Škoda Velothon Berlin 2012


Schnelle Rundfahrt durch die Hauptstadt

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Am 10. Juni startete die „Škoda Velothon Berlin“ in ihre fünfte Auflage. Insgesamt 14.000 Radfahrer bevölkerten Berlins Straßen: Vom Kinder-Rennen bis zum 120-km-Jedermann-Rennen für ambitionierte Hobbyfahrer bot die von Skoda unterstützte Veranstaltung für jeden Geschmack etwas. Auch für unseren Redakteur Uwe Meuren, der in Berlin sein Renn-Debüt feierte.

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Seit 6:00 Uhr auf den Beinen und um 9:00 Uhr alles Administrative erledigt: Kleiderbeutel mit Wechselwäsche zur Aufbewahrung abgegeben, Startnummer montiert, Trinkflaschen gefüllt, Energieriegel und -gels in den Taschen verstaut. Auf geht’s in Startblock „G“ – den letzten von sieben, der für Genussfahrer und Novizen reserviert ist. Anspannung hat sich schon lange breit gemacht, die mir wie gewohnt auf den Magen schlägt. Ständig die mobilen Bedürfnisanstalten im Blick rolle ich auf meinem Rennrad langsam weiter durch den Startblock und suche mir ein geeignetes PIätzchen, um auf den Start zu warten. Die ersten Sonnenstrahlen erwärmen die schier unzähligen Radfahrer. Im Block wird gescherzt, gelacht, fotografiert, gefachsimpelt, die Spannung lässt sich fast greifen. 60 lange Minuten trennen mich vom ersten Pedaltritt zu meinem ersten Radrennen.

Dann geht alles ganz schnell. In die Spitze des Startblocks kommt Bewegung. Ich schwinge mich mit meiner gepolsterten Radhose auf den Sattel meines Rennrades, lasse die Klick-Pedale einrasten und bringe die erste Kurbelumdrehungen hinter mich. Locker geht’s durch die Wartezonen der anderen Startgruppen, die längst auf der Strecke sind. Dann passiere ich die Startlinie. Die Elektronik der Zeitnahme erfasst das Signal meines Transponders, der mit Kabelbindern am Lenker befestigt ist. Mit lautem Piepsen gibt die Startanlage zu verstehen, dass die Zeitnahme aktiviert ist und das Rennen nun auch für mich begonnen hat. Leichter Druck auf den Schalthebel bringt die Kette auf das nächst kleinere Zahnrad der am Hinterrad montierten 10fach-Kassette. Die Übersetzung wird größer, das Tempo höher. Im dichten Feld versuche ich einen runden Tritt zu finden, konzentriere mich darauf einen Zusammenstoß zu vermeiden. Die Fahrer wechseln wie wild die Spuren, stets auf der Suche nach Ideallinie und Windschatten. Immer höher wird das Tempo, auch ich beginne Trittfrequenz und Gänge zu erhöhen. Es will mir nicht recht gelingen, eine Gruppe zu finden, deren Fahrer sich gegenseitig Windschatten spendieren. Mein während der 2.500 Trainingskilometer angeeigneter Rhythmus liegt deutlich über dem der Konkurrenz, also überhole ich am laufenden Band. Mit jedem Kilometer, den ich mich der Stadtgrenze nähere, steigen Tempo und die Zahl der Überholten rasch an. Raus aus dem innerstädtischen Gewühl geht es über die Landstraße, durch prächtige Alleen, in denen sich einige, kleine Hügel versteckt halten. Jetzt zahlen sich die vielen Trainingseinheiten im Spessart und der unterfränkischen Hügellandschaft aus: Ohne Probleme kann ich an den für mich fast lächerlichen Steigungen das Tempo nicht nur halten, sondern deutlich erhöhen und somit weitere Plätze gut machen. Nach etwa 40 Kilometer hat sich eine etwa 20 Mann und Frau starke Gruppe gefunden, die ein homogenes Tempo an den Tag legt. Spätestens jetzt fühle ich mich wie ein Rennfahrer: Rad an Rad in einer langen Kette aufgereiht jagt die Gruppe nach vorne. Jeder übernimmt für ein paar Minuten Führungsarbeit, steht im Wind und bestimmt das Tempo, während sich die anderen erholen.

