Vier Wochen ohne Führerschein: Eine Erfahrung


Ohne Führerschein: Ein Erfahrungsbericht

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Drei-Städte-Rallye in Straubing, 1998. Die Straße führte durch einen klitzekleinen Ort. Vier Häuser rechts und vier Häuser links. Schwups war man durch. Jeder wusste, dass hier in dieser Ortschaft IMMER und bei jeder Drei-Städte-Rallye ein Radarwagen steht. Ich war zum ersten Mal bei dieser Rallye.

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Der Monat Verzicht aufs „beste Stück“

Ich habe noch ein bisschen Speed drauf von der Autobahn. Und ehe ich vor dem Ort abgebremst habe, war ich schon durch. Sehr freundliche, grüngekleidete Herren hielten mich an und teilten mir mit, dass ich statt 50 km/h, 69 km/h schnell gefahren bin. „Das geht ja noch,“ sagten sie „einen km/h mehr, und Sie wären Ihren Lappen losgewesen.“ Ich zahlte meine Verwarnung – und hab die Sache vergessen.

Wochen später flatterte mir ein Schreiben der Verkehrsbehörde ins Haus. Darauf stand jetzt, dass ich 70 km/h gefahren sei. Und dass ich einen Monat auf die Fahrerlaubnis verzichten müsse. Nun gut, ich hatte ja eine Quittung über den Verstoß von 69 km/h. Ab zu einem Rechtsanwalt, Spezialist für Verkehrsverstöße. „Frau Sein, es ist ebenso zwecklos wie unnötig, dass wir nach Regensburg zur Verhandlung fahren. Wir können nichts daran ändern, dass Sie Ihren Führerschein abgeben müssen.“ Mein Einwand, dass ich den Führerschein brauche, weil ich meinen gelähmten Mann fahren muss, half nichts. „Das hätten Sie sich früher überlegen müssen.“

Am 19.10.1965 habe ich die Führerscheinprüfung gemacht – nach sechs Fahrstunden einschließlich der Prüfungsstunde. Bei jeder Motorsport-Veranstaltung muss man bei der Dokumenten-Kontrolle seinen Führerschein vorlegen. Zuhause stehen etwa 400 Pokale.


Montag, 20.04.1998

Ich fahre zum Anwalt und gebe ihm meinen wertvollen Schein. Der nimmt ihn in Obhut und schickt ihn weg. Heute kann ich noch herumfahren, mein Schein ist ja bis heute Nacht 24.00 Uhr noch gültig. Auch wenn ich ihn physisch nicht mehr habe…


Dienstag.

Heute beginnt ein neues Leben für mich: Mein Leben ohne Führerschein. Und es sind nicht vier Wochen, sondern ein ganzer Monat. Unser Fahrzeug-Überführer fährt mich von meiner Zweitwohnung in Nidderau ins Büro, und danach nach München. Vom Hotel aus fahre ich per Taxi zur Off-Road-Messe. Ein Mitarbeiter der Agentur holt mich in München wieder ab.


Das erste Wochenende.

Am Wochenende fahre ich immer heim nach Düren zu meinem Mann, der noch nicht zu mir nach Frankfurt ziehen möchte, weil er sich erst in seiner gewohnten Umgebung an seine neue Situation (gelähmt im Rollstuhl) gewöhnen möchte. Gegen einen Festpreis fährt mich ein Fahrer der Agentur hin und wieder zurück. Am folgenden Wochenende musste ich – wieder dienstlich – nach Wittenberg zur Pneumant-Rallye. Meine Mitarbeiterin sitzt am Steuer.

Eigentlich hatte ich das alles ganz gut im Griff: Ich wurde morgens von der Agentur abgeholt und abends wieder heimgefahren. Nur: Abends konnte ich dann nichts mehr unternehmen. Ich habe einen zweiten Führerschein. Der lautet noch auf meinen Mädchennamen. Den habe ich behalten. „Für alle Fälle.“ Und so ein Fall war jetzt eingetreten. Aber ehrlich gesagt: Ich habe mich nicht getraut, den zu benutzen.

Am nächsten Montag kommt Winfried Matter zu mir ins Büro. Sein Slogan damals: „ohne Matter platter“. Wir waren schon lange freundschaftlich verbunden. „Warum hast Du mir nichts gesagt! Ich kann Dir doch helfen.“ Sprach’s und verdonnerte kurzerhand einen seiner Mitarbeiter, für mich den Chauffeur zu spielen: Radu Cornescu, ein Rumäne aus Sibiu, der Ort hieß damals „Herrmannstadt“.

Radu holte mich morgens zu Hause ab, brachte mich ins Büro und abends wieder zurück. Dann fuhr er nach Karlsdorf zurück. Von Nidderau aus waren es 156 Kilometer. Einen Abend habe ich mich von Radu in die Sauna fahren lassen. Ich wollte ihm einen Saunabesuch schenken, aber Radu wollte lieber im Auto auf mich warten.

Am

Donnerstag, 21. Mai

war es dann endlich soweit: Ich durfte wieder selber Autofahren. Ich war so was von froh, mein bestes Stück wieder zu haben – und ich schwöre: Ich werde ihn nie wieder abgeben müssen. Man wird ja mit der Zeit ruhiger und gelassener.

Notfalls kann man sich mit einer Operations-Maske vor dem Gesicht helfen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte …

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