Das grüne Land um Qaqortoq in Südgrönland.


Im Reich der blauen Eisriesen

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Mit Tempo 30 pflügt das kleine Taxiboot durch den Narlunaqfjord. Konzentriert umkurvt Anguteerak Høegh-Olsen die dahin dümpelnden Eisberge. Blaue, kalte Riesen sind es, getrieben von Wellen, Wind und Wasserströmungen. Einige ragen turmhoch auf, andere haben die Form von Supertankern. Das Ziel der Urlauber an Bord ist die Schaffarm Ipiutaq, wo die Französin Agathe Devisme mit ihrem Mann und Tochter Ina leben.

suedgroendlandUrlauber aus vieler Herren Länder kommen in den grünen Flecken am Eriksfjord, um fernab von Stress und Lärm in der Stille auszuspannen. Seit 2007 heißen die Farmer Gäste willkommen. „Wir sind die einzige Schaffarm in Südgrönland mit einem Gästehaus“, erzählt Agathe Devisme beim Rundgang über das sechs Hektar große Wiesenland.

Vor mehr als zehn Jahren kam die Architektin aus der Region Paris zum ersten Mal nach Grönland – und blieb. Denn im landwirtschaftlichen Versuchszentrum Upernaviarsuk lernte sie ihren Mann kennen, den Inuit Kalista Poulsen. Das Paar übernahm 2005 die leerstehende Schaffarm Ipiutaq und leistete dort echte Pionierarbeit. „Im ersten Winter hatten wir noch keinen Strom, wir haben bei Kerzenlicht gelebt“, erinnert sich die Farmersfrau. Was auf den ersten Blick romantisch sein mag, war für die Beiden harte Arbeit in extremer Witterung: Monatelanges schuften, um den Bauernhof wieder zu neuem Leben zu erwecken. Der Schafstall wurde ausgebaut, Wege planiert und Wiesen wieder nutzbar gemacht. „Irgendwann lief der Diesel-Stromgenerator und die Versorgung mit Trinkwasser aus dem nahen Ilua-Fluss war gesichert. Dann konnten wir auch die ersten Gäste beherbergen“, so Agathe Devisme.

groendland-hafenInzwischen halten die Farmer 300 Schafe, die während der kurzen Sommer in der Bergwildnis leben. Neben ihrem eigenen Heim haben sie ein Ferienhaus ausgebaut. „Die Gäste gehen im nahen Iluasee fischen, der reich an Saibling ist“, sagt Gastgeberin Devisme. Wanderer durchstreifen bei Tagestouren den Gebirgszug Narsaqhalvhøen, dessen felsige Gipfel um die 700 Meter aufragen.

In der Zukunft könnten Wanderer dort auf ein Uran-Bergwerk stoßen. Das grönländische Parlament beschloss im November 2013 nach 25-jähriger Sperre mit knapper Mehrheit, den Abbau von Uran und seltenen Erden wieder zuzulassen. Damit sollen Arbeitsplätze geschaffen werden. Naturschützer und Touristiker wie etwa Agathe Devisme betrachten die Entscheidung jedoch sehr kritisch. Für sie stellen sich die Fragen: In welchem Umfang wird das sensible Ökosystem belastet? Werden Naturfreunde dann noch hierhin reisen wollen?

agathe-devismeAuf der Schaffarm am Eriksfjord versorgen sich die Urlauber tagsüber selbst. Abends bietet die sympathische Farmersfrau feine französisch-grönländische Fusionsküche, wie sie es nennt. Auf der Menükarte stehen beispielsweise Rentier mit wildem Sauerampfer oder französische Bouillabaisse mit grönländischem Saibling.

Im Vergleich zur Ruhe am Fjorde herrscht im 60 Kilometer entfernten Qaqortoq quirliges Stadtleben. Es gibt Supermärkte, ein Hotel, das Seemannsheim, die Jugendherberge, den Fisch- und Gemüsemarkt, einen Hubschrauberlandeplatz und zehn Kilometer Straßen und Schotterpisten. Qaqortoq mit seinen 3.100 Einwohnern ist das Verwaltungszentrum der südgrönlandischen Kommune Kujalleq, die eine Fläche von 53.000 Quadratkilometern aufweist und damit größer ist als die Schweiz.