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Langsam beginnt sich der Startblock „G“ zu füllen: Es ist der letzte von sieben Blöcken. Hier versammeln sich Genussfahrer und Novizen.

Gegenwind bremst nicht

Für die vielen Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke hat die Gruppe keinen Blick, zu hoch ist das Tempo, zu hoch die erforderliche Konzentration. Ungeachtet bleiben Schloss Charlottenburg, Brandenburger Tor, Holocaust-Mahnmal und Schloss Bellevue. Das Feld stürmt Richtung Berliner Süden vorbei an Zehlendorf, Stahsdorf, Sputendorf, Ludwigsfelde. In unglaublichem Tempo passiere ich mir unbekannte Ortschaften, ohne sie wirklich zu registrieren. An Land- und Kreisstraßen ist das Publikum dünn gesät, in den Ortschaften dafür umso geballter: Samba- und Cheerleader-Gruppen, mobile Diskotheken, Blaskapellen oder Trommelschulen begleiten uns Fahrer. Frenetischer Jubel treibt an, lässt die Strapazen vergessen. Nach Ludwigsfelde ist mehr als die Hälfte der Strecke geschafft und das Feld biegt auf die B101 ein. Die vierspurige Landstraße ist am Renntag ausschließlich für Rennteilnehmer freigegeben. Auf der breiten Straße schlägt uns heftiger Wind entgegen, das Tempo hoch zu halten wird immer schwerer, was die Gruppe um mich bis auf sechs Fahrer schrumpfen lässt. Auch Fahrt- und Gegenwind können uns nicht bremsen und so überholen wir immer mehr Kontrahenten, lassen sogar Starter aus der zweiten Startgruppe hinter uns. Nicht ahnend, dass mir ein noch windigerer Streckenabschnitt bevorsteht, setzte ich mich an die Spitze und bestimme das Tempo. Bis auf die beiden Frauen in unserer Sechser-Gruppe wechseln wir uns regelmäßig bei der Führung ab. Unser Leader scheint ein erfahrener Renner zu sein, stoisch kurbelt er in stets gleicher Frequenz, mit stets gleicher Geschwindigkeit. Ich lasse mich wieder zurückfallen, reihe mich am Ende des Sechser-Zuges in den Windschatten meines Vordermannes ein. Ab und zu blicke ich über die Schulter, um die Verfolger zu kontrollieren. Doch die können weder Tempo noch Gegenwind standhalten und lassen uns ziehen. Dann ist die Reihe wieder an mir: Ich befinde mich an der Front der Gruppe und führe diese an die vor uns rollenden Konkurrenten heran. Ein großer Pulk aus wenigstens 30 Fahrern wird nicht nur zügig, sondern schnell überholt. Zielsicher steuert die Gruppe Berlins alten Flughafen an – Tempelhof.

Zieleinfahrt wie die Profis

Die Auffahrt zum Rollfeld des stillgelegten Airports führt durch eine schmale Passage und ist etwas kniffelig, was unseren Sechser-Zug kurzzeitig auseinander reißt. Anschluss herstellen, denke ich. Doch dann trifft mich der auf dem flachen Flugfeld noch stärker blasende Gegenwind mit voller Wucht. Kurz davor abreißen zu lassen, reiße ich mich am Riemen. Im nächst höheren Gang arbeite ich mich Meter um Meter an die sich langsam wieder formierende Sechser-Gruppe. Am Ende der topfebenen, ehemaligen Landebahn fahre ich wieder in vertrauter Runde. Jetzt geht es wieder in die Stadt. Durch Neukölln, vorbei an Kreuzberg sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Ziel. Die Zuschauer werden wieder mehr, feuern uns mit Rufen und frenetischem Applaus an. Die Gruppe hat längst zur alten Geschwindigkeit zurück gefunden und pflügt weiter durchs Feld wie das heiße Messer durch die Butter. Noch fünf Kilometer und wieder forcieren wir das Tempo. Puls und Geschwindigkeit schießen zeitgleich in die Höhe. In für mich irrem Tempo geht es um die Ecken der Innenstadt, ehe uns der Teufelslappen den letzten Kilometer signalisiert. In der Gruppe fallen jetzt alle Hemmungen: Das Klicken der Schaltungen verrät, dass jeder den größten Gang einlegt. Raus aus dem Sattel und mit hartem Tritt geht es auf die Zielgerade. Entlang der Bande tummeln sich unzählige Zuschauer, die uns alle zur Höchstleistung anspornen. Noch 500 Meter bis zum Ziel: In den Pedalen stehend, die Hände im Untergriff, den Mund zur maximalen Sauerstoffaufnahme geöffnet geht’s im Schlusssprint Richtung Zeitnahme. Das gleiche Piepsen, das mir vor ein paar Stunden den Start signalisiert hat, lässt mich erkennen, dass mein erstes Rennen beendet ist.

