Schlaganfall: Therapie-Einsatz für ein Lenkrad


Auf einmal ist alles ganz anders

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Verdammt, warum geht er nicht ans Telefon? Es ist 20 Uhr und ich rufe schon zum dritten Mal an. Der Anrufbeantworter ist auch nicht eingeschaltet. Also muss er doch zu Hause sein. Von einem Freund erfuhr ich, dass der gegen 16 Uhr mit Gerd telefoniert und ihm ein Fax geschickt hat. Aber darauf hat Gerd auch noch nicht reagiert.

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Meine Stimme zitterte, ich bekam ganz kalte Hände. Mein Mann Gerd und ich telefonierten täglich mehrmals, seit ich im hessischen Friedberg arbeitete und nur am Wochenende nach Düren heimkam. Mit fliegenden Fingern wählte ich jetzt die Telefonnummer unserer Haushälterin: „Du musst sofort zu Gerd fahren. Irgendwas stimmt da nicht. Er muss zu Hause sein, aber er geht nicht ans Telefon. Nach einer gefühlten Ewigkeit meldete Olga sich: „Gerd liegt angezogen auf dem Bett, hat die Augen auf, aber er reagiert nicht.“

Gerd wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Und ich wollte so schnell wie möglich zu ihm, 265 Kilometer entfernt, nach Düren. Gegen Mitternacht war ich dort. Der diensthabende Arzt sagte nüchtern: „Ihr Mann hatte einen Hirninfarkt. Das ist aber schon ein paar Stunden her. Zu lange, wir konnten nichts mehr machen.“

Mein Herz blieb stehen und mit einem Schlag veränderte sich alles. Und ich wollte Gerd das Dasein so angenehm wie möglich machen. Zuerst einmal habe ich an seinem Krankenbett die Triangel, an der man sich hochziehen soll gegen ein Lederlenkrad ausgetauscht. Unverständnis beim Pflegepersonal. „Dieser Mann,“ erklärte ich, „ist sein Leben lang Rallyes und Rennen gefahren. Der kennt Lenkräder. Mit einem Dreieck kann der nichts anfangen.“ Dann habe ich die weißen Krankenhauswände dekoriert. Mit Rallye-Fotos und einem Rallyeschild. Als nächstes kaufte ich einen Recorder und bespielte Kassetten mit seiner Lieblingsmusik. Es gibt bei so einem Schicksalsschlag zwei Möglichkeiten: Entweder man macht das Beste daraus oder man resigniert. Ich habe den ersten Weg gewählt. Und das war für Gerd genau der Richtige. Er fand bald auch seine gute Laune wieder.

Gerd war rechtsseitig gelähmt und konnte nie wieder selbst Autofahren, aber er war ein höchst aufmerksamer Beifahrer und genoss das Spazierenfahren. Wir konnten zwar nicht mehr wie bisher Abenteuer-Urlaub machen. Jetzt mussten wir Pflegekräfte organisieren. Beim Spazierenfahren hat mein Mann mich immer wieder erstaunt, dass er ganz genau wusste, wo wir abbiegen mussten, um zum Beispiel in das verschlafene Dörfchen Gribbio (bei Bellinzona) zu kommen.

Da Gerd auch Störungen im Sprachzentrum hatte, war die Kommunikation nicht ganz einfach. Aber eines habe ich nie getan, ihm die Worte vorgesagt. Es war mir sehr wichtig, Gerd nie sein Selbstwertgefühl zu nehmen. Ich habe nichts über seinen Kopf hinweg unternommen und ihn in alle Entscheidungen einbezogen. Selbst wenn wir neue Pflegerinnen eingestellt haben: Immer hatte Gerd das letzte Wort, denn ER musste mit den Damen und Herren auskommen, nicht ich.

Einmal erzählte er mir: „Mein Herzenswunsch wäre noch einmal Nürburgring fahren.“ Da habe ich ihm eine Mitfahrt mit seinem ehemaligen Fahrer organisiert. Gerd war in den letzten Jahren sehr erfolgreich mit Hartmut Röver und dessen 6er BMW. Es war wunderschön zu sehen, wie sehr er sich darauf freute! Zu Hause hat er erst mal – im Rollstuhl sitzend – seinen Fahreranzug anprobiert. Zimmer im Ringhotel buchen, Mechaniker und Pflegerin organisieren. Ein Profi-Filmteam, das damals für auto motor und sport TV gearbeitet hat, begleitete Gerd auf diesem Revival. Ich hatte sogar zwei Pokale besorgt, die ich ihnen danach überreicht habe.

Herausgekommen ist ein Super-Film inklusive Inboard-Kamera, auf denen man sehen konnte, dass Gerd den Ring so gut wie seine Westentasche kennt. Dies fand im September 2004 statt. Es war nicht seine letzte Nürburgring-Umrundung. Aber das wussten wir damals noch nicht. Im Dezember feierte er noch seinen 71. Geburtstag. Ich habe Gospelsänger zu uns nach Hause eingeladen. Weil er Gospelgesang toll fand.

Dann kam im August 2005 Gerds allerletzte Fahrt auf der Nordschleife. In einer Urne. Er hatte sich immer gewünscht, dass seine Asche auf dem Ring verstreut wird. Genau das habe ich gemacht. Seine Abschiedsfeier fand am Nürburgring statt. Ich hatte nur die engsten Freunde eingeladen und darum gebeten, nur ja nichts Schwarzes anzuziehen. Denn Gerd hat uns nicht verlassen. Er ist nur vorausgegangen.

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