Johnny, tout simplement


Zum Tod von Johnny Hallyday

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Jener Tante, die mir schon Gunter Gabriel hatte madig machen wollen (vgl. meinen Nachruf in KÜS magazin 52), war auch Johnny Hallyday ein Gräuel. Dass für ihn nun ein Nachruf geschrieben werden muss, wie zuletzt an dieser Stelle, ist traurig, jedoch Anlass für eine angemessene Würdigung.

„Der ist Yé Yé“: Sie erbrach ihren Kommentar mehr, als dass sie ihn sprach. Aus dem Munde meiner beflissenen Tante klang das wie „Der ist bekloppt“ oder „Sowas zu hören, ist gesundheitsschädlich“. Was die Faszination nur vergrößerte, weil das Geschmähte mehr reizt als das Empfohlene. Welcher Teenager trinkt schon Karottensaft, wenn er ein Colabier haben kann. Das war 1978, und in Deutschland hatte der französische Superstar gerade mit „J’ai oublié de vivre“ einen Hit gelandet. Ich war zwölf, fand Hallyday obercool und mich damit in bester Gesellschaft. Jedenfalls in meiner Altersklasse im Nachbarland.

Tatsächlich stand Johnny Hallyday, bürgerlich Jean-Philippe Smet, für „Yé Yé“, abgeleitet vom Beatles-Refrain „Yeah, Yeah, Yeah.“ Mit 17 hatte er seine ersten Erfolge und knapp 60 Jahre später über 100 Millionen Tonträger verkauft. Mit seiner ersten Frau Sylvie Vartan bildete er das Rock’n’Roll-Traumpaar seiner Generation. Und blieb für seine Fans lebenslang Johnny, tout simplement. Man wusste auch ohne den Namensteil, von wem die Rede war.

Lässigkeit, Lederjacke, Harley und Straßenkreuzer, ein Leben voller Höhen und Tiefen, von Skandalen keineswegs frei. Johnny, der Rock’n’Roller mit der frechen Klappe – „Ma gueule“ hieß dann auch einer seiner Hits. Aber viele seiner ganz großen Erfolge waren Balladen – eben „J’ai oublié de vivre“, „J’ai un problème“ (im Duett mit Sylvie Vartan, damals noch seine Ehefrau) und andere. Darin ist er zwei Sängern gleich, mit denen er gerne und begründet verglichen wird: Auch Elvis Presley und Joe Cocker haben unter ihren meistverkauften Titeln die sanften aus dem Gesamtrepertoire.


Er wirkte immer wie einer, der sich auf sympathische Weise alle Freiheiten nehmen kann. Die Inkarnation eines menschlichen Traums, der sich so doch nicht verwirklichen lässt. Auch nicht für Johnny Hallyday, denn der war – wie sicher viele seiner Fans – durch seinen Beruf in seiner Freiheit eingeschränkt. Betrachtet man seine Discographie und die Zahl seiner Tourneen, wird klar: Hier war ein Schwerstarbeiter unter den Musikern unterwegs.

In Frankreich sei er als Star unerreichbar, erkannte schon vor vielen Jahren Mick Jagger neidlos an. Emmanuel Macron hat ihn präsidial gewürdigt, kaum dass die Nachricht von seinem Tod bekannt war: Im Dezember 2017 ist Johnny Hallyday 74-jährig gestorben. Schätzungsweise eine Million Fans begleiteten ihn auf seinem letzten Weg, und von 700 Motorrädern wurde der Trauerzug eskortiert.

Damals, 1978, hatte ich mir gewünscht, jene Tante würde mir wenigstens zu Weihnachten eine Hallyday-LP schenken. Sie lebte in der französischsprachigen Schweiz, hatte dort Johnny Superstar stets vor Augen und hätte leicht an eine LP kommen können. Pustekuchen. Was es stattdessen gab, weiß ich noch nicht mal mehr. Die vom Taschengeld gekaufte Single aus dem Jahr aber habe ich immer noch. Und eine gute Handvoll CDs obendrein. Und so sage ich ihm posthum, was ich meiner Tante niemals zu sagen hätte: Merci Johnny!

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