Auf dem Weg zum „Glas-Baron“


Wie ein Traditionshandwerk den Sprung in die Moderne schafft

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Mal Bundes-, mal Landes-, mal Kreisstraße: Deutschlands östlichste „Themen-Straße“ beginnt bei Weiden in der Oberpfalz mit Kurs Süd-Ost, biegt etwa bei Kilometer 57 scharf nach Osten ab bis nahe der Grenze Tschechiens, schlängelt sich an den Bergkämmen des „Hohen Bogens“ entlang in den „Naturpark Bayerischer Wald“, durchmisst die Stadt Zwiesel, schwingt sich durch waldreiches, welliges Mittelgebirge über Grafenau, Freyung bis nach Passau. Etwa 220 Kilometer Länge misst die Glasstraße. Wir nahmen uns Zeit dafür.

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Seit sieben Jahrhunderten wird hier Glas hergestellt. Die natürlichen Vorkommen haben diesen Industriezweig schon immer gefördert: Man benötigt Quarzgestein, das hier in Menge und Güte gewachsen ist und zu Quarzsand gemahlen wird, Pottasche, die aus dem Holz der Wälder gewonnen wird, das ebenso zum Feuern der Schmelzöfen in früheren Zeiten benötigt wurde. Nur Soda und Kalk als weitere Bestandteile mussten von außerhalb hergebracht werden.

Die Glasstraße ist leicht zu finden, stets gut ausgeschildert und ab und an führt die Reise direkt an einer Glasfabrik oder einer kleineren privaten Manufaktur vorbei. „Nicht wenige Glas- und Spiegelhütten entlang dem Böhmerwald“, erwähnt der Geo- und Kartograph Philipp Apian (1531-1589), der zugleich einen Lehrstuhl an der Universität in Ingolstadt hatte. Glas ist ein harter, form- und färbbarer Stoff, der kreative Ideen beflügelt. Gravur, Schliff oder Malerei verhelfen ihm zur abschließenden Veredelung. So wird die Reise ein Erlebnis zwischen Kitsch und Kunst, zwischen Sehen und Staunen über Schönheit und Noblesse. Wenige ganz große Glas-Märkte wechseln sich ab mit vielen kleineren, meist privaten Betrieben, die um des Überlebens Willen oftmals auch die ganze Woche geöffnet haben.

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Ein Familienbetrieb ist auch in Frauenau zu finden, einer, der das Glashandwerk bereits seit 450 Jahren pflegt, damit der älteste ist und dessen Produkte auf der ganzen Welt zu finden sind: bei Staatsanlässen, in Fürsten- und Königshäusern, bei vermögenden Großindustriellen wie auch bei ganz normalen Familien, die ihre Vitrinen mit den gläsernen „Juwelen“ schmücken. Es ist die Glas-Manufaktur des Freiherrn Benedikt Poschinger zu Frauenau. Holz als Brennstoff wurde hier durch Gas abgelöst, weil die 1.500 Grad Hitze zum Erschmelzen von Glas auf diese Weise gleichmäßiger, schneller und umweltgerechter erzeugt werden. Im Schichtbetrieb arbeiten die sorgsam ausgebildeten Glasbläser und -former in einer entspannten und doch spannenden Atmosphäre: konzentriert, kreativ und handwerklich äußerst sorgfältig. So entstehen noble Unikate, edle Kleinserien und Sonderwunsch-Anfertigungen. Der „Glas-Baron“ ist stets nahe an der Herstellung, stellt die Souveränität seiner Produkte sicher, leitet den Betrieb mit Sachkenntnis und sozialem Engagement. Er fühlt seine Verantwortung als Garant für das traditionsreiche Handwerk, das den Sprung in die Moderne längst vollzogen hat und doch schon 5.000 Jahre alt ist.

Das alles macht die 220 Kilometer Glasstraße zum faszinierenden Erlebnis.

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