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Gut lachen nach gutem Ergebnis: Redakteur Uwe Meuren (li.) mit dem Merseburger Torsten Henze (re.), einem der Mitstreiter aus dem schnellen Sechser-Zug.

Mit rasendem Puls rolle ich aus, mit Abklatschen bedanken sich die Fahrer des Sechser-Zuges untereinander für die Zusammenarbeit. Die unbekannten Mannschaftskameraden verlieren sich schnell in der Masse der Teilnehmer, während ich meine Stoppuhr anhalte, den Kinnriemen des Helms öffne und vom Rad steige. Mein Rad-Computer verrät mir, dass ich mein Ziel erreicht habe: Mein erstes Rennen unter vier Stunden zu beenden. Eingereiht in der Schlange der Transponderabgabe beiße ich in einen Energieriegel und trinke gierig den kargen Rest meiner Energiebrause. Im Tausch gegen den Transponder erhalte ich eine Medaille. Nicht meine erste, aber meine erste für ein Radrennen. Ein paar Meter weiter erhalte ich meinen Kleiderbeutel, lehne mein Rad an einen Laternenpfosten und ziehe mir wärmende und trockene Klamotten über. Langsam löst sich meine Anspannung, ich treffe unverhofft einen der Kurzfrist-Teamkollegen und beginne mit ihm zu plaudern. Auch er ist Novize und mit seiner Leistung mehr als zufrieden. Ein alkoholfreies Weißbier hält der Veranstalter für die Rennfahrer bereit, das gerne genommen wird. Ich stoße mit dem noch unbekannten Kollegen an, als wir nach einigen Minuten per SMS die offiziellen Zeiten erhalten. Mein Gegenüber ist ähnlich erstaunt wie ich: Nach 3:07 Stunden habe ich die Ziellinie überquert. Stolz macht sich in meiner Brust breit, während mein Kopf schon rechnet und kalkuliert, wie ich beim nächsten Rennen die 3-Stunden-Marke knacken kann. Langsam, mit unübersehbarer Zufriedenheit, die in breitem Grinsen ihren Ausdruck findet, schlendere ich mein Rennrad schiebend entlang der Start-Ziel-Geraden, über die ich vor etlichen Minuten gerast bin. Mehr als vier Stunden liegt der Start des letzten Startblocks nun zurück und noch immer überqueren Fahrer die Ziellinie. Das soll auch noch eine Weile so andauern, denn der Letzte wird nach 5:14 Stunden im Ziel abgewinkt.

Mein persönliches Fazit zum Rennverlauf fällt überwiegend positiv aus: Mit einer mehr als zufriedenstellenden Leistung habe ich mein erstes Radrennen unfallfrei hinter mich gebracht. In Anbetracht der großen Teilnehmerzahl nicht wirklich selbstverständlich – trotz vorbildlicher Absperrung, nahezu schlaglochfreier Strecke und einigen guten Streckenposten gab es eine Menge Stürze. Gelernt habe ich einiges: Defensives und dennoch schnelles Fahren gepaart mit einer gehörigen Portion Respekt und Anstand gegenüber den anderen Teilnehmern bringen am Ende mehr als es zu Beginn kostet. Das lässt sich auch auf das tägliche Miteinander übertragen. Außerdem war das nicht mein letztes Rennen.

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