Individualtouristen haben Südgrönland als Reiseziel entdeckt; dagegen besuchen Pauschalurlauber zumeist den 1.000 Kilometer weiter nördlich gelegenen Ilulissat-Eisfjord mit dem Sermeq Kujalleq an der Diskobucht. Der zum UNESCO-Weltnaturerbe zählende Gletscher gilt als einer der Aktivsten derErde: Im Sommer lösen sich riesige Eisberge von der sieben Kilometer breiten Gletscherwand.

Marmelade-und-Gewürze

Südgrönland punktet mit uralter und neuerer Geschichte – von den Wikingern bis zur amerikanischen Luftwaffe.

Wer auf dem Flughafen Narsarsuaq landet, kann auch heute noch die Spuren des ehemaligen Luftwaffenstützpunktes Blue West One der US Air Force erkennen. Manche Bauten am Eriksfjord aus der Zeit zwischen 1941 und 1958 ähneln noch Kasernengebäuden. Das Museum zeigt die Geschichte der Basis auf, auf der während der Berliner Luftbrücke 1948/1949 Flugzeuge mit Hilfsgütern aus den USA zwischenlandeten.

gemüse-und-fischmarktNarsarsuaq ist wie das nördliche Kangerlussuaq einer der beiden internationalen Flughäfen, die als Drehkreuze für Passagiere und Fracht dienen. Von den Airports verkehrt die nationale Fluglinie Air Greenland mit Hubschraubern oder Propellermaschinen zu den größeren Orten. Straßenverbindungen gibt es nicht. Fliegen ist in Grönland jedoch selbst im Sommer stark wetterabhängig. An manchen Tagen kleben Wolken so tief an den Bergen, dass Flüge aus Gründen der Sicherheit komplett ausfallen müssen – neuer Versuch am nächsten Tag. Oder am übernächsten.

statue-leif-erikssonVon Narsarsuaq unternehmen Urlauber eine Zeitreise zu den Wikingern, mehr als 1.000 Jahre zurück. Jenseits des Fjordes liegt das Brattahlid des Seefahrers und Entdeckers Erik des Roten, der hier der Überlieferung nach um das Jahr 985 von Island kommend mit seinen Gefolgsleuten siedelte. Erik der Rote nannte die Insel Græenland, altnordisch für Grünland. Mauerreste zwischen den Schafweiden zeugen von der großen Historie. Um das Jahr 1000 soll hier die erste christliche Kirche Grönlands erbaut worden sein, ihr Nachbau steht auf steilem Abhang über dem Fjord.

Vergangenheit und Zukunft liegen in Südgrönland oft nah beieinander – die größte Insel der Erde ist im Umbruch. In der Versuchsfarm Upernaviarsuk ernten sie heutzutage Erdbeeren, knallrot und zuckersüß. Vor zehn Jahren noch undenkbar, heute eine Folge des globalen Klimawandels.

strassenschild

Reiseziel

Grönland hat rund 57.000 Einwohner und ist mit 2,1 Mio. Quadratkilometern sechsmal so groß wie Deutschland und die größte Insel der Erde.

Anreise nach Südgrönland

Mit dem Flugzeug über Kopenhagen nach Kangerlussuaq oder Narsasuaq, von Narsasuaq Hubschraubertransfer.

Reisezeit

Juni bis Ende September. Hochsaison Juli/August. In den Sommermonaten ist es rund um die Uhr hell. Wetterfeste Bekleidung mit Anorak, Mütze und Handschuhen gehören ins Reisegepäck. Von individuellen Touren ohne Guide außerhalb der Orte wird abgeraten.

Unterkünfte

Die Übernachtungspreise schwanken. Ratsam ist Online-Buchung. In größeren Orten gibt es Hotels und Restaurants.

Sprache

Inuit, Dänisch und Englisch.

Währung

Dänische Krone. Kreditkarten sind weit verbreitet. In größeren Orten gibt es Geldautomaten.

Informationen

Qaqortoq Tourist Service,
Vatikanbakken 68, GR 3920 Qaqortoq,
Tel.: 00 299/64 24 44, info@qaqtourist.gl
www.sagalands.com

Blue Ice Explorer,
P.O. Box 58, GR 3923 Narsarsuaq,
Tel.: 00299/49 73 71, info@blueice.gl
www.blueice.gl

Weitere Internetseiten

www.greenland.com/de/
www.airgreenland.gl
www.narsarsuaqmuseum.gl
www.ipiutaq.gl

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