, in Garagen, Dachböden und Wiesenhügel. Im letzten Sommer hat er auch seinen Ducato zu einer heißen Kiste umgebaut. Schließlich ist der Finne gerne unterwegs, geht im Sommer an den Seen campen und im Winter am nahen Eagle-Pass zum Backcountry Skiing. „Und nichts ist schöner, als nach einer langen Tour direkt in die Sauna zu steigen, ohne erst ein paar Stunden fahren zu müssen,“ schwärmt der knapp 50-jährige Finne und freut sich über die vielen Bekanntschaften, die er dabei schon auf Park- und Campingplätzen gemacht hat. Klar, schauen viele erstmal ein bisschen irritiert, wenn er ihnen erklärt, warum sein Van einen Schornstein hat und weshalb daraus plötzlich Rauch aufsteigt. Doch nicht selten sind die Passanten danach buchstäblich Feuer und Flamme und fragen nach einem Handtuch, erzählt er mit einem breiten Grinsen.
Getüftelt hat er an seinem Sauna-Van viele Wochen. Stundenlang hat er dafür in seinem Lieblingscafé an der Hauptstraße gesessen, Skizzen gemacht und gerechnet. Doch der Umbau selbst ging dann überraschend schnell. Hier mal an ein paar Stunden nach Feierabend, da mal ein Samstag – so nahm der Schwitzkasten auf Rädern zügig Gestalt an.
Dabei hat sich Tomi für den schweren Weg entschieden: Weil er seinen Ducato auch als Lieferwagen fürs Geschäft und als Wohnmobil nutzt, durfte der Ausbau keinen Platz kosten und musste sich vor allem schnell auf- und zurückrüsten lassen. Deshalb steht er jetzt an den offenen Türen am Heck des Ducato und zieht allerlei Bretter aus dem doppelten Boden seines Kleintransporters. Klack, klack, klack – mit einem einfachen Stecksystem hat er den letzten Meter vom Rest der Kabine abgetrennt, aus der holzvertäfelten Seitenwand klappt er eine Bank, vor die offenen Türen hängt er weitere Bretter, auf Teleskopschienen verlängert er den Fußboden und mit drei Handgriffen hat der Überhang auch ein Dach. Klack, dann ist vorne auch zu, und mit dem letzten Handgriff klemmt Tomi noch eine Trittleiter vor die Tür, bevor er mit dem Holzverschnitt aus seiner Schreinerei den Ofen anheizt.
Lange Warten muss er danach nicht mehr: „In kaum mehr als einer Viertelstunde hat die Sauna mollige 80 Grad“, strahlt der stolze Erfinder und nestelt schon an den Hemdsköpfen. Denn wenn das Feuer erstmal brennt, ist der Finne kaum mehr zu halten. „Mein Büro hat 80 Grad, bringt also besser ein Handtuch mit“, rät er seinen Geschäftspartnern – und hat damit offenbar Erfolg: Rund ein Dutzend Saunen baut er im Jahr und hat deshalb eigentlich viel zu wenig Zeit, im eigenen Van zu sitzen und zu schwitzen.

Für Nordamerikanische
Rechtsanwälte zu heiß


Allerdings haben die wenigsten davon Räder und fahren kann bislang kein anderer: Der Schwitzkasten im Dodge ist ein Einzelstück und wird es wohl auch bleiben: An Nachfrage mangelt es dabei nicht. An Ideen auch nicht. Und der Preis, den Tomi auf rund 15.000 Dollar schätzt, dürfte auch keine unüberwindbare Hürde sein. „Sondern das Problem hier in Nordamerika sind die Gesetze und die Rechtsanwälte“, stöhnt er. In einem Land, in dem man in die Bedienungsanleitung der Mikrowelle schreiben muss, dass man darin keine Katze trocknen darf, ist ihm eine mobile Sauna einfach zu heiß, erzählt er und zuckt resigniert mit den Schultern: „Da würde ich am Formblatt zum Haftungsausschluss länger sitzen als am Umbau selbst.“ Und dabei wahrscheinlich auch mehr ins Schwitzen kommen als in der Sauna.

„Grillen“ drinnen und draußen ist möglich

Fotos Benjamin Bessinger/SP-X

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