Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger e.V.

Die Retro-Tankstelle


Sprit zapfen im Stil der 1960er-Jahre

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Es war einmal eine kleine Tankstelle, die zu einer Zeit gebaut wurde, als der Automobilverkehr sich in Deutschland verbreitete. Der 2. große Krieg war vorbei und die Menschen wollten nicht nur in Uniform und Panzern in der Welt herumkommen. Private Pkw brummten bis auf die Höhen des Schwarzwalds hinauf, etwa auf einen 971 Meter hohen Bergrücken, der Kniebis hieß. Nach ihm hatte sich auch die Streusiedlung benannt, die sich hier erstreckt.

Klugerweise legte man die Tankstelle an der Bundesstraße 28 an, die von Freudenstadt her übers Gebirge führt, Richtung Westen in die Rheinebene hinunter bis nach Kehl und Straßburg. Die Baulichkeiten sahen so aus, wie man sie in den 1950er- und 1960er-Jahren errichtete: außen überdachte Zapfsäulen, innen neben dem Kassen- und Büroraum eine kleine Werkstatt, in der Reifen und Zündkerzen gewechselt wurden.

Ein halbes Jahrhundert ist eine lange Zeit, und diese änderte sich. Der Benzin- und Dieselverkauf war nicht mehr recht rentabel, zumal die ganz großen Mengen auf der Kniebis-Tankstelle nicht umgesetzt werden konnten: Weil das Regendach über den Säulen zu niedrig war, fuhren die schweren Laster vorbei, die hunderte Liter auf einmal zapften. Für eine Waschanlage war der Werkstattraum zu klein.

Was tun? Fragte man sich in Freudenstadt, dem Sitz der Firma Oest, wo man die kleine Tankstelle vor acht Jahren erworben hatte. Dort wird nicht nur das bekannte Schmiermittel Östol hergestellt, das Motoren klassischer Automobile zu längerem Leben verhilft. Man ist auch Gesellschafter der Marke Avia, unter der sich mittelständische Treibstoffhändler in Deutschland und 13 anderen europäischen Ländern zusammengeschlossen haben. Sie betreiben rund 3.000 Stationen, davon 800 hierzulande – eine sympathische Alternative zu den großen Konzernen.

Bei Oest erwog man die Schließung. Aber ein einfallsreicher Mitarbeiter hatte eine Idee: Wie wäre es denn, wenn man alles im Stil der 1960er-Jahre renovieren würde? Der Schwarzwald ist bekanntlich ein beliebtes Ziel für Ausfahrten in Oldtimern und auch einige Rallyes für Klassiker sind jedes Jahr auf den kurvigen, teilweise wenig befahrenen Straßen unterwegs.

Bei Oest-Chef Alexander A. Klein rannte dieser Plan sozusagen offene Garagentore ein, da er selbst gern in klassischem Blech unterwegs ist und Östol manche Rallyes als Sponsor großzügig fördert. Binnen Jahresfrist gestaltete man die Tankstelle im Stil von Rock’n’Roll und Petticoat um.

Die historischen Avia-Schilder mit Flugzeugsilhouette wurden neu gefertigt. Der ursprünglich in der Schweiz ausgedachte Name sollte an Aviation (Luftfahrt) erinnern – nur Fliegen war schöner als bei Avia tanken! Auch die traditionellen Säulen wurden nachgebaut, natürlich mit modernster Technik. Am Wochenende bietet ein uniformierter Tankwart wie in alten Zeiten seine Dienste an.

Im Inneren empfangen Nierentische, Neonreklame und eine Musikbox den Gast. Die ehemalige Werkstatt, in die man durch eine Glaswand blicken kann, dient einem Oldtimer als Garage. Aus der dortigen Zapfsäule fließt statt Treibstoff Bier – der Raum kann zu Partyzwecken gemietet werden.

Im Sommer dieses Jahres wiedereröffnet, hat sich der nostalgische Stil der wiedererstandenen Tankstelle schnell herumgesprochen: An einem Tag macht der Mercedes-SL-Club Mönchengladbach hier halt, am nächsten bremsen 130 Autos der Baiersbronn Classic zu einer Stempelkontrolle. Zum Tanken reichte die Zeit den Rallye-Fahrern nicht, wohl aber zu einem Erinnerungsfoto im Stil jener Tage, als ihre Gefährte fabrikneu waren.

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