Zwischen Pässen und Promis


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Die Kitzbüheler Alpenrallye gilt als eine der schönsten Oldtimer-Veranstaltungen. Bei der 22. Ausgabe, die vom 3. bis 6. Juni 2009 stattfand, waren wir dabei. Nicht als Zuschauer, sondern als Teilnehmer im Team von Fulda Reifen. Eine Genuss- und Leidens-Geschichte.

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Beim Aufstieg in die Chiemgauer Alpen kurz hinter dem malerischen Talort Aschau ist es wieder so weit. Der flammrote Alfa Romeo Spider 2000 spotzt und spuckt, gibt seine Leistung von 129 PS nur noch widerwillig und häppchenweise ab. Der alte Italo-Star schüttelt sich, die Leerlaufdrehzahl des Doppelvergaser-Vierzylinders rutscht bedrohlich tief, erste Kontrollleuchten nehmen ihre warnende Arbeit auf. Es riecht nach unverbranntem Benzin, aus dem normalerweise wunderbar brabbelnden Doppelauspuff fliehen blaugraue Schwaden. Nein – die künftige CO2-Grenze von 120 g/km schafft unser Schätzchen aus dem Jahr 1973 wohl eher nicht.

Dann, endlich, ein befreiender Ruck, und unsere in Ehren gealterte Turiner Primadonna pflügt durch Kurven und Landschaft, als sei nichts geschehen.

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Georg macht hinter der fest ums Gesicht geschlossenen Kapuze seiner blauen Windjacke abwechselnd ein ernstes und entspanntes Gesicht. Georg Marmit, Pressesprecher der KÜS, und ich sind Teilnehmer der 22. Kitzbüheler Alpenrallye, er ist mein Beifahrer und wie ich fest entschlossen, im Ziel anzukommen. Wir sind ein interessantes Gespann, denn Georg ist das, was man ein gestandenes Mannsbild nennt, und mindestens doppelt so groß und so schwer wie ich. Naja, fast. Hinter seiner dunklen Sonnenbrille blickt er locker über den Dachrahmen unseres offen gefahrenen Roadsters (alles andere wäre Stilbruch gewesen), während ich mich eher im tiefen Ledersitz verkauere, um dem Fahrtwind und der unbarmherzig herabbrennenden Sonne zu entgehen. Zwecklos – Erkältung und Sonnenbrand sind schon mal gesichert, eine Ankunft im Ziel in der Hahnenkamm-Stadt noch längst nicht.

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Doch solche Nebensächlichkeiten sind leicht vergessen, wenn wir durch die Dörfer rollen und dem Streckenbuch folgen, das Georg akribisch studiert.

Zuschauer säumen den Weg, grüßen uns und winken fröhlich, ja begeistert.

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Es tut so gut, als Autofahrer mal freundlich behandelt zu werden und willkommen zu sein. Ein Gefühl, das ich schon fast verges-sen hatte. Wir winken zurück, ziemlich stolz auf uns, ohne so recht zu wissen, warum.
Jetzt, auf einer der vielen Verbindungsetappen dieser Oldtimer-Rallye, haben wir Zeit, durchzuatmen und die ebenso liebliche wie schroffe Bilderbuch-Landschaft zu genießen. Hinter jeder Kurve empfängt uns eine neue prachtvolle Bergkulisse. Über 550 Kilometer führt diese Classic-Car-Route, durch Tirol, Bayern und das Salzburger Land, und immer wieder über die Deutsche Alpenstraße. Zwei Lager haben sich gebildet: Zum einen die ambitionierten Sportler, zum anderen diejenigen, für die Dabeisein alles ist. Sieger kann allerdings nur einer aus der ersten Gruppe werden. Unser doppeltes Glück, dass wir zur zweiten Gruppe zählen. Zugelassen sind alle Klassiker bis zum Baujahr 1976, nach unten gibt es keine Altersbeschränkung. Und nicht wilde Driftmanöver sind das erklärte Ziel dieser Alpenrallye, sondern beinahe das Gegenteil: Gleichmäßiges, beinahe langsam zu nennendes Fahren und das Finden aller Kontrollpunkte ist der Garant für einen vorderen Platz. Klar auch, dass man zwischendurch mal ordentlich Gas gibt und als Ausgleich schon mal einen Waldparkplatz ansteuert. Zum Staunen, Essen, Koordinieren.

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Die Hauptetappe am gestrigen Freitag führte uns über 350 Kilometer über Saalfelden und Lofer ins bayerische Alpenland bis an den Chiemsee. Rund um den Wilden Kaiser ging’s dann zurück nach Kitzbühel. Gestern am Freitag, ja, da schnurrte unser Alfalein noch wie ein zahmer Hauskater, da zickte er noch nicht und machte uns nicht das Leben schwer. Heute aber ist Samstag, der sechste Juni, und unser Spider gibt sich alle Mühe, das typische Alfa-Image zu untermauern, ein unbedingt liebenswertes, aber nicht immer zuverlässiges Gefährt zu sein. Zumindest in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts war das so. Um 15.15 Uhr findet in Kitzbühel, das heute der Nabel der Oldtimerwelt ist, die Abschlussparade statt. Da wollen wir dabei sein, unbedingt. Tausende Zuschauer bilden dann Spalier in der Altstadt und lassen jeden heil Angekommenen hochleben. Ein unvergleichliches Gefühl. Große klangvolle Namen wie Ferrari, Bentley, Rolls Royce, Aston Martin, Mercedes, Lagonda, Jaguar, Maserati oder Porsche geben bei dieser Alpenrallye ihr Stelldichein, ein einziges Who is Who eines ganzen Auto-Jahrhunderts. Ein Querschnitt der Automobil-geschichte, Historie zum Anfassen.

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Mit sanftem Getöse, aber nachdrücklich überholt uns ein unglaublich gut erhaltener Lagonda LG 45 aus dem Jahr 1937, ein wahres Auto-Monster mit kastenförmiger Motorhaube und kanalrohrdicken Auspuffrohren. Auf dem Beifahrersitz ein Typ mit markantem Kinn und schnittiger Kurzhaarfrisur.

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Georg bestätigt wortlos nickend: Ja, er ist’s.

Michael Schumacher,

siebenfacher Formel-1-Weltmeister, gibt dem Teilnehmerfeld die Ehre, ganz ungewohnt als Co-Pilot. Andere Prominente aus Rennsport, Showbusiness oder Wirtschaft lassen wir vorbeiziehen. Jahrhundert-Playmate und
Tanzstar Gitta Saxx rauscht in Parfümwolke und Mercedes 190 SL von dannen, gefolgt von der siegeswilligen Schauspielerin Katerina Jacob («Der Bulle von Tölz») im Jaguar XK 150 sowie Rennfahrer-Legende Hans-Joachim «Striezel» Stuck, der mit seiner Frau Silvia einen beigeweißen VW Käfer 1302 pilotiert, ganz bescheiden, aber immer mit gewinnendem Lächeln. Und verfolgt von Strietzels Sohn Johannes auf einem kernigen BMW 2002 ti.

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Plötzlich schlägt mir Georg aufs Bein, macht seiner Freude Luft: Der letzte Kontrollpunkt rückt in Sichtweite. Wir haben’s geschafft, sind in Wertung angekommen! Dass die Gesamtsieger Heinz Stieger und Hannes Swoboda heißen und einen Porsche 911 Targa steuerten, nehmen wir nur am Rande wahr. Und dass es für uns nur für einen Platz im Mittelfeld reichte, kümmert uns auch wenig. Wir waren dabei – das zählt!

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